1850_Gutzkow_030_812.txt

, seinen Wald kannte er. Aber mit Menschen konnte er reden, die er kennen sollte und er hätte geschworen, dass er sie nie gesehen. So mit Dankmar, der oft an derselben Stelle mit ihm stand, wo er ein Jahr vorher mit ihm geplaudert hatte. Aber den Veränderten und Umgestalteten für den Doppelgänger Sr. Durchlaucht zu nehmen, wäre ihm nicht im Traume eingefallen. Er war für ihn ein völlig Anderer, als der er jetzt, ein ahnungsreicher Jurist, die Data über die in Liebe zu einem so guten Waidmanne entbrannte Ursula und ihren heimtückischen Bruder wohl am klarsten in Händen hatte, ohne dass er jedoch in der Lage und Laune sein konnte, sie öffentlich zu verknüpfen und von Andern seinen Scharfsinn prüfen zu lassen.

In diese Zustände der Ruhe, des Schmerzes, der Freude, des Harrens und Hoffens kam dann die Ankunft des Fürsten auf dem schloss. Rodewald hatte die Sammlung nicht, sie abzuwarten. Auf einem Wege, wo er ihm zu begegnen vermied, entschloss er sich, Selma ihrer nächsten Bestimmung entgegen zu führen. Der Abschied von Dankmar war der schmerzlichste. Denn auch ihn musste es drängen, von einem Orte sich zu entfernen, wo ihm die Luft nun den Atem abpressen musste. Melanie als Fürstin Hohenberg, Egon selbst, Selma von ihm hinweggenommener wartete nur des Vaters Rückkunft ab, um sich nach dem Westen nun auch zu entfernen. Hatte er doch hier und da schon Verdacht erregt und glaubte er doch von einer person, die noch dazu nicht die beste von Sinnesart war, halberkannt zu sein, von jener Liese, die früher im Heidekrug bei dem jetzt schmollenden konstitutionellen Patrioten Justus diente und zu Fränzchen Heunisch's Erhebung immer nur scheel genug gesehen hatte. So war denn Rodewald von seinem haus endlich frei geworden und hatte die in Schmerz zerflossene Selma mit der Zukunft getröstet, mit jenem Zauberbalsam, der sich kühl und linde auf alle Wunden legt.

Anna von Harder nahm die ihr so wunderbar Geschenkten nicht wie eine Genugtuung des Schicksals, sondern wie eine Mahnung, sich zu demütigen, auf. Die Freude und der Schmerz, die Wonne, in Selma ein Abbild zu besitzen von der, deren Tod sie zu bitterster Gewissheit nun bestätigt sah, alle diese Empfindungen machten sich in denselben Tränen geltend und jede Betrachtung, jeder erörternde Rückblick blieb ausgeschlossen von den ersten Schrecken und Wonnen dieser Begegnung. Rodewald wollte sogleich scheiden, Anna liess ihn nicht. Sein Pferd wurde von den Dienern versorgt, doch wollte er zur Stadt, Selma sollte da bleiben, wenn Anna sie zu behalten gedächte. Anna war keiner Anordnung fähig, nur Das wusste sie, dass sie das jetzt Gewonnene nur mit dem Leben wiedergeben wollte. Die edle Frau umhalste Selma und hielt sie gegen das Sternenlicht, gegen den Lampenschimmer im haus, um sich an den Ähnlichkeiten, deren sie Hunderte mit ihrem kind schon entdeckte, zu erheben ... aber dass dies Kind wirklich tot war, dass es auf fremder Erde, zerstoben und verwesend schon, ruhte, Das umwehte sie mit Geisterhauchen, als müsste sie nun bald selbst hingehen in die Wohnungen des Friedens und könnte sich nicht mehr zurechtfinden in dieser schmerzlichen Sinnenwelt.

Olga nahm ihr etwas von den nächsten Pflichten, die sie fühlen musste, auffallender Weise schon ab. Olga begrüsste den Ankömmling mit einem Ton, der ihrer geistigen Vornehmheit sonst nicht eigen war. Sie bewirkte sogar, dass man die Gerätschaften abpackte, erinnerte an Vergessenes, reichte dar, was ihr Selma entgegenzunehmen zu wünschen schien, Dinge, die sie kaum nennen konnte. Sie schlang zuletzt sogar ihren Arm um Selma und führte sie mit einem allerdings sonderbaren, stummen Willkommen an der Hand ihren Zimmern zu, wo sie hoffte, die Enkelin Anna's als Nachbarin zu gewinnen. Anna liess Alles geschehen und Selma hatte nur Augen für den Vater, der ihr so tief zu leiden schien und der von Abschied sprach. Ich sehe Dich morgen früh wieder! beruhigte er, aber ihre erste Freude zeigte sich bald als die Erregung des Momentes; die aufgespannten Nerven liessen nach und die Lust verwandelte sich in Wehmut. Wie war dies Haus so düster, so einsam, wie dunkel diese Wände, wie fremdartige Töne vernahm sie da und dort ... die alten Bedienten, das leise Sprechen, um den Greis nicht zu stören, den man morgen erst langsam vorzubereiten gedachte, alles Das erfüllte sie mit einer Beklommenheit, die fast den Wunsch auszusprechen schien: Lasst mich beim Vater bleiben, hier wohnt der Tod und ich will dem Leben angehören!

Anna sammelte sich mit Olga's hülfe. Olga schien ein wenig aufgeweckt aus ihrer Traumwelt. Sie sah etwas, was sie verstand, mit der höheren Poesie ihrer Empfindungen vergleichen konnte, wenn auch Kaktus, Pinien, Palmen und das Meer dabei fehlten. Aber die Enkelin Anna's kommt aus Amerika und bringt sich selbst für die tote Mutter! Sie fühlte eine solche Erfahrung fremden Lebens wie ihre eigne nach und war so voll Eifers, das Rechte und Notwendige zu treffen, dass Selma schon die sie umschlingende und nur ruhig neben ihr hingehende Grossmutter fragen mochte: Welches seltsame Wesen hast du nur da bei dir? Und wem hab' ich da gleich an Wert für dich und Vollkommenheit nachzueifern? Dystra, hätte er die Scene beobachtet, würde gesagt haben: Comtesse Olga ist wie die Memnonssäule, à l'ordinaire kalt und starr, wohllautend aber doch, wenn nur