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dass ich jemals auf das Anerbieten einer Versöhnung hätte rechnen können. Jetzt, wo sie auf's Neue eine grosse Rolle spielt ...

Rodewald wusste, dass Egon ihr ganz gehörte ...

Jetzt sucht man selbst von Seiten des Hofes mich für eine Annäherung zu gewinnen; ich weiche aus. So lange Dämonen wie jene Charlotte Ludmer in ihrer Nähe weilen ...

Lebt die Ludmer noch? sagte Rodewald gelassen staunend ...

O die ist zäh wie Schlangen, die auch zerstückt noch nicht sterben können, sagte Anna. Ich tröste mich immer, wenn ich von dem Vielen, was die Welt Bedenkliches über Paulinen sich erzählt, die Schuld auf jenes Wesen werfen kann, das wohl zu tief mit Paulinens Vergangenheit verwachsen ist, als dass sie jemals wagen könnte, sich von ihm zu befreien.

Rodewald kannte Paulinens Lage und Verhältnisse. Von der Irrung, die der seinigen folgte, von der geschichte des Baron Grimm, den er so oft am Missouri in der person jenes Morton erblickt hatte, während Morton in ihm den englisch gewordenen Master Harry, jetzt nur den Generalpächter Ackermann kannte, wusste er nichts. Anna fühlte sich nicht veranlasst, über das Leben ihrer Schwester dem mann Entüllungen zu geben, den sie in diesem Augenblick froh und glücklich sehen wollte. Sie gestand zu: Es wird aufsehen machen, grosses aufsehen, wenn es heisst, jener einst von der schönen Welt ebenso wie von den Staatsmännern und Gelehrten bewunderte Heinrich Rodewald ist zurückgekehrt, ist ein einfacher Ökonom geworden, hat die Güter des Fürsten von Hohenberg gepachtet, hat der alten Landrätin von Harder auf Tempelheide ein Abbild ihrer hingeschiedenen Tochter, eine Enkelin, überbracht ... ja, Rodewald, sagte sie, als dieser lächelte, ja man hat das Gedächtniss für die alten Tage nicht ganz verloren und spricht Das, dessen man sich fernher erinnert, mit grosser Schonungslosigkeit aus ...

Nein, nein, unterbrach Rodewald, die neue Freiheit Deutschlands macht nur, dass solche Verhältnisse geringfügig erscheinen ...

Anna aber liess sich nicht nehmen, dass noch Tausende lebten, die da staunen, die Köpfe zusammenstecken würden ... Und schon die einzige Pauline, die Ludmer! sagte sie. Erschrecken Sie nicht, ihnen wieder zu begegnen?

Meine Wege sind nicht die ihren ...

Aber Selma! Ich gestehe, dass ich mich rüsten muss! Die überfallen mich gewiss und geben sich das Ansehen, dies Kind mit ihrer Liebe erdrücken zu müssen! Wenn Das wäreha, ich werde bitter ... Kommen Sie, Rodewald!

Anna wollte aufstehen, aber eben kam Selma und Olga Arm in Arm aus dem haus ihnen entgegen. Rasch benutzte Anna die noch übrige Zeit, dem Schwiegersohne zu sagen:

Dies blasse Mädchen ist die Tochter einer Fürstin Wäsämskoi, die mir dies Kind, weil es aufmerksamer Führung bedarf, zur Pflege hinterliess. Ich bin erstaunt, welchen Eindruck Selma schon auf diese eigne natur gemacht hat! Ich wäre glücklich, wenn sich diese Mädchen verständen und jede zu ihrem Guten noch das Gute der Andern sich hinzutäte.

Indem noch Rodewald lächelnd sagte: an Schlakken, die dann ausgestossen werden müssten, würde' es auch bei Selma nicht fehlen, kamen die Mädchen und gaben die Absicht zu erkennen, durch das offen dargestellte Bild ihrer schnell gewonnenen Vertraulichkeit die Ältern zu erfreuen. Selma sagte, dass sie schon wisse, wo sie nun der erste Morgenstrahl wecken würde, aber sie wäre unruhig und würde ihre Nachbarin viel plagen, von der sie hörte, dass sie bis neun Uhr schliefe. Mit der Möglichkeit zu scherzen war hier schon viel gewonnen. Rodewald lehnte jede weitere Gastfreundschaft ab, trat an seinen Wagen, mit dem er in der Residenz einzukehren gedachte und verliess Tempelheide mit dem Versprechen, morgen in den ersten Stunden wieder bei den Frauen zu sein.

drei Tage hatte Rodewald für diese Reise bestimmt. Er fühlte die notwendigkeit, sich bei zeiten am fuss des Hohenbergs einzufinden und dem Fürsten seine Aufwartung zu machen. Dennoch hinderte ihn daran eine unüberwindliche Befangenheit. In Tempelheide hob ihn Alles, auf dem Hohenberg hätte ihn Alles erniedrigen müssen. Dort konnte er sein Haupt erheben und im Licht der Wahrheit verklärt wandeln, hier hätte er die Augen niederschlagen, sich vor sich selbst entwürdigen müssen. So wurden aus drei Tagen fünf, aus fünf acht. Es fesselte ihn ausser Oleandern wenig in der grossen Weltstadt. Er sah sich wohl die neuen Denkmäler und Bauten, die Sammlungen der Kunst an, aber die Eindrücke konnte er erst bei Anna und den Kindern zurecht legen. Auch dem Obertribunalspräsidenten wurde er vorgestellt und, wie sich von dem Humanitätsfreunde erwarten liess, mit Nachsicht beurteilt. Die Urenkelin stand dem Greise bald näher als Olga, nicht durch die Verwandtschaft allein, sondern auch durch die leichtere Art, aus sich herauszugehen. Wie aufmerksam lauschte Rodewald dem weisen Freunde der natur und des Lebens! Wie schnell fand er sich in die wunderliche Neigung zu den Tieren! Er verglich diese Richtung einer auf die allgemeine Seelenlehre sich gründenden Weltauffassung mit den herrschenden Doktrinen des Tages, dieser grösseren Fülle an Material, strikteren Form der Beweisführung, aber geringeren Rückwirkung auf die Bildung des Herzens. Da Rodewald zufällig in der amerikanischen Union Freimaurer geworden war, konnte er sich bald überzeugen, dass in der alten Excellenz der Naturalismus seiner Anschauungen nicht ohnmächtig als todtes Pfund in der Erde lag, sondern oft genug nach aussen hin auch über die Grenze seines nächsten durch die gesetz