war nicht hinwegzuläugnen. In nächster Nähe ja sah Rodewald die traurigsten Spuren davon. Sein Nachbar, der Bauer Sandrart, der Reiche, Überzufriedene, Stolze, der auf seinen Sohn so stolze Vater, wie schlich der Ärmste, zum Tod gebeugt, an einem Stabe von Haus zum Bach, vom Bach zum haus, und blickte kaum auf, wenn man ihn grüsste: Vater Sandrart, wie geht's? Was macht die Ernte? Tut Euch der Sonnenschein gut? Ihm tat nur gut, wenn er sich die Augen wischen und Niemanden sehen konnte, als zwei Menschen, die ihm nun die liebsten auf dieser Erde geworden waren, den Jäger Heunisch und Franziska, des Jägers Nichte. Der Dritte von Denen, die er liebte, auf die er alle seine sehnsucht nach dem einzigen, unglücklichen, unwiederbringlich geopferten Sohn übertragen hatte, der Vikar Oleander, war nicht mehr in Plessen. Es hiess, er hätte die Stelle eines Gefängnisspredigers in der Residenz übernommen. Der hatte sich recht das Schwerste unter den Ämtern der Diener am Worte auserlesen ... Und nicht, weil es der Sohn so geheissen in seiner letzten Stunde, sondern der innere Drang schon machte, dass der unglückliche, um seine liebsten Hoffnungen betrogene Vater Heunisch, den Guten und Sorglosen, und Fränzchen, die Bewährte, auch beim Nachbar Treuerfundene, wie die Seinigen annahm und erbenlos den Besitz des Sohnes ihnen vermachte. Franziska war zwischen dem Generalpächter und dem Bauer, der sie liebte wie ein Kind seines Kindes, fast so geteilt, wie einst zwischen Louis Armand und Heinrich Sandrart. Jener schrieb zuweilen von der Fremde. Der immer wiederkehrende Schmerzenston seiner Briefe lautete: Ein Meer ist zwischen uns! Ich darf nicht in das Land, wo Sie weilen, Franziska, und Sie bindet die Pflicht, ja selbst das Glück an ein Unglück, das Sie trösten sollen und Sie mit Schätzen belohnt, die Ihre Flügel schwer macht: Gold ist schwer ... Die reiche Erbin denkt wohl des fernen Freundes nur mit Schonung. O Franziska, diese rauhe Welt! Diese elenden Götzen der Pflicht, denen zu Liebe man so kalt morden konnte! Das Bild steht unverwischt vor meinen Augen. Der Gute, der sterben musste, weil ihn für Andere das los traf und ein Beispiel gegeben werden sollte, ein Beispiel der Abschreckung für Menschen ... Menschen! Alle Bitten an Egon, alle Briefe der Besten blieben unerhört. Das Kriegsrecht hatte seinen Lauf, wie die Kugel! Ich denke des Tages, wo ich in der Werkstatt bei Märtens mit ihm über den Eid sprach! Und was muss uns trösten? Dass das Unglück nicht allein steht, dass es eine täglich wachsende Reihe von Gräbern gibt, eines neben dem andern. Vergeben Sie, Franziska, wenn ich Ihnen, der Reichen, solche Worte schreibe! Vergessen Sie das los der Armen nicht! – Louis schrieb diesen Brief aus Antwerpen, wo er bei Siegbert verweilte und für die Einrichtung des Schlosses Tempelstein tätig arbeitete.
Franziska hielt auf diese Empfindungen, deren zweifelnden teil sie mit ihrer Feder widerlegte, wie auf ein Evangelium, aber Der, der es lehrte, war jetzt ihr verloren. Im Ullagrunde fesselte sie die ernsteste Pflicht. Das grosse Hauswesen des Generalpächters hatte aus der kleinen Nähterin ein Verwaltungstalent hervorgelockt, das zwar manche Personen, die um Akkermann festen Fuss zu gewinnen gehofft hatten, sehr verletzte, diesen selbst aber aufs angenehmste überraschte. Fränzchens Herzensgüte im Verkehr mit dem gebrochenen, an sie voll Wehmut sich anklammernden Sandrart rührte alle Herzen. Und Onkel Heunisch, der taumelte gar wie in der Irre! Die "gute" Urschel war ihm nun hin, aber seine Hunde waren ihm doch geblieben und es hiess sogar, wenn der Winter käme und er mit einem Burschen, den er sich nahm, im Amt nicht fertig werden könne, sollte ihm Drossel die beste seiner Töchter, das flinke Linchen, geben zur Führung seiner Wirtschaft! Aber nur Franziska gab ihm rechten Ersatz für eine Lebensgewohnheit, deren Schattenseiten seinem gläubigen Sinne nie eingehen wollten; ihm scharrte sich nichts aus der Erde heraus, unter der Jakob und Ursula Zeck schliefen, ihm kam der Glaube an den Doppelmord, den Jakob Zeck und Ursula Marzahn an seinen beiden Verlobten begingen, indem sie auf dem Gelben Hirsch Feuer anlegten und an dem Waldbache die zur Kirche gehende Tochter des Sägemüllers vom Felsen stürzten, nie zu klarem Gemüt. Die Beweise fehlten. Die Untersuchung wegen Tödtung des Schmied's im Forstause wurde von der Residenz aus, wo man mehr, als man wissen wollte, zu entdecken fürchtete, plötzlich abgebrochen, und Herr von Zeisel, der bequeme, seinen Garten, seinen Schlafrock, seine Whistpartieen liebende Justizdirektor, an dem auch glücklicherweise die Gefahr einer nicht verbessernden Versetzung vorüberging, Herr von Zeisel war nicht der Mann, der solchen Dingen à tout prix auf den Grund zu kommen trachtete. Nur Pfannenstiel, Drossel, der Sägemüller grübelten. Die lärmten, die drohten, aber nicht im Einverständniss. Die Polizei ging mit der Demokratie nicht Hand in Hand. Onkel Heunisch mit der Meerschaumpfeife und dem roten, nun recht winternden Fuchsbarte genoss in vollen überfliessenden Zügen das Glück seiner Nichte, so schmerzlich es erkauft war. Er hatte die Hinrichtung mit angesehen, war voll Jammer über sie, aber doch wurde er fast eifersüchtig auf den alten Bauer und grämelte mit ihm. Er sah nur Das, was auf sein nächstes Behagen ging. Seine Hunde, sein wild