ebenbürtige Ehe nicht. Vielleicht auch eine ihn in stillen Stunden durchschauernde Pietät des Herzens für die Vergangenheit?
Das äussere Glück war also für Melanie selten und gross, aber das innere fehlte. Die Fürstin Hohenberg hatte sich nicht umsonst so besonnen gehalten, als sie sich an die Bewerbung eines Fürsten nicht sogleich wegwerfen wollte. In flüchtige und leichtsinnige Herzen zieht die Tugend oder diejenige Reflexion, die wenigstens wie Tugend aussieht, nicht ohne grosse Kraft ein. Die äussere Würde genügte ihr nicht, sie wäre so gern wahrhaft glücklich gewesen. Ihr Gatte war nicht leichtsinnig genug, sich in Schulden zu stürzen. Ihr Vater entbehrte nicht nur, sondern geriet auch, was sie wohl durchschaute, in die bedenklichsten Schwankungen seines Kredits, wenn nicht gar in Schwankungen seiner Ehrlichkeit. Es war ihr wohlbekannt, wie furchtbar der Justizrat darunter litt, dass alle Welt die bei ihm aus diesen oder jenen geschäftlichen Vertrauensgründen niedergelegten Summen jetzt plötzlich sehen, jetzt plötzlich kontroliren, wiederhaben wollte. Dies Flüssigmachen von Kapitalien, die er nicht unter sieben Siegeln gehalten hatte, sagte Schlurck einmal, schwemmt mich noch eines schönen Morgens selbst in die – er nannte den Fluss, an dem die Residenz liegt, und Weib und Kind schrieen auf, sie wussten längst, was manchmal in ihm vorging ... Egon's Abneigung gegen die Eltern war eine grosse Qual für Melanie. Er hätte die Familie hundert Meilen weit entfernt sehen mögen. Ihm darin widersprechen hätte ihr unwürdig und unklug geschienen. Die Macht der Ehe nach dem Altar ungrossmütig anwenden widersprach ihrem Charakter, widersprach ihrem freien Weltblick, den sie in der Tat der Philosophie ihres Vaters verdankte. Es war dies nichts Geringes in ihr. Der Fürst ahnte es sogleich, erkannte sie, schenkte ihr den unbedingtesten Glauben, liebte sie. Sie selbst wusste es, sie hatte Beweise seiner ihr allein gewidmeten Herzlichkeit, er kannte ihr Leben, ihre Vergangenheit, sogar ihre Jugendverirrungen und entschuldigte sie. Was sie auch erzählte, Egon hatte Alles geahnt, er entsetzte sich nicht, dachte sich in ihre Erziehung hinein, hatte ihren Tränen unbedingtes Vertrauen geschenkt und da sie tief, tief ihm zu danken hatte, so war sie glücklich unglücklich. Die selige Übereinstimmung mit Egon's natur fehlte und sie musste ihn doch nehmen, wie er einmal war.
Mehrere Stunden hatte die Fürstin in trüber Schwermut so für sich hingebracht und bei Allem, was sie vielbefragt anzuordnen, vielbeschäftigt vorzunehmen schien – die Frauen können Das – immer doch einem und demselben Gefühle nachgehangen. Sie war für den Abend in einer andern Toilette, als die sie am Mittag getragen hatte ... Es boten sich oft Tagelang keine Gelegenheiten, mit ihrem Gemahl ein einziges trauliches Wort zu sprechen. Hier in Hohenberg hatte sie darauf gehofft; hier hatte sie sich sogar möglich gedacht, Egon's tieferer natur etwas näher zu kommen. Er war von Paulinen befreit, er befand sich in jener Gegend, an die sich seine Jugend knüpfte und wo ihm selbst in jüngster Zeit noch Abenteuer, ja Vorfälle komischer Art begegnet waren; sie hoffte auf Heiterkeit. Vergebens! Egon blieb überhäuft mit Geschäften, verstimmt, absorbirt, und die wenige Musse, die er sich gestattete, verwandte er in dem ihm angebornen und anerzogenen Instruktionseifer auf seine gutsherrliche Lage, auf die Besichtigung seiner Güter und die Prüfung der ihn wahrhaft überraschenden, ja fast beschämenden Tätigkeit jenes Generalpächters Ackermann, den er auf Empfehlung des ihm geistig verloren gegangenen Dankmar Wildungen zum Wiederhersteller, wenn nicht seines Glücks, doch seiner Ehre gewählt hatte. Die Abwesenheit dieses Mannes, den er bewunderte, peinigte ihn. Er kam zu Melanie, als sie eben mit ihrer Abendtoilette fertig war und sagte:
Es ist leider sehr wahrscheinlich, dass ich aus der Stadt Briefe über Hofintriguen empfange, die wenigstens meine Anwesenheit hier abkürzen. Es wäre mir das widerlichste Begegniss, wenn ich Ackermann nicht mehr sehen sollte. Er würde mich, da die Ernte überstanden ist, jetzt in der Stadt besuchen können, aber ich hätte ihn hier sprechen mögen, hätte so gern von ihm hier mich führen, mir Alles, was er unternimmt, zeigen und erklären lassen. Glücklicherweise war ich vorhin im wald dem Förster begegnet, der von Briefen spricht, die für heute Abend seine Rückkehr ankündigen.
Egon erklärte nun mit der ihm eigenen Vollständigkeit Alles, was er von Ackermann's Einrichtungen schon zu übersehen glaubte. Er wiegte sich in der Vorstellung, dass diesem mann, der so uneigennützige, fast fabelhafte Bedingungen gestellt hätte, gelingen könnte, das Erbe seiner Väter wieder herzustellen und Melanie'n das los, seine Frau zu heissen, auch wahrhaft zu einem fürstlichen zu machen. Melanie hielt diesen auch heute von ihm beliebten Übergang fest und malte alle die Pläne aus, die sie mit dem gesteigerten Ertrage dieser Besitzungen verbinden wollten. Diese luftigen, natürlich nur scherzweise vorgetragenen Träume waren ihr willkommener als die Rundblicke Egon's auf die ihm so wissenswert vorkommende Systematik Ackermann's und seine fragen, die er an Melanie, die Ackermann doch gesehen hatte, glaubte richten zu dürfen: Wie ist sein Wuchs? Ist er alt? Warum trug sich wohl sein Kind in Knabentracht? Wie lange mochte er von Deutschland entfernt gewesen sein? Gesprochen hast du nie mit ihm? Er ist doch ein geborner Deutscher? Was trieb ihn wohl von dem heimatlichen Boden? Wie kam er nur auf den Gedanken, sich grade an meine verlorenen Besitzungen zu wagen?
In diese für den