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Fürsten sich immer mehr steigernde Aufregung fiel bald diese, bald jene Meldung. Die wichtigste war die, dass man einen politischen Verfolgten, dessen Spur seit einem halben Jahre verloren gegangen wäre und die man selbst im Auslande nicht wieder gefunden, unter den Dienstleuten des Generalpächters entdeckt hätte und ihn eben zur Haft brächte. War die Meldung vorläufig auch nur eine gerüchtsweise, so war sie doch schon störend genug und die Räte des Fürsten, die sich schon zur Teestunde versammelten, hatten alle Ursache, befremdet zu sein, wie der Generalpächter zu dieser Wahl seines Hülfspersonals käme. Noch kannte man den Namen des Gefangenen nicht. Die Erwähnung des Turmes in Plessen, die notwendigkeit, Verbrecher so nahe am schloss, wenn auch nur so lange beherbergen zu müssen, bis der Befehl zur Abführung nach einem nahegelegenen Landgerichte oder der Residenz gegeben war, war Allen drückend und Niemanden mehr als der Fürstin, die die unangenehme wirkung der Erwähnung des Turmes in ihrem Gemahle, dessen Beziehung zu ihm sie sehr wohl kannte, deutlich genug bemerkte. Die vorfahrenden Abendgäste brachten schon Kunde von der durch diese Verhaftnahme verursachten Aufregung in Plessen. Und nun kam einer der Sekretaire mit dem soeben vom draussen harrenden Oberkommissär gemeldeten Namen: Dankmar Wildungen! Dieser selbst! Der Vielbesprochene, der Allen Bekannte, der nach so entgegengesetzten Seiten hin die Welt in Anspruch Nehmende! Dieser jetzt hier und verhaftet! Egon erblassend tritt hinaus und will Pax selber sprechen. Herr von Zeisel begegnet ihm, noch erschöpft von seinem schwierigen Vorverhör und schon gedrängt von seiner Gemahlin. Auch die Fürstin erfährt den Namen. Ihr Erblassen wird von der Gerichtsdirektorin wohl erkannt, wohl verstanden. Der Generalpächter als Hehler politischer verbotener Feuerstoffe war bald durch die ganze Gesellschaft wie ein seltsames Fragezeichen tausend Auslegungen preisgegeben. Melanie hörte nur, zitterte nur, schwankte ... Egon kam zurück ... ja, es war in der Tat Dankmar Wildungen, derselbe, von dem Alle wussten, dass eine Kette von Zufälligkeiten und Abenteuern ihn mit dem früheren Leben des Ministers in den seltsamsten Zusammenhang gebracht hatte ... Dieser Abend wurde eine Folter. Gespenstische, schattenähnliche Begegnungen von allerlei Menschen unter einander, deren Ja und Nein, deren Excellenz! Durchlaucht! Ja wohl! Ganz gewiss! Haben Sie von dem Wasserfall im Gebirge schon gehört? O Sie sollten einmal die Wanderung nach dem Felsengrund versuchen! kennen Sie Randhartingen bei Abendbeleuchtung? Alles nur wie um der Worte willen geführte gespräche gemischt mit Teetassengeklapper, Kleiderrauschen, Kommen und Grüssen, o eine Phantasmagorie des Nichtigsten und Leersten ... und Das nun aushalten zu müssen, Das schüren zu müssen, wenn der Funke zu verglimmen scheint, Das ersticken zu müssen, wenn die Flammen eines Streites vielleicht zu heftig auflodern ... Die Fürstin sass hinter ihrem Teetopf in Verzweiflung. Der Fürst konnte doch ab und zu. Es wurden doch Türen geschlagen, Pferde trappelten, Säbel klapperten, sie wusste doch, dass Egon, der so oft ihr schon gesagt hatte: er hielte es für die glücklichste Gunst des Zufalls, dass er nicht in die Lage gekommen wäre, diesem ihm einst und noch jetzt als Charakter und Mensch gleich wertvollen Dankmar Wildungen in unmittelbarer persönlicher Feindseligkeit gegenübertreten zu müssen, seine schmerzlichste Aufregung durch fragen, Erklärenlassen, Befehlegeben, verbergen, wenn nicht mildern durfte ... sie aber, die in Dankmar mehr als den Freund ihres Mannes ehrte, sie, die in diesem schloss an seinem arme gezittert hatte, ihn liebte, noch liebte, wie fast jeder Mensch ein stilles, wenn auch entsagendes Sehnen in sich trägt, sie sollte schweigen, sollte von gewöhnlichen Dingen reden, Jeden bezaubern, Jeden gewinnen, den Adligen sich versöhnen ... Sie hielt es nicht länger aus. Gegen halb zehn Uhr sprach sie von unerträglichstem Kopfweh. Die Damen bemerkten, dass sie das Haupt aufstützte. Die Fürstin ist angegriffen! Durch den Saal flog die Trauerkunde von der Migräne der Fürstin. Aber o Himmel, man ist auf dem land. Man ist hier so natürlich, so teilnehmend oder so interessirt zudringlich, dass man von allerhand Mitteln spricht gegen Kopfweh; von einem flachen Messerrücken an die Stirn gedrückt, von Citronensaft, von einem zu öffnenden Fenster ... erst die Räte aus der Stadt gaben den rechten Rat, Aufhebung der Soiree.

Nach einigen Minuten war die Fürstin allein. Egon bestätigte die Verhaftung, erklärte die Identität, verwies vorläufig auf den Turm. Retten, helfen konnte er nicht. Es war zu spät. Melanie fühlte dies Zuspät! nicht sich, wohl aber der Pflichtenlehre und dem Charakter ihres Mannes nach. Er erklärte die Anwesenheit Dankmar's grade bei Ackermann für eine Folge der Liebe Dankmar's zur Tochter des Generalpächters. Melanie bestätigte diese Vermutung als die wahrscheinlichste Auslegung eines Aufentaltes, der der erste trübe Flecken auf dem von Egon so hochgehaltenen Bilde des Generalpächters war. Sie sahen beide Alles, wie es wohl war und wie es sein konnte und schieden voll Schmerz. Egon, der noch zu arbeiten und sein Schlafzimmer im andern Flügel des Schlosses hatte, die Fürstin, die mit Schrecken von ihm hörte:

Es wird diese Unbesonnenheit ihm leicht einige Jahre gefängnis kosten können, die nicht abzuwenden sind, falls die Genossen seiner Verschwörung nicht dazwischen treten. Wenn die Wildungen den Prozess gegen die Stadt gewinnen sollten, erleben wir Verwickelungen, die eine Stellung wie die meinige leicht zu einem Kampf gegen Geister und Zaubereien machen dürften. Ich weiss nicht, ob man