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gebundenen Berufes gewirkt hatte. Der Greis klagte über die Richtung der Loge. Er hatte sie ganz an Gelbsattel, Rodewalds Schulpforter Genossen, überlassen müssen. Sie hat, sagte er, einen Trieb zur Nüchternheit, zur leersten Verschönerung des Lebens bekommen, der mich abschreckte, länger für sie zu wirken. Ich weiss wohl, die tiefere und geheimnissvolle Richtung der Loge ist zu unwürdigen Zwecken misbraucht worden, die sich in Lug und Trug verloren. Aber so ganz diesen Bund auf Nichts zu stellen, wie es jetzt eingerissen ist, so ganz ihn alles Zusammenhanges mit grossen geschichtlichen Ideen entkleiden und ihn nur in eine Art feinerer Liedertafel umzuwandeln, wer möchte da noch mitgehen? Man hat Diejenigen steinigen wollen, die wie einst Bruder Krause und Mossdorf unsere Geheimnisse verrieten, aber man ist hinter diesen, die nur zur Reform unsres Bundes Öffentlichkeit wollten, weit zurückgeblieben. Wohl weiss ich, dass das graue Alter unsrer Kunsturkunden nicht zu ermitteln ist, aber der Geist, der sich in der Loge sammelte, war jener immer landflüchtig gewordene Geist der Johanneslehre, die vor Christus schon bei Plato, Sokrates, Virgil christlich dachte, d.h. jener Lehre der überall vorhandenen Christlichkeit, wo reines Menschentum waltet. Das ist der Angelpunkt der Welt und der geschichte. Die Humanität beginnt mit Duldung gegen Alles, was ausser uns lebt, mit dem Tiere, der Pflanze. Was ist der Mensch? Ein Ursachentier, sagt Lichtenberg. Die andern Tiere sind Wirkungstiere. Wir sehen, was da wird, blüht und vergeht. Wir fragen, warum ist die Schöpfung? Aber dass wir keine Auskunft wissen, stellt uns allem endlich Lebenden gleich. Dieser allgemeine Glaube ist der, der immer parallel ging mit den rohen und brutalen Erscheinungen der geschichte, der Teologie, der Politik, der Sittenlehre. Neben dem Heiden- und Christentum, neben den Staaten der Griechen, Römer, Franken, zog sich doch dieser einige Faden der reinen Menschheitslehre von Pytagoras und Tales herab bis auf diejenige Philosophie unserer Tage, die des Namens würdig ist. Für diese Lehre ist der Menschheitsbund die grösste Geschichtstat. Zu ihr gehörte Jeder, der Humanität übte. Die Loge wollte die Lehre vom wahren Tempel wieder aufnehmen. Wie oberflächlich hat sie es getan! Sie konnte Grösseres wirken. Das Christentum war erst auch ein Geheimbund. Es war erst auch eine Religion bei verschlossenen Türen. Das Christentum war auf Logen begründet, die man Agapen nannte. Man speiste zusammen und feierte seine Erinnerungen. Die Loge hat viel gut zu machen, wenn sie nicht zerfallen will. Als sie vor vierzig Jahren in Deutschlands wüstester Zeit sich weigerte, ihre Mission zur Heranbildung eines Menschenbundes anzuerkennen und sich nur der Lehre von einer laxen Brüderlichkeit und gegenseitigen Förderung innerhalb der gegebenen Lebensverhältnisse ergab, hatte sie ihre Bedeutung für die geschichte verloren und wird in Apatie, Überschuldung und bei vielen Einzelnen in Mangel an Appetit zu grund gehen.

Der Greis hatte seine Rüge scherzhaft geendet, zum Bedauern Rodewald's, der von einer Annäherung an Dankmar's Ideen überrascht war und fast verstummte über die wunderbare Fügung, dass der Präsident, er wusste es selbst nicht, die gelegenheit in der Hand hatte, seinen Traum von einer grossartigeren Entwikkelung der Freimaurerei wahr zu machen. Gern hätte er Dankmar'n Kunde von etwaigen Aussichten seines Prozesses gebracht, aber Otto von Dystra, den er in seiner wohnung in der Stadt Rom begrüsste, bemerkte ihm sogleich, dass ihr gemeinschaftliches Interesse für die Gebrüder Wildungen von diesem in Amtssachen drakonisch strengen und gewissenhaften Greise nichts hervorlocken würde. Dystra's Beziehung zur Comtesse Olga schien Rodewald, der an die anorganischen Verbindungsgesetze der grossen Welt gewöhnt war, nicht so komisch wie dem Touristen selbst. Von Siegbert's Beziehung zu Olga wusste Rodewald nichts. Dankmar hatte sich wohl gehütet, seinem im Ullagrunde nicht sehr empfohlenen Bruder noch die Bürde einer solchen in der Luft schwebenden Liebe aufzuhängen. Dystra war in der Hauptsache der Alte, an Allem interessirt und für nichts auch nur einen Tropfen Bluts, dafür mit Freuden einen Beutel Geld lassend, ganz wie es in der Oberflächlichkeit einer Zeit liegt, die auf Kommunikation und Beschleunigung der Mitteilungen, auf den leeren Formalismus der Gedankenwelt, auf Stenographie, Autographie, Lichtbildnerei u.s.w. ihr grösstes Gewicht legt; doch überraschte ihn Dystra eines Abends durch das Zeichen der Ritter vom geist. Sind Sie Mitglied des Bundes? fragte Rodewald erstaunt. Ich baue vorläufig dem Bunde eine Kapelle, sagte Dystra, ich baue ihm ein Archiv für seine Statuten, im Notfalle Kasematten für seine Märtyrer. Sie werden staunen, wenn wir den ersten Bundestag halten. Am Ufer eines majestätischen Stromes erhebt sich, in der Nähe des Königlichen Schlosses Buchau, ein bewaldeter Bergesrücken, auf dessen Mitte der Tempelstein eine Warte des schon staunenden Reisenden ist! Schon erheben sich Mauern und Türme. Arkaden verbinden die Höfe, die vom Schutte gereinigt sind und neu wieder sprudelnden Quellen Raum lassen mussten. Die Sommerhalle und die Winterhalle harren schon des wohnlichen Schmuckes, den ich in Belgien, Holland, am Mittelrhein und in Franken für sie fertigen lasse. Parkanlagen schafft ein königlicher Gärtner, er weiss es nicht, welche Orakel unter diesen Bäumen gesprochen werden sollen. Rodewald, es war schön unter Ihren rotbraunen Urwaldsbäumen! Aber es ist schöner, sich einen Garten zu zaubern, wo uns nicht Wilde, höchstens die Häscher der weltlichen Hermandad überfallen können. Komme, was kommen mag! Ich eröffne im nächsten Jahre zum