1850_Gutzkow_030_816.txt

September Nachts um zwölf Uhr meinen Tempelstein. Unten an meiner interimistischen wohnung melde sich wer kommen will, Ritter oder Knecht, Mönch oder Laie, vermummtes Visir oder offnes, eine Reiterstandarte in der Hand oder eine Oriflamme oder eine Orlogsflagge! Von meiner untern Villa schreitet man über eine brücke, die ich zwischen zwei Abgründen aufführen lasse mit hochgeschwungenen Bögen, dem Untenwandelnden scheinen sie ein Tor. Dann hinauf zur Burg! Die Zacken, die Mauern, die Verzahnungen sollten Sie sehen, die unter hundert hämmernden und klopfenden Händen schon aufwachsen! Die Säulen dann umwunden mit Kränzen, von Altane zu Altane Guirlanden wie zu einem Sängerkriege, die Fahne mit dem vierblättrigen Kleeblatt hoch vom Söller wehend ... Sie lachen? Genug Meister Harry! Vorläufig fühl' ich mich nur verpflichtet, für den Komfort dieser neuen Institution zu sorgen und es den Geistern der alten Ritter, die bei uns zur Nacht speisen werden, auch nach Rumohr's Geist der Kochkunst bequem zu machen. Sorgen Sie nur dafür, dass Dankmar endlich sein Arkadien bei Ihnen aufgibt und sich an die Sicherheit der Grenze begibt, die mein Tempelstein fast selber ist. Auf waldiger Höhe, zugänglich nur den Schmugglern und Grenzwächtern, liegt eine einsame Grenzhütte, bewohnt nur von einem Greise in weissem Bart! Halte man ihn für einen Verwandten Rübezahl's oder einen Gnomen andrer Seitenlinien, der Alte vom Berge empfängt Besucher, deren Namen nur in Steckbriefen zu lesen. Dankmar wird von dem Greise längst erwartet; längst hat er das Wort, das ihm oben an der Tannenhütte Einlass verschafft bei'm Alten am Kaffeetopf, den er immer sieden hat, man sagt, um den fernen Gästen durch den Rauch die fast unzugängliche Lage der Hütte zu verraten. Es ist Zeit, den Alten mit dem Wort aufzujagen und Dankmar'n alle kleinen Bequemlichkeiten zu verschaffen, die die Gäste der Hütte vom Tempelstein geliefert erhalten. Sie sollten unsre kleine romantische Existenz dort unter den Eulen und Füchsen kennen! Ich nehme Abschied, weil meine Anwesenheit dort nötig wird; ich reise, um die Zimmer zum Empfang der Baronin Dystra herzurichten.

Rodewald würde schon, gedrängt von diesem neuen Beweis der wachsenden idee des Bundes, beruhigt über Selma's nächste Zukunft und Anna's sorgfältig mit ihm besprochenen weitern Bildungsplan der Tochter, zurückgereist sein, hätte ihn, nach einem Besuche bei dem in Trauer um Selma's ihm abgewandtes Herz vom Ullagrund geschiedenen und in Liedern und dem schwersten Lebensberuf sich tröstenden Oleander, nicht Murray gefesselt, den er zu seinem wunderbarsten Erstaunen von Dystra als jenen todtgeglaubten Morton bezeichnen hörte. Sie leben, alter Freund? rief er Murray zu. Sie leben als Geizhals in dieser Mördergrube? Sie stellen sich tot, um von Ihren Verwandten bei Ihrer Rückreise nicht geplündert zu werden? Was treiben Sie hier? Wer ist um Sie? Wer sorgt für Sie? Erfuhren Sie, dass ich Ihr Geld richtig abgegeben, an Menschen, die sie für Ihren Bruder erklärten? Sind Sie der Bruder jenes Schmieds, der von der Hand eines Fremden tödtlich getroffen wurde? Und Sie waren wirklich selbst dieser Fremde, Sie selbst das Werkzeug dieser Strafe, die einen Menschen traf, der, wie Louis Armand beschworen hat, eben die eigne Schwester tödten wollte? Sie heissen Friedrich Zeck, nicht Morton, nicht Murray, wie ich nicht Harry, nicht Ackermann, sondern Rodewald?

Die Folge dieser Begegnung, die wirkung dieser fragen war für Murray, der an einer Kupferplatte sass und wie aus Träumen auffuhr, so furchtbar, dass sich zwischen ihm und Rodewald dieselben Stunden wiederholten, die im vorigen Herbst zwischen ihm und Louis Armand auf dem schloss von Hohenberg nur der Sturmwind, der an den Fenstern rasselte, die knisternde Flamme des Ofens, das singende Heimchen im siedenden Teetopf belauscht hatten ...

Sie jener Rodewald, auf den Baron Grimm folgte? sagte Friedrich Zeck fast sprachlos.

Rodewald wusste nichts vom Baron Grimm ... aber was er von ihm, über und durch ihn jetzt erfuhr, liess ihn schaudern. Diese Pauline! rief es in ihm wie im wildesten Aufruhr aller Seelenkräfte. Und Ihr Sohn?

Ist gefunden ... Lebt!

Die Tür ging auf. Hackert trat ein ...

Das ist er! sagte der Vater, der ihn vor Rodewald nicht verläugnen wollte.

Rodewald stand wie erstarrt. Er erkannte diesen blassen, jungen, verdriesslichen Mann. Er erkannte dies rötliche Haar, dies hellblaue Auge, dieses fragende, bittre Lächeln ... Es war der Gefährte von der Landstrasse, der Nachtwandler vom Heidekrug ...

Hackert erkannte auch den Fremden und grüsste ihn mit dem Scheine, als wollte er sagen: Was ändert denn nun Das? Ihr hättet mir die Teilnahme, die ich jetzt finde, auch früher schenken können, denn ich denke doch, ich bin derselbe Mensch!

Aber Rodewald erkannte mehr in ihm, er erkannte Paulinen ... er sah sich Egon, dem Fürsten von Hohenberg, gegenüber, Paulinen diesem Hackert ... er unterdrückte, was er empfand.

Er musste sprachlos scheiden von dieser ihm jetzt aus Friedrich Zeck's Mitteilungen über den mit dem Sohn befolgten Erziehungsplane erklärlichen armseligen raum, er musste scheiden voll innigsten Jammers, herzzerreissenden Schreckens, er bedurfte der ganzen friedlichen Sammlung, die in Tempelheide über ihn kam, um sich endlich, gehoben nur durch das Gefühl, dass das Gute in der Welt mit dem Bösen zwar mit ungleichen Waffen, aber