1850_Gutzkow_030_831.txt

achtend, die ihn hüten werden, zu dem Fenster emporriefe: Schläfst du, Wildungen? Fürchte nichts! Mich schwindelt auf der Bahn, die ich wandele! Dein Märtyrertum ist grösser als meine Freiheit! Und wenn du Freiheit willst, ich will sie dir geben, will mit dir fliehen, hinaus in die Welt, in ein Felseneiland, will dies künstliche Gewebe, das mich umsponnen hat, zerreissen, dies Gehäuse zertrümmern ... ich will ein Genosse deines Bundes sein, dieser furchtbar anwachsenden, wie das Erzgeäder in einem Bergschacht verbreiteten und dich vor uns verurteilenden Ritterschaft vom geist ...

Es war ein Augenblick, der ihn so überflog, so aus der künstlichen Selbstbeherrschung und der Aufgabe, die er für die Welt durchführte, hinausschleudern konnte ... Melanie, Pauline, Amanda, das waren Namen, die ihn immer nur starr machten, kalt, entschlossen ... Bei Helenens Namen aber überwehte es ihn wie einer jener weichen Südwestwinde, die wie auf feuchten Schwingen mild und lockend uns plötzlich anhauchen nach langer trockner Witterung ... Die Verführung dauerte aber nicht lange. Sie hörte mit dem Anruf der Wachen auf, die er vom Turme hörte. Es waren Gendarmen, die die Posten wechselten ... morgen in der Frühe sollte der Gefangene in einem verschlossenen Wagen in die Residenz geführt werden.

Ah! der Fürst strich sich gleichsam das Haar von der Stirn zurück. Er vergass, dass sich der Scheitel nach seiner Krankheit völlig gelichtet hatte, während der Rest, der ihm geblieben, schon graue Spitzen zeigte. Er runzelte die Augenbrauen und stellte die Lichter so, dass er nicht in Versuchung geriet, sich im Spiegel zu erblicken. Er war zerfallen wie schon ein welkender Mann, während er etwa dreissig zählte. Aus jeder Kammersitzung kam er erschöpfter. Wenn er bei sich anfuhr, schlich er die Treppe hinauf, warf sich in ein Kanape und verlangte eine halbe Stunde Ruhe um sich her, da er nicht sprechen konnte und vom leisesten Geräusch gereizt wurde. Oft zuckten ihm Muskeln des Gesichts, ohne dass er es selber merkte. Wie tot streckte er sich dann, liess die arme hängen und staunte tief in sich selber, dass diese ohnmächtige Hülle ein ihm selbst noch fühlbares Bewusstsein entielt. Durch narkotische Mittel hatte er oft schon auf Schlaf gehofft. Die natur wurde aber dadurch nur noch mehr gebrochen. Die Gesichtsfarbe wurde gelb, ein Beweis, dass die Leber litt bei einem Ärger, den ihm nicht etwa der Widerstand der oppositionellen Elemente verursachte, sondern die Treulosigkeit seiner eignen Bundesgenossen und die Undankbarkeit Derer, für die er wirkte. Egon stritt gern über Prinzipien. Eine Rede gegen die Demokratie hob ihn, erheiterte ihn. Eine Rede gegen die Partei der reinen Konstitutionellen, gegen die Fractionen Justus und Ähnliche verursachte ihm Appetit für den Mittag, denn er gab Diners, bei denen er kaum mehr als einige Löffel Suppe ass. Aber Das, was an seiner Leber nagte, war die Überzeugung von der tiefen inneren Verdorbenheit des Staates, den er verteidigte, und seiner Organe selbst. Der Ehrgeiz der Beamten, die heimlich den Boden unter ihm durchwühlten, konnte ihm Anfälle von Raserei machen. Er sah da Menschen, die in stillen zeiten emporgekommen waren, nie ein Prinzip hatten als das der Beförderung, auch nie um ein anderes gefragt wurden, da die alte Zeit alle Berufung an die Gewissen der Menschen ausschloss, Menschen, die nun auf bedeutenden Posten stehend sich bei dem grossen Kampfe, den er auszufechten hatte, wie müssige Zuschauer gebehrdeten. Man beneidete ihm hier seine Stellung, die rein eine Folge des parlamentarischen Lebens war. Ohne für das Beamtentum gebildet gewesen zu sein, war er Staatsmann geworden. Seine Jugend, sein Mangel an Bekanntschaft mit dem gewöhnlichen Geschäftsgange der Ressorts, die er durch Ministerialvorstände verwalten liess, während er sich die Prinzipien vorbehielt, nach denen die einzelnen Fälle entschieden wurden, sein Terrorismus, der in der Tat von monat zu monat zugenommen hatte und in eine brüske Reizbarkeit ausartete, alles Das hatte angefangen, ihm seine Stellung sehr schwierig zu machen. Er nannte die neutrale Gleichgültigkeit hochgestellter Beamten Buhlerei mit der Revolution. Er sprach von der mephistophelischen Bosheit der gewesenen Minister, die Gott und dem Genius des Vaterlandes hätten danken sollen, dass er das ihnen mislungene Werk vollführte, die Hydra der Revolution bändigte, und die statt dessen in den Kammern und der Gesellschaft eine gravitätische Ruhe affektirten, jeden seiner Anträge erst prüften, in den Commissionen die gründlichsten Ausweise verlangten und ihn so hinstellten, als wenn er zwar die Ausübung der Macht, sie aber die Macht selber wären. In der Tat hatte sich bei hof und in der Adelskoterie auch schon die Meinung festgestellt, dass diese ganze Politik des Fürsten Egon von Hohenberg nur von der Gnade der grossen durch die Umstände zum Feiern gezwungenen Köpfe lebe, die sich wie Pairs des Reiches im alten catalonischen Sinne gebehrdeten. Die Art Ständevertretung, die Egon selbst früher bezweckt hatte, war eine idee gewesen, die man, als er sie den nächsten Ratgebern des Königs vorschlug, erst bewunderte. Als aber die Emeuten besiegt waren, als man einige Beispiele von Kraft auf der Strasse und in den Vestungen gegeben hatte, als sich tonangebende selbst hochgestellte Demokraten nicht mehr aufrecht erhalten konnten, sondern im Auslande lebten oder sich durch einen Bund nur stärken konnten, der in diesem Augenblicke die einzige Beunruhigung der Gesellschaft war, da drang auch Egon mit seiner Teorie der Arbeit nicht mehr