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doch nicht ganz ohne siegreiche Erfolge kämpfe, auf den Weg zu machen, die verhängnissvolle Rückreise nach dem schloss Hohenberg zu dem Ullagrunde anzutreten zur Meldung bei dem Fürsten Egon.

Sechstes Capitel

Die Meldung

Gravitätisch, wie ein Uhu im wald, rings von Elstern, Dohlen, Krähen, andrem vorwitzigen Gevögel umflattert, gefürchtet zugleich und verspottet, vom Jäger ausgestellt zur Lockung, wenn er zahm ist, oder in der Wildniss sich selbst preisgebend, wenn ihm die blöden Augen Tageshelle blendet, – sitzt auf dem Korridor des Schlosses Hohenberg bei Plessen unter mutwilligem, hin- und hergejagtem, sich und Andre neckendem Dienstpersonale, unter betressten Jägern, bunten Heiducken, weiss verhangenen Köchen, Küchenjungen, die wie junge Kakadus den alten nachspringen, unter Kammerzofen und alten borstigen Scheuerfrauen der von der Residenz mit Sr. Durchlaucht gleichfalls angekommene Haushofmeister und Ex-Husarenwachtmeister Wandstabler.

Strohmatten trennen seine schon in aller Frühe eines Sessels bedürftige person von dem steinernen Estrich der Korridore, die trotz der den ganzen Sommer hier betriebenen Reparaturen und Vorbereitungen zum würdigen Empfang ihres Herrn nicht jenen luftdichten Tür- und Fensterschluss haben wie das hochfürstliche Palais in der Residenz. Da lagen zwar viel neue Teppiche auf den Treppen, die Wände waren frisch getüncht, die Plafondsstukkaturen in ihren Defekten ergänzt, Blumen und Vasen zierten nach den Angaben der jungen Fürstin jede unschöne Nische, jeden harten Winkel, jedes kahle Fenster, aber die gebrannten Geister zwickten und zwackten schon in aller Frühe an der menschlichen Aufschwemmung, die da im schwarzen Frack, in Schuh und Strümpfen im Sessel sitzt mit gewichstem Schnautzbart, wie in dieses Fürstentums militärischen zeiten, und sich bei jedem Klingeln in und ausser dem schloss erhebt, um der Würde, die ihr der junge Fürst aus Gnaden gelassen hatte, doch einigermassen noch zu entsprechen. Aber es zwickte hier, es zwickte dort in den alten Gliedern. Alle Kriegstaten, alle Kriegsstrapazen regten sich und wenn auch Doktor Reinick erklärte, in diesen Schultern, den Armen und den Füssen rumorte weit mehr die behagliche und frohgenossene Metternich'sche Friedensepoche, die verschiedene Erklärung der Ursachen hob die wirkung nicht auf. Die beste Behandlung hatte Drommeldei in diesem Falle in der homöopatischen gefunden. Hier liess er die wirkung durch die ihm wahrscheinlichere Ursache bekämpfen. Er riet, den Schrank nicht zu vergessen, in dem Wandstabler die Schlüssel des Residenzpalais bewahrte, und Dore Wandstabler, die Älteste, verstand den Wink; die gebrannten Geister folgten nach Hohenberg und hielten die rheumatischen Störungen noch in der Tat am besten ab, eine Metode, die Herr von Sänger, Wandstabler's früherer Ritt-, jetzt Rentmeister, als er bei Sr. Durchlaucht zu Tische und fast jeden Abend zum Tee, aber mit vielem Rum, geladen war, dem treuen Wachtmeister als die beste für den Fall zugestand, dass man nicht in der Lage wäre, auf die zarten Nerven und die empfindliche Laune eines drittgeheirateten Weibes Rücksicht zu nehmen.

Dore, die Allwaltende in der Residenz, war es auch seit den rasch vorübergeschwundenen acht Tagen hier auf Hohenberg. Schon vierzehn Tage war sie von der jungen liebenswürdigen Fürstin (die bei Egon Alles nahm, wie sie's fand) vorausgeschickt worden, um einen Komfort herzurichten, wie ihn auf dem schloss ein Herbstaufentalt, Egon's erster offner Besuch seiner Herrschaften, bedingte. Die Fürstin hatte nur Komfort verlangt, Pauline von Harder aber, die leider selbst zu kommen sich nicht entschliessen konnte, Pauline hatte Pracht bestellt. Der Fürst hielt eine Mittelstrasse. Er wünschte viel Menschen um sich her, viel Leben und Bewegung, Zerstreuung, Übertäubung vielleicht, wenn man seine Gedanken ganz erriet. An Einsamkeit fehlte es dem jungen Staatsmann schon nicht. Sein ganzes Herz war schon einsam genug. Es fror schon recht auf den höchsten Gipfeln seiner Wirksamkeit. Er fand dort oben an den Gletscherrändern die Alpenrose Melanie, die durch Selbstbeherrschung, klügste Berechnung aller Umstände und die Förderung der mit Egon wie mit einem Sohne verbundenen Geheimrätin von Harder es dahin gebracht hatte, unter legitimen Bedingungen dem Verfechter alles Legitimen für das Leben anzugehören; aber die Gletscher starrten doch und todtes Schweigen ruhte doch auf ihnen, tiefe urweltliche Stille. In Hohenberg wollte Egon Leben, Bewegung, Zerstreuung, und so war bei seinen geringen Mitteln doch nichts gespart worden, um den Sommer über dies verfallne Schloss, den verwüsteten Garten leidlich wieder herzustellen und den Mittelpunkt der Besitzungen auch zum würdigsten haupt jener Umwälzungen und neuen Bildungen zu machen, die sich von des Generalpächters gesegneter Hand hervorgerufen hier überall ersichtlich darstellten.

Dorette Wandstabler war ein Genie des Dienens. Den Vater, so lächerlich und so gefährlich sein Beispiel dem ganzen Hausgesinde, das ihn verspottete, blieb, duldete man teils aus Pietät, teils aus Dank für das Talent der Tochter, das selbst die junge Fürstin anerkannte. Es will viel sagen, von einer neuen herrschaft bewährt erfunden werden, geduldet bleiben nicht aus vorläufiger Politik, sondern aus nachhaltiger Überzeugung. Dorette diente und liebte das Wohlergehen Derer, denen sie diente. Florette und Laura, vulgo Flore und Lore, die beiden jüngeren Schwestern, genossen die Früchte der Mühen ihrer älteren Schwester und konnten mit ihr in Nichts verglichen werden. Die zeiten der Dore, Flore, Lore waren im Palais des Fürsten von Hohenberg vorüber. Die letzteren wohnten nicht mehr in diesem Palais. War nicht ohnehin der geistreiche Hofrat Stromer im Begriff, vielleicht gar eine von Beiden zu seiner neuen Gemahlin zu erheben? War nicht die schwierigste Aufgabe eines Familienrates der Wandstablers gewesen, zu