, bis ich freilich durch die grössere Bekanntschaft in dieser Sphäre Eugen's, der mich in sie eingeführt hatte, ihrer überdrüssig wurde und es bald bemerkte, wie ich denn doch dabei in der Gesellschaft eine beschattete und nur untergeordnete Stellung erhalten würde. Es war eine Verirrung. Und doch währte es lange, bis sich meine Phantasie von Lasally, dem noch vor wenig Jahren angebeteten Antinous aller Damen, dem galanten kühnen Reiter und gesuchten, bei allen Kunstausstellungen auf ein Dutzend Bildern dargestellten öffentlichen Charakter, lossagte. Erst als ich den Abend in unserm Garten vorm Tore, wo Lasally mit mir scheinbar harmlos lustwandelte und ich plötzlich erzürnt ausrufen muss: Gott, da ist schon wieder Hackert über den Zaun gestiegen! das Bellen der Hunde Eugen's und Hackert's klägliches Geheul hörte, als Lasally selbst, wie ein Rasender, seine ganze Kaltblütigkeit aufgebend, nach der Hecke lief und ich ihm nacheilend sehen muss, wie zwei seiner Bereiter den Unglücklichen mit langen Peitschen grausenhaft mishandeln und Lasally, Eugen Lasally selbst, ihn mit der Reitgerte wie ein Rasender gerade über den Kopf hieb, während die Hunde seine Kleider zerrissen –
Rege Dich nicht auf! sagte die Mutter. Lass die Erinnerung, Melanie! Es ist ein Jahr her. Ich habe damals Not genug um Dich gehabt, weil ich glaubte, Du würdest von dem Schreck ein hitziges Fieber bekommen.
Ihr verschwiegt mir, dass Hackert auf den Tod lag, sagte Melanie.
Der Vater liess für ihn sorgen ....
Ich erfuhr später Alles, fuhr Melanie erregter fort.
Von der Kopfwunde hat Fritz die schlimmsten Folgen davongetragen. Doctor Hammer, der ihn im Spital behandelte und mir zufällig in einer Gesellschaft begegnete, erzählte mir, dass er Anfälle von Raserei hätte. Wie ein wütendes Tier schlüge er dann um sich, fluche allen Menschen und verfalle zuletzt in eine Erschöpfung, die vielleicht eine nie heilbare Nervenschwäche zur Folge haben würde ....
Es ist traurig. Aber was lässt sich tun? sagte die Mutter bestimmt, jedoch ohne Kälte. Und der Vater handelt edel an ihm ....
Doctor Hammer erzählte zuerst von seinem Nachtwandeln – in grosser Gesellschaft – vor aller Welt ... Meine Verzweiflung, Das anhören zu müssen! Ich hätte in die Erde sinken mögen –
Schon bei uns hiess es, er wandle bei Nacht!
Nie! sagte Melanie bestimmt.
Woher kannst Du Das so bestimmt versichern?
Nie! sag' ich! wiederholte sie der staunenden Mutter. Sein damaliges Nachtwandeln war etwas Anderes .... Und nun genug davon!
Melanie schwieg und warf sich auf die Seite, den Kopf tiefer in das Kissen wühlend.
Die Mutter, des Justizrats "gutes Hannchen", gehörte zu den Wesen, denen nichts unbequemer war, als eine allzu tiefe Erforschung von Dingen, die nur auf Unerfreuliches führen konnten. Sie war eine durchsichtige, verständige, scharfblickende Frau. Sie ahnte durch Inspiration rascher Etwas, als manche schwerfällige Untersuchung langsam ergab. Aber sie liebte es, sich über Das, was ihr möglich, ja wahrscheinlich dünkte, dennoch keine Rechenschaft abzulegen. Sie wollte das Geschick immer nur en profil, nie en face sehen. So liess sie denn auch über dies sonderbare "Nie" getrost den Schleier fallen. Sie wusste, dass in ihrer unverzeihlichen Sorglosigkeit Melanie neben Hackert aufgewachsen und von dessen zügelloser Frühentwickelung in bedenkliche Gefahren geraten war, von denen das aufgeregte, ebenso über die Liebe früh nachgrübelnde Mädchen noch "zur rechten Zeit" wie der Vater damals sagte, befreit wurde .... Und so alles Unangenehme vertuschend, verwischend, beschwichtigend sprach sie mit heiterm Ton:
Lass Das nun gehen, Kind! Wir hätten einen solchen Caliban nie ins Haus nehmen sollen! Es geschah. Es sollte so sein. Wir hatten Mitleid mit dem ungewissen Schicksal eines vor dem Waisenhause einst ausgesetzten Findlings, hielten ihn höher, als wir ihn hätten halten sollen, und müssen uns vorwerfen, dass wir nicht strenger wachten, als er anfing auf schlimmen Wegen zu gehen und sich und Andere zu verderben. Geliebt kann er dich nie im Ernste haben; denn seine Aufführung bewies es nicht. Es kam später Alles zu Tage, was er war und wie er auf die Zerstörung seiner Jugend wütete! Jeannette hat viel gebeichtet. Er verwandelte Tag in Nacht und Nacht in Tag. Am Bureau neben dem Vater schlief er mit offenem Auge. Da musste er in den Nächten wohl mit geschlossenen Augen wachen. Die Lection, die ihm Lasally gab, war nicht nach unserm Sinne, sie war grausam; aber sie hat ihm gezeigt, dass wir ihn nicht fürchten, mag er auch noch soviel drohen, noch soviel mit seiner Kenntniss der Geheimnisse des Vaters prahlen. Wir boten ihm, wenn er uns nicht mehr belästigen wollte, Geld an; er nahm nicht mehr, als wir ihm früher schon ausgesetzt hatten, bis er eine Stelle fand. Und doch, sagt man, soll er so träge sein, dass er nicht die geringsten Anstalten trifft, seine Zukunft von der Abhängigkeit, die ihn an den Vater fesselt, zu befreien. Ach! Kind, es war immer eine böse natur! Bald Verschwender, bald geizig. Bald offen, bald hinterlistig. Und welche masslose Eitelkeit! Ich will nicht davon sprechen, dass er mit seiner abschreckenden Figur, seinem roten Haar, seinen abgerissenen Stiefeln und seiner unausrottbaren Unreinlichkeit sich einbilden kann, noch einen Eindruck auf Dich