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. Melanie besass einen Stoss gereimter Verherrlichungen ihrer Schönheit von diesem Musenpriester; selbst nach ihrer Verheiratung noch empfing sie anonym, doch mit leicht erkannter Handschrift, Apoteosen ihrer Vollkommenheit, z.B. diese humoristische, als sie sich lange nicht hatte im Teater blicken lassen, mit der doppelsinnigen Aufschrift:

An eine Schönheit ersten Ranges.

Von einem jetzt

gehassten kritischen Opponenten.

Wie Venus stieg aus weissem Wellenschaume,

Vom Rosenlicht Auroren's überhaucht,

Halb noch den Fuss in Meeresflut getaucht,

Halb siegend schon auf festem Muschelraume,

So schienst du mir, als ich am roten Saume

Der Loge (leider ist der Sammt verbraucht,

Die Muschel viel zu Lampenrussbehaucht!)

Dich endlich wiedersah fast wie im Traume!

O strahlte mir gleich Licht aus gold'nen Toren

Entgegen doch aus Deiner Formen Hülle

Wie einst der hold'sten Zaubereien Fülle!

O könnt' ich wieder Deinen Lippen lauschen!

Wie wollt' ich, Schaumgeborne, Dich umrauschen

Als Welle, fliessend, ewig so verloren!

Die Fürstin hütete sich wohl, Guido Stromer's Dichterehre zu retten. Sie hätte sonst fürchten müssen, Egon so zu reizen, dass er wie Plato alle Poesie aus seinem staat verbannte. Litt sie nicht genug an seiner scharfen Kritik des Lebens, an seiner zersetzenden, wenn auch oft sehr wahren Auflösung aller Charaktere! Sie hatte seit dem Jahre, dass sie Egon kannte, seit den drei Monaten, dass sie seine Gattin war, die Maxime angenommen, ihm nur dann zu widersprechen, wenn er zum Seherze aufgelegt war. Diese Stimmung kam selten bei ihm. Sie liess den reizbaren, von Nachtwachen, von Krankheit, Gemütszerrüttung geschwächten Fürsten in seinen heftigen Invectiven sich nach Lust ergehen und gab nur zuweilen eine scherzende Ergänzung zu Dem, was ihn mit bitterm Ernst erfüllte. So jetzt, indem sie aufsteigend zum schloss, an dem Pavillon, an den Marmorvasen, an der Springkaskade vorüber, wo sie bebend Dankmar's gedenken musste, plauderte:

Ja! Ja! Der Hofrat wäre, wenn du ihn nicht so tragisch ansähest, die spasshafteste Episode eines Lustspiels. Ich will von seinen Umgebungen nicht sprechen, die er eben so wunderlich zu bilden sucht, als wenn wir den Versuch machen wollten, Doretten die Schönheiten von Goete's Fischer beizubringen oder den westöstlichen Divan zu erklären, den sie jetzt noch für ein Tapeziererhänden entstandenes Möbel halten würde. Er lässt sich seine Mühe nicht verdriessen. Aber drollig ist gewiss, dass Stromer im Winter heimlich tanzen lernte. Er wollte auf den Bällen nicht zurückstehen und den lateinischen Zuschauer machen. Whist zu spielen unter den Herren und gesetzten Damen schien ihm mit Recht langweiliger, als sich unter den tanzenden Paaren zu tummeln und schon Wochen lang vor einem Ball bei jungen Damen durch Huldigungen aller Art sich eine Française, eine Polka zu erbitten. Mit grösserem Triumph hat Guido nie auf seine neuesten Artikel geblickt wie auf die Tourenkarte, die er beim Eintreten in die Säle, alle jungen Männer fast umreissend, triumphirend vorzeigte; denn jede Tour war ihm besetzt. Man denke sich Hofrat Stromer auf seinen heimlichen Tanzübungen! Der Balletmeister des Hofteaters, den er dafür überrühmend anerkannte, mit der Violine, die dieser glücklicher Weise selber spieltesonst hätte sich der strenge Recensent auch bei der Kapelle kompromittirtder Balletmeister Befehle gebend: Glissez! Marchez! En avant! und unser Guido mit den langen blondgelben Haaren und der ganzen Wucht seines gelehrten Wissens hopsend, walzend, chassirend, springend bis zum Entrechat!

Die Fürstin lachte selbst. Egon schüttelte nur den Kopf ...

Inzwischen aber waren schon Diener, Sekretäre, ihnen entgegengekommen. Wo man des Allgewaltigen nur ersichtlich wurde, gab es sogleich zu fragen, Befehle zu holen, Mitteilungen zu machen. Eben so ging es der Fürstin, die schon einige Damen der Umgegend vorfand, die ihre Aufwartung zu machen wünschten. Ohne zu wissen wie, war das hohe Paar auseinander und Jedes in die Zimmer getreten, die in gewähltem Geschmack für sie neu hergestellt waren. Die Fürstin bewohnte die so verhängnissvoll gewordenen Zimmer der Mutter Egon's und fand sich in der gebliebenen gotischen, kirchlichen, ihren Neigungen sonst nicht entsprechenden Ausschmückung bald zurecht, da sie schon nach ihrem Sinne befriedigt war, wenn sie nur eigenes, Ungewöhnliches, Gepflegtes sah. Da gab es denn Visiten und kleine Plaudereien, Glückwünsche und Verheissungen, versicherte Hingebung und lauschende Prüfung genug. Von dem forschenden Blicke, wie diese Standeserhöhung hätte kommen können, warum sie kam, ob sie sich zum Guten anliess, ob nicht, war Niemand frei und die Fürstin hielt ihm mit ruhiger Selbstbeherrschung Stand. Sie war die unruhige, von sich selbst hin- und hergejagte Melanie nicht mehr. Ihr Gemahl aber, dem es schon zur andern natur geworden, nach solchen Dingen, die ihn quälten, immer mehr zu suchen, als nach solchen, die ihm wohltaten, hatte sich von ihr bis zur Tischzeit mit dem täglich wiederholten Bedauern entfernt, dass ihn nichts so verstimme wie die Abwesenheit des Generalpächters, eines Mannes, dessen Rückkehr er mit Ungeduld erwartete und dessen so unendlich wertvolle Bekanntschaft, da er Alles, was Akkermann hier unternahm, bewunderte, ihm wohl gar verloren gehen könnte, wenn ihn, was er nicht hoffe, dringende Depeschen zeitiger vom schloss Hohenberg abriefen, als zu bleiben seine Absicht gewesen war.

Die Fürstin fand nach den mannichfachen Konversationen über Nichts, in denen sie bei solchen Standesbesuchen Meisterin war und nur zu lange, zu bezaubernd