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nicht von Glück sagen darf, dass bis dahin vielleicht die Partei Trompetta-Flottwitz am Ruder ist. Der Hof war in Tempelheide, hat sich von Windharfen und Naturmystik unterhalten lassen; General Voland liest jeden Abend die Kapitel seines neuen Werkes über die alchymistischen Vorstellungen, die das Mittelalter mit der natur der Steine verband; die frommen Präsidenten drängen aus der Provinz herein. Wohlan! Man kann bald gelegenheit finden, die Politik zu behandeln, wie jene Helden, die im Zauberwalde Armidens ihre Schwertstreiche auf Feinde richteten, die vor ihnen wie die Luft zerrannen!

Die Fürstin, die ein Grosses und Gewaltiges im Leben nur ertragen und durchführen konnte, wenn eine erwiderte Liebe ihren Mut beflügelte, ihren Arm stärkte, Melanie begab sich zur Ruhe. Zum Turme gehen, eine Befreiung zu wagen, List, Verschlagenheit anzuwenden, wie damals im Heidekrug ... Diese zeiten waren vorüber. Sie ging zur Ruhe ...

Egon aber, als Alles im schloss still geworden und er allein war, öffnete das Fenster und blickte zu den Sternen auf ... Nie haben wir ihn mit sich selbst beobachtet. Nur seine Worte im Gespräch mit Andern, nur seine Taten liessen wir für ihn reden. Es gebührte diese Zurückhaltung dem Bilde einer Persönlichkeit, die Alle als den lebendig gewordenen Egoismus nehmen. Dieser Charakter, fast von Allen verurteilt, die mit ihm in nähere oder entferntere Berührung traten, konnte nur durch die Andern geschildert werden. Aber dennoch dürfen wir an die zerrissenen Empfindungen glauben, mit denen Egon an das geöffnete Fenster seines Schlafzimmers trat, die schon kühlere Nachtluft an seine heisse Stirn wehen liess und voll Wehmut auf den Garten des Schlosses hinunterblickte, auf die Bäume und Boskette, hinter denen der Gerichtsturm des Dorfes Plessen versteckt lag. Wenig über ein Jahr war vorüber und was hatte sich Alles seitdem begeben! Nur die Jedem, wieviel mehr einem Hochbegabten sich aufdrängende Überzeugung, dass wir in einer Zeit der gewaltigsten Umwälzungen inner- und ausserhalb der Menschenbrust leben, konnte die Wandlungen glaublich erscheinen lassen, die seit dem Tage, wo Dankmar in die Gefängnisszelle des Fürsten trat, die er nun selbst bewohnte, diesem geschehen waren! Egon war sich selbst kein Rätsel, aber er fühlte es mit Schmerz, dass er ein furchtbares Andern sein musste. Jener Stunden, die ihn im Turme um die Freundschaft eines jungen, unternehmenden Kopfes werben liessen, gedachte er jetzt mit solcher Lebhaftigkeit, dass er auf einen Sessel niedersank, an der Brüstung des Fensters sein Haupt aufstützte und sich in Empfindungen wie diesen kaum zu sammeln wusste:

Du Ärmster! sagte er sich. Würde Alles so gekommen sein, wenn das geheimnis des Bildes, das geständnis der Denkwürdigkeiten deiner Mutter dich nicht in deiner Bahn plötzlich an einen entsetzlichen Abgrund geführt hätte, wo du die Besinnung verlorst und dich an die einzige dir nahestehende Hand klammertest! Diese Mutter, die sich einbildete, mich Demut zu lehren und mich die Lüge lehrte! Hoffte sie, dass ich von meiner weltlichen Stellung herabsteigen, mein Leben der inneren Beschaulichkeit, der entsagenden Demut widmen würde? Sie hat sich vielleicht nicht getäuscht. Sie hat vielleicht den Punkt getroffen, der meine Zukunft, wenn ich noch eine haben werde, mehr bedingt, als die Liebe, die Bewunderung oder der Hass, den ich in meinem gegenwärtigen Mühen ernte! Aber im ersten Augenblick des Schreckens verlor ich die Besinnung. Die Lüge war hier eine notwendige, eine erlaubte Selbstülfe. Der Makel der Geburt brannte so auf meinen Stolz, der Zorn des Sohnes über eine durch die Religion verblendete Mutter wallte so siedend in mir auf, dass ich gerade mit leidenschaft Das sein wollte, was ich nicht bin. Die Sitte ist auch hier das Gesetz. Die Sitte heiligt auch hier die Unsitte. Es ist wie im Staat, seine Mängel geben nicht das Recht, ihn selbst zu zerstören. Ich bin der Fürst von Hohenberg. Aber dass ich es sein wollte, dass ich mit einem Schrei der Verzweiflung gegen die Entdeckungen, die mit dieser Pauline hätten entschlummern können, mich sträubte, mich gegen mein Schicksal bäumte, Das wurde der Anfang aller Leiden meiner Seele und es ist mir wie ein Bild der Zeit, denn diese Extreme, die mich stürzen werden, verraten noch mehr als ich, dass in ihr etwas morsch und faul ist und man die Prozedur einer sittlichen und strengen Revision mit diesen Zuständen nicht mehr wagen darf!

Es schlug schon elf Uhr vom Dorfturme herüber ... Nächtliche Vögel schossen, rasch im Kreise mit hängenden Flügeln sich wendend, an den Fenstern des Schlosses vorüber ... Egon träumte fort:

Auch Dankmar Wildungen wird diese Schläge der Uhr hören, er wird sie zählen wie ich, er wird auf mich vielleicht rechnen! Oder nein! Er war mir an Einsicht schon damals überlegen, als ich ihm so zerflossen, so abenteuerlich und in der Gefahr feige erschien! Wie war ich hastig, unsicher, von meiner Lage fast bis zu tragischer Besinnungslosigkeit überrascht! Wie schäm' ich mich, als dieser Posa seinem Carlos erwiderte: "Gibt es denn noch Freundschaften?" Du hast Recht. Es gibt keine, Dankmar Wildungen! Und doch ist es eine Wahrheit, dass grade wir Menschen, die die Welt als Götzendiener des Ich's verurteilt, die unendlichste sehnsucht nach Liebe haben! Grade wir Egoisten, wir Kaltgescholtenen schmachten nach dem Tau des Verständnisses, grade wir leiden unter der Einsamkeit, die sich um uns her wie eine