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wüste Steppe ausbreitet, leiden wie etwa die grossen Männer leiden müssen, die man nur in ehrfurchtsvoller Ferne bewundert und denen aus Scheu Niemand sich zu nähern wagt, wie den höchsten trauernden Schneespitzen der Alpen. Ich hoffte einen neuen, deutschen Armand in dir zu finden und dachte mir darunter einen Bewunderer meines Wertes, einen Diener meiner Launen, ein Werkzeug meiner schon damals gehegten wenn auch nicht ausgesprochenen Plane. Der feine Kopf verstand die Absicht, die ich selbst nicht fühlte. Er sah an Louis Armand, was ich mir unter ihm wohl dürfte gedacht haben und mistraute der aufdringlichen Zärtlichkeit eines Hochgestellten, der in der Tat die probe nicht bestand. Ich verlor ihn, mit ihm Louis Armand, mit ihm Helenen, ich verlor die selbständige Liebe und gewann vielleicht nur die sklavische ... es ist nicht gut, die Liebe Derer nicht ertragen zu können, die sich doch auch ein wenig selber achten.

Der Fürst Egon von Hohenberg war wie seine Mutter. Er wühlte in den eignen Eingeweiden und bestätigte auch darin eine Erfahrung, die man oft an grossen Männern gemacht haben will, dass ihr Denken nicht ihr Handeln ist. Ihr Denken ist ein Auflockern der ganzen Innerlichkeit, ihr Handeln nur Eines, ein entschlossener Aufschwung, eine energische Tat. Die weiche Empfindsamkeit der Grösse würde kein geheimnis der Seelenlehre sein, wenn die grossen Menschen ihre Gedanken belauschen liessen und die Fülle von Erwägungen blossgäben, die sie im Zustande der Ruhe anstellen und die sie nur in dem Augenblick bannen, wo irgend eine Gefahr ruft, irgend ein Entschluss mit Blitzesschnelle gefasst sein muss. Egon sprach klein, ohnmächtig, zagend von sich und in diesem Augenblick hätte das Postorn eines Kuriers ertönen, eine Depesche hätte ihm überbracht werden dürfen, die einen raschen Entschluss erforderte, er würde sich nicht fünf Minuten besonnen haben, den Befehl zu erteilen, der ihm der notwendige und den Verhältnissen angemessene erschien.

Doch blieb es still. Nur ein schärferer Nachtauch fuhr durch die herbstlichen Blätter ... der Fürst schloss das Fenster ...

Noch floh ihn der Schlaf. Noch drückten zu viel der Lasten die Brust eines Mannes, der bei der eisigen Atmosphäre der Politik doch noch nicht ganz in seinem innersten Herzen erstarrt war.

Was trennt mich denn von Euch, sagte er noch hinausstarrend durch die geschlossenen Fenster in die Nacht und die hände zusammengefaltet im Schoosse ruhen lassend, was hat denn unsere Bahnen so unterbrochen, dass sie nicht mehr zusammengehen konnten? Standesvorurteile? Die Verschiedenartigkeit der Interessen? Ihr denkt so, ich weiss es und eine Weile, als ich mit Eurer hülfe an jenem stürmischen Abende in Paulinens Villa das Testament der Mutter erobert hatte, dachte ich selbst nicht anders. Aber schon hatte ich den Träumen widersprochen, mit denen Ihr die Welt zu bessern gedachtet, schon mein System der Pflichten aufgestellt Euerm System der Rechte gegenüber. Was ist zu tun, wenn zwei streitende Gedanken plötzlich auseinandergerissen werden von dem Leben, das dem Einen sagt: Lasse Das! und dem Andern: Tue Das! Die Aufforderung zum Handeln kommt, so lange die Erde stehen wird, wohl an jeden Gedanken zu früh. Immer wird ihm noch etwas an seiner Reife fehlen, immer wird ein Moment ihm noch zu gewinnen sein, die allgemeine Übereinstimmung, und schon soll er handeln, schon das Leben umgestalten, schon sich in der Welt, wie sie gegeben, fest bewähren. Da hatte' ich keine Möglichkeit mehr, mit Euch zu wandeln. Die grosse Aufgabe des Staatsmannes traf mich überraschend, aber nicht unvorbereitet. Ich hatte Das, was Genf, was Bonn und Göttingen mich lehrten, nicht vergessen, in Paris hab' ich nicht aufgehört, mein teoretisches Rüstzeug zu mehren, es zu schärfen, rein zu erhalten vom Roste der Alltäglichkeit. Das Denken, das Lernen, das Aufspeichern war mir, als ich mit dem volk lebte, eine klösterliche Vorbereitung auf einen Beruf, den mir der Zufall schenkte, denn suchen konnte' ich ihn nicht, in dieser süssträgen Letargie nicht, die wir unter Büchern und Frauen empfinden. Es gibt keine gefährlichere Wonne, als die Liebe einer schönen Frau verbunden mit dem Luxus der Ideenbereicherung durch blosses geistiges Aufnehmen aus Büchern, Reisen, allen erdenklichen Wissensquellen, nur nicht dem Born des eignen Arbeitensollens, des eignen Schaffens! Ionischer Himmel, die Liebe Kleopatrens und die Bibliotek von Alexandria ... an dieser höchsten aber gefährlichen Seligkeit des Lebens, zugleichgenossen, sind die grössten Genies zu grund gegangen ... ich wollt' es nicht, ohne darum ein Genie zu beanspruchen.

Die unwillkürliche Erinnerung an Helenen trieb Egon vom Sessel empor. Es schauderte ihn hinüberzublicken auf die Fenster, wo eben Melanie's Licht erlosch ... Helene blieb ein Akkord in seiner Seele, der, selbst wenn sie einem Maler Namens Heinrichson gehören und jetzt mit diesem in Paris weilen konnte, ihm einen Schmerz verursachte, wie wenn er sich plötzlich in einem gefängnis erblickte. Er trat auf mit schallendem Fusstritt, er fühlte sich elektrisirt, er wusste nicht, ob vor Wonneschmerz oder vor Wut, er hätte an Eisenstäbe greifen, an ihnen rütteln mögen ... er konnte sich nicht beruhigen, ehe er nicht die kühlen feuchtansetzenden Scheiben des Fensters an seiner Stirn fühlte. An diese lehnte er sich und dachte mit Klagen:

Was wär' es nun, wenn ich den Mantel nähme, diese Zimmer verliesse, den Berg hinunterschritte, an den Turm träte und, der Wachen nicht