wollte klingeln.
Der Bediente entfernte sich rasch, wollte wasser holen, rief ohne Zweifel dem wahrscheinlich noch mehrere Zimmer entfernten Rodewald zu, er möchte später kommen ...
Der Sekretair des Fürsten begegnete aber dem Bedienten schon und hatte eine Karte in der Hand, die er dem Fürsten von dem Harrenden noch übergeben sollte ...
Egon erholte sich etwas und vernahm, was ihm unter fragen nach seinem Befinden gemeldet wurde ...
Der Generalpächter hätte diese Karte abgegeben, die den vollständigen Namen entalte, den er seit acht Tagen führe ... er bäte Se. Durchlaucht um Verzeihung über sein langes Ausbleiben ... Familienverhältnisse hätten seine Rückkehr verzögert ...
Indem las Herr von Zeisel die Worte:
Heinrich Rodewald, Generalpächter der Besitzungen Sr. Durchlaucht des Fürsten von Hohenberg ...
Egon griff nach der Karte, überflog sie ... man brachte wasser ... Er schien sich aber erholt zu haben. Die hülfe war nicht mehr nötig. Der Justizdirektor glaubte sagen zu dürfen:
Es nimmt allerdings gegen eine Persönlichkeit ein, wenn sie gleich Anfangs nicht offen und wahr uns entgegen tritt und dennoch glaube' ich, dieses kleine aus Familienrücksichten beobachtete Stratagem des Herrn Heinrich Rodewald doch der Nachsicht Ew. Durchlaucht anempfehlen zu müssen ...
Diese Vermittelung des wohlwollenden Diplomaten war aber nicht nötig. Egon hatte schon entschieden. Ein furchtbarer Verdacht, nicht mehr Herr seiner selbst, ausser Paulinen von Harder, nicht einziger Besitzer seines Geheimnisses zu sein, hatte ihn wie ein Blitz ergriffen. Das erste Gefühl bei dem Namen Rodewald war das des Entsetzens, der Furcht, der Liebe, der Rührung. Als er aber wieder hörte: Heinrich Rodewald, als er Dankmar Wildungen mit Dem, der ohne Zweifel Der war, der ihm das Leben gegeben hatte, in Verbindung sich dachte, ergriff ihn die entsetzliche, ihn nicht zu Boden schmetternde, sondern zum Zorn, ja zur Wut aufstachelnde Vorstellung von einem geheimen ihn umspinnenden Netze einer bösen verräterischen Absicht ... und nun gar das Wort: Generalpächter der Besitzungen Seiner ...
O sagen Sie dem Generalpächter ...
Der Name erstickte auf der Zunge. Dennoch raffte er sich auf und fuhr zu dem Sekretair fort:
Sagen Sie Herrn Heinrich Rodewald, dass ich ihn jetzt nicht mehr sprechen kann. In einer Stunde reis' ich ab. Nach der Residenz würde' ich ihm den Tag melden lassen, wo ich ihn zu sehen wünsche, falls ihn der Ruf der Gerichte nicht früher dortin vor die Schranken fordern sollte.
Der Sekretair ging mit dieser den Umständen angemessenen Antwort. Herr von Zeisel wurde leidlich freundlich entlassen ...
Keiner Besinnung mehr fähig, gab Egon die Befehle zur Abreise. Er war wie ein zur Flucht Gehetzter ... Melanie erstaunte ... begriff den Zusammenhang nicht ... Nur fort! fort! herrschte der Fürst in dem ihm eignen kalten und unerbittlichen Tone, wenn ein Gedanke ihn einmal mit dem Drang der notwendigkeit ergriffen hatte. Er ass nichts. Er stand Niemanden Rede. Jedermann glaubte, nur ein Staatsgeheimniss könnte ihn so erschüttern, so aufregen. Man gehorchte seinen Befehlen. Aus einer Stunde wurden aber doch zwei, drei, vier, fünf ... trotz Dorette Wandstabler, die Wunder wirken konnte, wenn man ihr etwas aufgab, wie eine solche plötzliche Abreise. Um ein Uhr fuhr man in der Tat erst vom schloss ab. Zuerst wenigstens Fürst Egon und seine Gemahlin, die in die Residenz zurückkehrten nach einem Aufentalte, der statt drei beabsichtigter Wochen wenig über zehn Tage gedauert hatte. Alle hatten sich dies Wiedersehen anders gedacht, selbst der alte Winkler und Mutter Brigitte, die von den zeiten des Feldmarschalls her sich viel schöne Erinnerungen an Trinkgelder und allerhand Lustbarkeiten erhalten hatten. Selbst ihre Frömmigkeit hätten Beide dem neuen Regimente zum Opfer gebracht, wenn es doch nur auch einigermassen nach alter fürstlicher Art und Hoheit hergegangen wäre. Es war aber nicht gewesen und Allen blieb ein Erstaunen, ein tiefstes Befremden, ein Kopfschütteln, ein Raten und Klagen über gute alte, nie rückkehrende Zeit zurück. Die grösste Bestürzung setzte man aber im Ullagrunde voraus bei dem neuen Herrn Rodewald! ... Fränzchen Heunisch sah auch bei ihm nur Tränen und deutete sie auf den guten, immer so heitern, freundlichen, gerechten Dankmar Wildungen und sein Schicksal. Sie war es, die darüber an Selma schrieb. Sie war die einzige Vertraute dieses stillen, Allen jetzt erst sich aufklärenden Verhältnisses zwischen ihr und dem unglücklichen Dankmar gewesen. Als sie den Brief geendet hatte, fragte sie den tief in Gedanken versunkenen Generalpächter, ob er nicht selbst noch ein Wort beifügen wollte ...
Er hörte nicht ... Sein Kopfschütteln nahm sie für eine Verneinung. Sie schloss selbst den Brief an Selma Rodewald auf Tempelheide und trug ihn nach Plessen, von wo die Briefe auf das Postamt zu Schönau befördert wurden.
Siebentes Capitel
Der Spruch des Obertribunals
Zu einer für die Sitten der höhern Stände ausserordentlich frühen Stunde fuhr am Palais des Fürsten von Hohenberg in der Stadt ein Wagen vor, dem eine hohe, schlankgewachsene, schon ältere weibliche Erscheinung entstieg. Sie fand die Dienerschaft in voller Bewegung. So schnell hatte man die Rückkunft der Herrschaften nicht erwartet. Um Mitternacht waren sie angekommen nach einer Fahrt ohne Aufentalt, fast wie vom Sturmwinde dahergeführt ...
Es war ein regnerischer Tag. Die Aussteigende achtete kaum des Schirmes, den der Bediente über sie hielt. Mit raschen