echt deutscher Lumpen-Titan, in dessen Gefolge sich eine grosse Erbärmlichkeit unsrer Nation zieht! regte sich nun allmälig doch auf dem grund des Für und Wider selbst auch bei seiner Geopferten. Herr von Zeisel hatte jährlich vierhundert Taler für sie und die Kinder verlangt. Sie selbst wollte, da Hofrat Stromer in eine auswärtige deutsche Staatskanzlei zog, in die Residenz, wo ihr Oleander, der Gefängnissprediger, versprochen hatte, väterlichst die Erziehung der Kinder zu überwachen ... Und Franziska Heunisch hatte so an Umsicht, Lebensblick, Erfahrung gewonnen, dass sie die jetzt weinende Frau durch manches treffende Wort erheben konnte. Sie pries sie sogar glücklich, von solchem Misverhältniss freizukommen und beklagte nur die Umständlichkeit des Scheidens, wo immer etwas Schamloses erst gerichtlich zur Sprache gebracht werden müsste, bis die Trennung erfolge, die doch wie mürber Zunder sich von selber ergäbe. Das war grade der Pfarrerin ein Kummer. Sie hatte klagen sollen! Sie hatte die Beweise führen sollen! Man gab ihr den Beweis der Ehescheidungsgründe in die hände und zwang sie fast, sich um das Leben des Vaters ihrer Kinder zu bekümmern, wie sie gar nicht mochte! Sie war eine wirkliche Gläubige. Sie wollte nichts Böses von Guido wissen. Wozu denn? sagte sie. Was quält man mich? Warum ist die Gesellschaft und das Gesetz liebloser als der Mensch selbst!
Fränzchen entfernte sich und tröstete die bedrängte Frau mit der Nachricht, dass Herr Ackermann sicher noch heute Abend zurückkäme und von Oleander'n Grüsse wie seine eignen Ratschläge ihr bringen würde ... Streng hatte auch Franziska gesprochen, aber so streng doch nicht, wie eben ein Mann zur Pfarrerin sprach, der sie vom Kirchhofe her über die niedrige zerbröckelte Gartenmauer anrief und den sie nicht kannte, obgleich sie die Dame kannte, die an seinem arme hing. Dieser Mann war hoch, schlank gebaut, aber gebückt im gang, hinfällig in der Haltung. Er schien jung und dennoch hing sein Haar nur spärlich von den Schläfen und wo es im Nacken sass, war es ergraut. Er trug einen Oberrock und fröstelte fast. Sein Schritt war sicher, aber das Auftreten schien den ganzen Körper zu erschüttern. Die Reizbarkeit seiner Nerven sprach sich in einem lauten fast schreienden Tone aus. Die ihn fast überragende, weibliche Begleiterin in graugerippter, hochzugehender, seidner Herbstrobe mit seidnen Schnüren und eben solchen Knöpfen auf der Brust, mit dem weissen kleinen Hütchen, dem feinen Battisttaschentuche und dem schwebenden sylphidenartigen Gange kannte die Pfarrerin wohl – und so war es denn der Fürst, der, eben aus dem Mausoleum seiner Mutter tretend, den Kopf emporhob, sein blasses Antlitz über die niedrige Mauer richtete und etwas sehr barsch, etwas sehr rauh die Frage an sie stellte:
Sind wohl die Frau Pfarrerin?
Und noch ehe die Eingeschüchterte, den Fürsten Egon jetzt voraussetzend, sich sammelte, hatte mit freundlichem Tone, mildem Grusse, die silbergraue Glaçehandschuhhand über die Mauer reichend, schon die junge, schöne Fürstin gesprochen:
Guten Tag, liebe Frau Pfarrerin! Wie geht es Ihnen? Es ist ein Jahr her, dass wir uns sahen. Fast hätt' ich so ohne Begrüssung von dannen müssen! Der Fürst spricht von einer notwendigen Beschleunigung der Rückreise.
Vergessen Sie uns nicht! Wie geht es Ihren Kindern? Grüssen Sie sie bestens! Sie hätten uns doch oben besuchen sollen! Adieu, Frau Pfarrerin!
Und so wäre die Fürstin Melanie am liebsten rasch über eine Erinnerung, die ihr peinlich war, hinweggekommen, hätte gern den von dem Kirchhof und dem Mausoleum der Mutter verstimmten Gemahl von diesen Gräbern hinweggezogen – eben standen sie an Gräbern, wo die einfachsten Menschen begraben waren, der Schmied Zeck, Lene Drossel vor Jahren, Nantchen von Sägemüllers, Ursula Marzahn, die Müllerin, Alle still, sanft und auf Gott wartend beisammen – aber der Fürst blieb stehen und sagte zu der den Handdruck der Fürstin zaghaft erwidernden Frau:
Tut mir leid, dass Sie die wohnung verlassen sollen! Dem Hofrat hätt' ich vor einem Jahre sagen müssen: Ihr Genius ist da, wo Ihre Kinder sind! Der Mann hat viel Geist, hat aber auch schon viel Verwirrung damit angerichtet und wird deren noch mehr anrichten ...
Die Pfarrerin schlug die Augen nieder ... Die Fürstin trat verlegen etwas zur Seite ... Egon zu hindern, dass er etwas tat, was er tun wollte, war ihre Sache nicht.
Der Hofrat ist in der Lage, sprach der Fürst in seinem kurzen, polternden Tone weiter, für Sie sorgen zu können, liebe Frau! Fassen Sie diese Sache von ihrer besseren, nützlicheren Seite! Sie werden, hör' ich, in die Stadt ziehen, die Kinder werden einen geregelten Unterricht erhalten. Wieviel Kinder haben Sie?
Die Pfarrerin nannte die Zahl ... Die Fürstin trat noch mehr bei Seite ...
Der Hofrat ist ein reichbegabter Kopf, der eine umgekehrte entwicklung macht, wie Andre, die von der Wildheit anfangen und im Zahmen aufhören. Das wird nicht hindern, ihn noch in vielerlei Wirrniss und zuletzt in die katolische Kirche eintreten zu sehen.
Wäre Das möglich? konnte erschreckend die Verlassene doch nun nicht umhin zu erwidern und ihren Schmerz noch deutlicher in den Mienen auszudrükken.
Sie werden bald davon hören, gute Frau! sagte Egon. Ohne Extrem geht es bei diesen Naturen nicht ab. Das ist die übliche deutsche entwicklung, die Genialität, der Universitätsdünkel des aparten Geistes, dem die gegebene