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entscheiden, wer, wenn Hofrat Stromer den glänzenden Anträgen des Ritters Rochus vom Westen nach der südlichen Hauptstadt folgte, die ostensible Gemahlin des gefeierten, weder dem Islam, noch dem Katolicismus abgeneigten Entusiasten in der dortigen Gesellschaft und für die Eröffnung seiner projektirten "Cirkel" vorstellen sollte? Man erzählte sich, dass Hofrat Stromer oft von den Diskussionen über die Wahl der eigentlichen künftigen Hofrätin handgegriffne Spuren davontrug. Man setzte seinen phantasievollen Vermittelungen der Gegensätze, seinen Blumenkränzen der Rhetorik, die er um die Schwierigkeiten, zwischen Aspasia oder Diotima zu wählen, versöhnend hing, meist nur Rückfälle in die alte unvermittelte Menschennatur entgegen und stellte ihn, den zwischen silbernen Äpfeln in goldnen Schaalen oder zwischen goldnen Äpfeln in silbernen Schaalen verlegen Wählenden, eher wie Buridan's Esel hin, der zwischen zwei Bündeln Heu in zwei Krippen in der Mitte verhungerte. Aber glücklicherweise rettete ihn und sein ergrauendes flatterndes Haar der Ritter Rochus vom Westen, der ihm als erste Bedingung zum Eintritt in die höchste, wieder weltbewegende Sphäre seines Staates die Ehelosigkeit vorschrieb. Und von einer Erörterung dieser eigentümlichen, von der ältesten Wandstabler vollkommen standesgemäss erfassten Wendung der Schicksale des vielgesuchten HalbSchwagers kam eben die Lore, als ihr Vater wie eine Vogelscheuche unter dem Geschwirr des Schlosses stand und eigentlich nur so lange mitfühlender Mensch war, als sein Ohr die verschiedenen Klingeln unterscheiden konnte, die des Fürsten Durchlaucht, die des vortragenden Rates erster Klasse, des vortragenden Rates zweiter Klasse, des ersten und zweiten Sekretärs, des Expedienten A., des Expedienten B.; die drei Supernumerare nicht zu vergessen und die Kanzleiboten, die hier nicht zu laufen, sondern nur zu siegeln hatten, kurz der ganzen komplizirten Maschinerie, die dem Staatsminister auch hierher hatte folgen und von ihm würdig untergebracht werden müssen.

Dorette kam vom Amtshause, war nur eine Stunde fortgeblieben und was fand sie nicht gleich wieder zu ordnen, zu befehlen, zu verhindern! Zwei Kuriere angekommen, einer sogleich abzufertigen; der Staat betraf Doretten nicht, aber es gebührte sich doch ein Frühstück, bis die Depeschen herunter kamen von der Kanzlei ... und diese Besuche, diese Anfragen! Ein Diner von dreissig Kouverts für die mitgebrachte Bureaukratie und den Adel der ganzen Umgegend täglich! Frau von Zeisel und von Sänger, Das ginge noch, die sind zufrieden mit ihren Tischnachbarn und der Ehre ... aber Graf Bensheim, die Sengebusch's, die von Busche's täglich, täglich ein Gesandter, der hierher kommt, seine Aufwartung zu machen, täglich ein Attaché, ein Präsident und dann wohl gar wieder einmal Einer, wie Ritter Rochus selbst, der, wie die Sage ging, selbst kochen konnte, selbst, wie jene Abbé's der alten Schule, in den Gesellschaften die Schürze vorband und einen Salat, eine italienische Olla Potrida anrührte ... alle diese Möglichkeiten und Wirklichkeiten durcheinander und doch keinen rechten Schutz, keine Anlehnung an den Vater, ja noch hindernde Überflüssigkeiten, wie diese alte Beschliesserin Brigitte, der halbtaube Gärtner Winkler! Dorette hatte Mühe, die versäumte Amtshausstunde einzuholen.

Und nun nicht einmal eine Seele, der man sich über das dort oben Vernommene ausschütten konnte? Köchen, Bedienten, Kanzleiboten sagen, was sie erlebt hatte? Das ging nicht. Herr Pax, der Oberkommissär, der politische Spürer, der in der Nähe des Premierministers nicht fehlen durfte, Herr Pax war der einzige, der würdig schien, wenigstens die Mitteilung zu empfangen:

Dreihundert Taler, Herr Oberkommissär, finden Sie Das zu wenig?

War man nicht zufrieden? lautete im Vorüberschiessen die Antwort.

Die Frau wohl, sie weinte nur ... aber Herr von Zeisel blieb bei vierhundert und rechnete an den Fingern die Kinder vor ...

Der Hofrat kann's geben ... Aber die Scheidung ...

Die Frau will nicht, will nicht klagen ...

Ihre Aussagen werden sie dazu zwingen ... Wenn Sie die Briefe zeigen, die Ihre Schwestern vom Hofrat besitzen, wenn ich selber bezeuge, dass diese Ehe längst gebrochen ist ...

Länger dauerte diese Unterredung nicht. Pax wurde von Gendarmen, Dorette von den Wäscherinnen abgerufen ... nur die Worte bekam sie zu ihrem Erstaunen von Pax noch in das Kellergeschoss nachgerufen:

Machen Sie, dass die Sache fertig wird! Ich glaube fast, Durchlaucht bleiben nicht lange. Die Geschäfte in der Residenz sind zu dringend ...

Pax sah die über seine Meldung erstaunte Miene nicht mehr, sondern wandte sich dem Amtause zu. Mit der Aufgabe, sich immer in der Nähe eines Staatsmannes zu halten, der mit Dem, was ihm an der Gesellschaft schädlich erschien, kurzen Prozess machte, verband Pax Zwecke, auf die ihn eigner Instinkt führte. Er war allein hier, ohne Hackert, ohne Schmelzing, ohne Mullrich und Kümmerlein. Aber er forschte mit doppelten Fühlhörnern nach zwei Richtungen hin. Einmal hatte er von dem Assessor Müller und Frau Charlotte Ludmer, seiner Gönnerin, den Auftrag, zu erforschen, ob man sich dabei beruhigen könnte, dass jener Engländer, Namens Murray, für den so grosse Summen und so ehrenvolle Zeugnisse deponirt waren, in der Tat den Schmied Zeck nur niedergeschossen, weil dieser in der Absicht betroffen wurde, dessen Schwester Ursula Marzahn bei Beraubung ihres geheimen Schrankes zu tödten? Zweitens, ob der Inhalt jenes Schrankes in nichts als alten medizinischen Rezepten bestanden hätte, was der Blinde, der Geld vermutete, nicht wissen konnte? Drittens, ob jener Murray