1850_Gutzkow_030_819.txt

, dessen mögliches Inkognito in der Residenz keine Macht der schlauesten Inquisition lüften konnte, niemals von einem Friedrich Zeck gesprochen hätte, dem Bruder des Schmieds, der in der Fremde, wahrscheinlich in England, wenn nicht in Amerika lebte oder einer von den Zeck's erhobenen Erbschaft zufolge gestorben wäre? Viertens, wie sich der Förster Heunisch, der taube junge Zeck und die alte Magd des Schmieds Anneliese über diese Vorfälle ausliessen und ob Louis Armand in der Tat nur zufällig bei dem Forstause mit seinem Freunde dem Engländer erschienen wäre, weil er ein flüchtiges Interesse an der Nichte des Jägers gehabt hätte und bei solcher gelegenheit den Schmied überraschte? ... Mit dieser Kriminal-Aufgabe verband Pax dann noch eine politische Nachforschung. Es war den Behörden nicht entgangen, dass über das Postamt zu Plessen und zu Schönau hin sich gewisse Briefe kreuzten, die oft in rätselhaftesten Formen des Styls jenem grossen Geheimbunde anzugehören schienen, auf dessen Sprengung die Behörden alles Gewicht legten. Ja es war vorgekommen, dass eine Zeit lang diese Korrespondenz mit adligen Wappen, längere Zeit sogar mit dem eignen Siegel der Polizeibehörde geschlossen war. Und grade die gefährlichsten Mitteilungen von einer nun bald bevorstehenden grossen Zusammenkunft dieser Geheimbundsglieder waren über Plessen und Schönau mit dem Siegel derjenigen Polizeiabteilung geführt worden, der Pax selber angehörte, sodass Pax schon auf den Schreiber Schmelzing, dessen Käuflichkeit aus dem Briefverfälschungsbubenstück gegen den Major von Werdeck sattsam bekannt war, Verdacht fasste, wenn nicht gar auf Hackert, der doch sonst sein ganzes Vertrauen besass!

Über die Sache der Ludmer hatte Pax nur geringfügige Ergebnisse gewonnen. Ursula Marzahn war tot. Der taube Sohn des Zeck war im Augenblick der Forstausvorfälle grade im Ullagrunde gewesen, nur die einzige Magd des Schmieds hatte ausgesagt, dass Louis Armand den Schmied, um mit ihm in den Wald zu gehen, abgeholt hätte, sonst wäre zwischen ihm und dem Fremden nichts weiter verabredet worden, als ein Ding zu schmieden, das auf jene Stimmschraube hinauskam ... Ergiebiger war Paxen's Forschung auf dem politischen Gebiete. Hier ergab sich Drossel's, des Gelben Hirschenwirts, trotzigste Gesinnung, die sich vermehrt haben sollte, als er die Vorteile der Mitverwaltung des Heidekrugs so allzukurz nur geniessen konnte und Justus dafür eine Art Kompromiss in politischen Dingen mit ihm geschlossen hatte. Ein Geldvorschuss von Heunisch, dem Drossel gradezu die Veranlassung des Todes seiner Schwester Schuld gab, rettete ihn, wie auf einige Zeit den eben so "wühlerisch" gesinnten Sägemüller, der gleichfalls unheimliche Sagen benutzte, den leicht eingeschüchterten, seit dem tod Heinrich Sandrart's und dem Glücke Franziska's von jeder Willenskraft verlassenen alten Junggesellen Leberecht Heunisch zu schrauben und gleichsam über den Löffel zu barbieren. Ja Pax ging soweit, in den Generalpächter, so sehr er von dem ganzen Fürstentum angebetet und vom Minister mit wahrem Bedauern vermisst, ja auf das Ungeduldigste erwartet wurde, Mistrauen zu hegen und es wenigstens vorläufig höchst sonderbar zu finden, dass dieser ohnehin für einen Republikaner geltende Einwanderer sich grade in dem Augenblick von seinem Sitz im Ullagrunde entfernte, wo der Chef der Regierung, sein Herr, sein Patron, sein Richter, der Fürst erwartet wurde. Und nun der murmelnden Misstimmung zu schweigen, die Pax überall wegen des jungen Sandrart antraf, dessen Schicksal man im ersten Augenblick streng, aber unvermeidlich und nach den Gesetzen gerecht, im Verlaufe der Zeit aber viel zu grausam und von dem geist, der jetzt im land herrschen sollte, viel zu rachsüchtig diktirt gefunden hatte.

Wie musste sich der tätige, jeder Ehre, die der Staat nur zu verleihen hatte, würdigste Sicherheitsagent auf das Angenehmste überrascht fühlen, als er auf dem Amtshause Zeuge einer Scene wurde, die seine kühnsten Erwartungen übertraf! Beim Justizdirektor in sein Verhörzimmer eintretend, vernahm er den wüsten Lärm eines Bauernmädchens, das gewählter gekleidet als üblich, keckerer Zunge, als ihrem stand geziemte, vor den Schranken einem jungen, schönen, in Schwarz gekleideten weiblichen Wesen eine Menge von jähzornigen Reden anzuhören gab, die der Herr Aktuar Weisse schon mit dem runden Befehl abschnitt:

Ruhe hier! fräulein wird Sie gehen lassen, wohin Sie will! Unverschämte person! Hat Sie die Redensarten bei dem Heidekrüger gelernt?

Man sah, der sonst so untergebene Aktuar war derselbe Despot von Oben, wie er selber Knecht von Unten war. Diese Stufenfolge ist ganz hergebracht. Und als der Justizdirektor vom Seitenzimmer, wo er eben Butterschnittchen gefrühstückt hatte, eintrat, bekam er vom Aktuar in drastischen Umrissen den Bericht: Die Magd da, Liese Dammler oder Rammler, was wisse er, diene beim Generalpächter, hätte sich dem fräulein Franziska Heunisch da ungehorsam erwiesen und wolle mit Gewalt fort. Sie behauptete sogar vom Schreiber des Generalpächters geschlagen zu sein. Wie Dem sei, fräulein Franziska bestehe darauf, dass sie bliebe. Sie wisse wohl, dass es das aufsätzige böse Mädchen zöge, wieder beim klüger gewordenen Heidekrüger Justus ihren alten Dienst anzutreten, aber vor der Rückkehr des Herrn Ackermann liesse sie Niemanden vom hof und sie müsse ihrem Dienst vorstehen bis nach ausgemachter Sache mit dem Herrn.

Herr von Zeisel fand diesen Bescheid ganz in der Ordnung, lobte Fränzchen's tapfern Zusammenhalt ihres grossen, ihr jetzt schon seit länger als acht Tagen ganz allein überlassenen Wirtschaftswesens, erkundigte sich voll Anteil nach der Rückkehr des Generalpächters, den Se. Durchlaucht mit einer unglaublichen Ungeduld erwarteten, und entliess Fränzchen mit dem Bescheide, dass die Magd ihr zu gehorsamen hätte bis zum Ablauf ihrer Dienstzeit und dass ihr wieder