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die rechten Sonnenstrahlen auf sie fallen!

Während sich Selma in der für sie vorläufig bestimmten Lokalität zurecht fand, wollte Rodewald gehen, aber Anna zog ihn in den stillen klaren Abend, zog ihn unter den Pavillon und drückte ihm voll Vergebung die Hand. Er wollte sprechen, erzählen. Anna duldete es nicht, weil er sich selbst anklagte. Ich bin Schuld, sagte sie, ich, dass ich an der unverwüstlichen sittlichen Kraft eines edlen Mannes zweifelte! Welcher Hochmut war es, der mich trieb, Sie zu verurteilen, Rodewald! Alle Steine, die die Welt auf Sie warf, hätten sich mir selbst in Blumen verwandeln sollen, da mein Kind Sie liebte. Pauline konnte nichts erfinden, als sie vor Selma von Ihnen wie von einem Ideale sprach! Ich zerstörte es, aber mit ohnmächtigen Werkzeugen. Jeder Fehler, den ich Ihnen nachsagte, verwandelte sich vor dem einmal bezauberten kind in eine Tugend. Ich war so durchdrungen von Paulinens Verräterei, ich glaubte nichts Anderes, als, sie bindet, wie Das täglich geschieht, den Mann ihrer Liebe an ein unbedeutendes Mädchen, um ihn stets in ihren Fesseln zu behalten, nie mehr zu verlieren, denn selbst die Rechte der Verwandtschaft mussten Sie zuletzt in ihre Nähe bannen. Ich sah Das vor mir, sah Arrangement, sah Verabredung frivoler Gemüter. Ich habe nie so in Flammen gestanden wie damals, als ich in meinem Zorn mich selbst verzehrte und all mein Lebensglück. Ich danke Ihnen, Rodewald, dass Sie mir verziehen und mir auf die letzten Tage meines Lebens diese überschwängliche Gnade schenken, Ihr Kind bringen, Selma's Kind, und dass Sie's Selma nannten!

Tränen erstickten die stimme der Vielgeprüften, die seit dem frühen tod eines jungen, gutmütigen Gatten ihr Leben zu einer Schule der Entsagung gemacht hatte. Rodewald gestand ihrer Abneigung gegen ihn jede Berechtigung zu. Das Tragische unserer Lebenserfahrungen, sagte er, bestünde eben in dem Zusammenstoss von Interessen, wo jedes auf seinem Standpunkt rein und wohlbegründet wäre, und das seinige wäre es nicht einmal im Anfange gewesen, sondern erst geworden durch die Hingebung, die unaussprechliche Güte und das kindliche Vertrauen jenes Mädchens, das er zur Gattin wählte und dem er kein besseres Angebinde hätte verehren können als einen neuen Menschen. Fort von diesem Boden der Lüge, fort aus diesen Fallstricken ewig wiederkehrender Gefahrdenn, beste Mutter, sagte Rodewald, Das werden Sie auch als notwendig im Leben anerkannt haben, die Versuchung darf nicht zu nahe stehen, wenn zweifelnde Augenblicke über uns kommen. Oft hatte' ich selbst noch in Amerika, nachdem wir Frankreich, England bereist hatten, irgend eine kleine Irrung mit Selma, irgend einen nicht stimmenden Akkord, aber wir mussten ihn unter uns auflösen, wir konnten nicht mit unserm Kummer falsche Tröster finden, die die Wunde statt zu heilen, nur weiter aufrissen, wir mussten uns selber wieder erkennen und es ging. Diese Ehe hat mir nach vielfach zerfahrner, oft poetischer Irrungich will nicht wie ein Büssender sprechendie Sammlung meiner selbst gegeben. Ich wurde zufrieden und lernte die Grenze würdigen, die dem Leben gezogen ist.

Anna hielt Rodewald's beide hände und sass so ruhig neben ihm unter den Sternen. Noch sprach er von der nächsten Zukunft, Anna billigte Alles, wenn sie nur Selma behielt. Ihr will ich mich widmen, ihr die letzte Kraft meines Lebens geben! sagte sie und erst nach längerm Träumen kam ihr die Frage: Und Sie, Rodewald? Der Vater, der höhere Rechte hat, als ich? Vergeben Sie, wenn ein Jahrelang so ungestilltes Sehnen unersättlich ist!

Wie staunte Anna, als Rodewald von seiner Pachtung der Hohenbergischen Güter sprach! Sie wusste nichts von Rodewald's Beziehung zur Fürstin Amanda, die ihr eine teure Freundin in erster Jugend gewesen, aber seit der Heirat des Generalfeldmarschalls entrückt war. Sie konnte mit stiller Freude vernehmen, dass Selma's Vater in ehrenvollen Verhältnissen ihr so nahe bleiben würde und als sie von seinem vorläufig angenommenen Namen Ackermann hörte, als sie sich beklagte, dass ihr über ein Jahr lang Selma entzogen war, wo Ackermann schon in Deutschland weilte, hatte sie jetzt nur die eine sorge noch auszusprechen, die sich in dem Namen Schwester Pauline! kundgab.

Wie lebt Pauline? fragte Rodewald.

Sie lebt, wie sie als Kind lebte! sagte Anna. Nach jedem zerbrochenen Spielzeug ein neues. Es verschenken, verlieren, oder selbst zerstören, gleichviel, nur rasch ein Ersatz! Ihr Leben liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor der Welt. Ich mag Ihnen nicht darin blättern, Rodewald! Lesen Sie es bei Andern. Manches hat sie selbst verraten, im günstigeren Lichte darstellen wollen, sie hat die Feder ergriffen und geschrieben. Ich konnte mich erst nach Jahren, wo alle Welt ihre Bücher vergessen hatte, entschliessen, sie zu lesen. Da fand ich mehr in ihnen, als Bosheit und der Neid in ihnen hatte wollen gelten lassen. Ich fand ein wirklich unglückliches, nur durch die Eitelkeit und früheste Verwöhnung verdorbenes und unverbesserliches Herz. Mich rührte das Meiste von Dem, was Andere belachten. Ich hasste sie weder, noch verachtete ich sie, aber ich musste sie meiden. Ihre Nähe wirkte auf mich, wie die Nähe der Mörder auf die Erschlagenen wirken soll. Die Wunden fangen wieder an zu bluten. Ich mied sie nur. Sie war zu stolz, zu schwindelnd hoch in ihrer wilden Lebensphilosophie, als