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, nämlich der Liese Dammler oder Rammler, unbenommen bliebe, sich wegen etwaiger Ohrfeigen oder sonstiger Denkzettel von der Hand des Schreibers beim Generalpächter, im äussersten Falle einer satisfactio denegata, hier beim amt Genugtuung zu holen.

Fränzchen ging nun. Sie empfahl sich voll Artigkeit. Sie hatte die Pfarrerin am Fenster weinen sehen, sie wollte zu dieser Armen ...

Die Magd aber polterte sich nun erst recht aus und wäre leicht nach Requisition Pfannenstiel's mit Gewalt entfernt worden, wenn Pax nicht, der den stummen Zuhörer und Beobachter eines ländlichen mündlichen Verfahrens abgab, auf gewisse höhnische Bezeichnungen des Schreibers aufmerksam geworden wäre und nach mehren leichtingeworfenen fragen herausbekommen hätte, dass jener Schreiber wohl längst seine Aufmerksamkeit verdient hätte. Die Liese nannte ihn gradezu einen Vagabunden, der sich schon im Heidekrug einmal für den Prinzen ausgegeben. Man horchte, man forschte, Herr von Zeisel kam auf die Zeit des Inkognitos Sr. Durchlaucht, der grade eintretende Pfannenstiel auf den Doppelgänger, den Besuch im Turme, es fehlte nur noch der Name Dankmar Wildungen, um hier eine Identität herzustellen, die der überraschendste und glücklichste Fund war, der dem Oberkommissär nur gelingen konnte. Gensdarmen wurden sogleich gerufen, wurden instruirt, zum Ullagrund vorausgesandt, Pax folgte, begleitet von der jetzt plötzlich vom Sonnenschein der Huld begnadigten Liese Dammler oder Rammler; Pfannenstiel staunte und rieb sich mehrere: War mir's doch immer mit dem Schreiber! hinter den Ohren heraus; Herr von Zeisel lief zu seiner Frau und teilte ihr eine wunderbar überraschende Möglichkeit mit, die tausend andre Möglichkeiten in sich schloss. Der Schreiber beim Generalpächter Dankmar Wildungen? Der Freund des Prinzen auf den Gütern des Prinzen verborgen? Aber mein Gott, wie ist Das nur? Herr von Zeisel fühlte, dass hier besonders zwei Möglichkeiten waren, entweder der Miskredit des Generalpächters als eines Flüchtlinghehlers oder wiederum eine furchtbare Bêtise seinerseits, indem er einen Flüchtling aufstöberte, der, weil er einst der Freund des Fürsten war, von diesem selbst in alter anhänglichkeit grade bei den Seinen am sichersten verborgen bleiben sollte ... Frau von Zeisel fühlte dieselbe entsetzliche Alternative, sah das Grauengespenst einer neuen aufsteigenden Dienstgewitterwolke und erholte sich nur erst durch die Einladung, die eben vom schloss kam: heute' Abend um acht Uhr Tee. Die Liste des gallonirten Lakaien, die sie sich zeigen liess, war so lang, dass sie vor Erwägung ihrer Toilette nun keine andern Gedanken mehr hatte als die: Wie vertret' ich mich und die Nutzholz-Dünkerkes! Geh' mir weg, Zeisel, mit deinen Bedenklichkeiten! Ich habe für mich und meine Geburt zu sorgen!

Fränzchen aber, in ihren um das Leid des AdoptivVaters, den sie seit dem Frühjahr gefunden, noch nicht abgelegten Trauerkleidern, genug auch trauernd im Herzen über Anlass und innere Folge dieses äusseren Glückes, wandte sich während dieser Entüllungen und ihrer gefährlichen Folgen zum Pfarrhause, wo sie am Fenster unter den schon herbstlich welken Linden Tränen gesehen hatte. Sie wusste, was diese Tränen bedeuteten. Es tat ihr wohl, als sie eintretend und von dem Leide dieser Frau beginnend von ihr aufgefordert wurde, um der Kinder Willen mit ihr hinauszugehen in den Garten. Dieser Garten lag am Friedhofe. Sonst hatte Guido Stromer hier Rosen geschnitten für Melanie Schlurck, die ihn auf dem Gewissen hatte, den unglücklichen, aus Rand und Band gekommenen Genius. Noch blühten Astern, da und dort dunkle Georginen, trauernde Blumen des Scheidens und des Lebewohls, noch einmal zusammenfassend alle bunten Farben des Frühlings, kaleidoskopisch durcheinander würfelnd von jeder Blume Etwas, aber duftlos, keine ganzen Veilchen, keine Maiblumen, keine Rosen mehr ... Alle hatten dies Ende des Stromer'schen Hauses kommen sehen nach Dem, was man vom wildgewordenen Guido erfuhr. Nun war es da und es kam so grausam wie doch unerwartet. Was hätte die Frau nicht vergeben, vergeben um diese Kinder ohnehin, vergeben auch um sich! Sie wusste, wie wenig sie Guido bot, sie hatte immer gelitten unter dem Schmerz, dass ein Ehrgeiziger sich in ihrer Wahl vergriff und dass die Quellen seiner höhern Erquikkung ihr nicht entströmten. Warum aber so enden, so gewaltsam, so grausam? Stromer hätte selbst am liebsten die geräuschloseste Trennung gewünscht. Er hatte wirklich einen Schwall von glänzenden Worten dem weib geschrieben von der unwiderstehlichen Macht des Berufes, dem inneren Orakel, dem Dreifuss der Sibylle, die über dem hohlen Herzen trone, er hatte sich mit dem heiligen Patriarchen verglichen, der auf Gottes Geheiss Hagar in die Wüste sandte, hatte seine Kinder eine Ismael-Bürde der Mutter genannt, hatte von der Feigheit des Entschlusses gesprochen, an der sein ganzes Dasein gekränkelt, von dem Geier des Prometeus, der einzig und allein einen Titanen strafen könne, und dieser Geier wäre die auch ihm gewiss noch einst kommende Reue, – die Reue hacke wahrhaft dem Grossen die Leber aus, dass es nicht leben, nicht sterben könne, – noch aber fühle er sie nicht, noch müsse er langen nach dem Sitz der Götter, wo diese ihr heiliges Feuer hüteten ... all dies Durcheinander wurde von den Beteiligten, von Manchen, bei denen die Frau Rats erholte, ganz so feierlich genommen, wie es da stand, bei Jenen aus Verehrung, bei Diesen aus Schonung; aber die Quintessenz, die etwa, wenn z.B. Doktor Reinick wäre gefragt worden, gelautet hätte und die auch bei Ackermann im Stillen lautete: Dieser Mann ist ein