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an mir zu dulden hat und weil ich ihm keinen Abscheu vor mir einflössen will; sprach sie. Aber Dankmar duldete und trug gar nicht, wie sie fürchtete. Wenn er in seinem kurzen Sommerrock und unter seinem breitrandigen Strohhut so spät Abends mit ihr die Ulla hinauf schritt, dem stilleren Waldrücken zu, und die Cigarre weggeworfen hatte, um am Duft seiner Lippen nicht unwürdig zu erscheinen einer flüchtig erhaschten Zärtlichkeit, lächelte er nur. Er hatte eine Ruhe Selma gegenüber, die sie oft Phlegma nannte und wegen der sie ihn durch tausend kleine Neckereien in Harnisch zu bringen suchte. Es gelang ihr aber nicht. Dankmar setzte allen ihren Seitensprüngen von der geraden Strasse der Langenweile und Monotonie, an der die sogenannten gediegenen Frauennaturen oft bis zum Nichts zu grund gehen, nur ein ruhiges ergebenes Lächeln entgegen, nicht etwa das träge lachen des Phlegma, sondern ein Lächeln, von dem Selma einmal in wirklichem Zorn sagte: Und meinem glühendsten Behagen streckst du die kalte Teufelsfaust entgegen! (Sie hatte eben Göte's Faust zum ersten Male kennen gelernt;) aber der Vater nannte dies Lächeln der Überlegenheit den höchsten Sieg, den die Majestät der leidenschaft, die Löwenhoheit einer bedeutenden natur, über sich selbst gewinnen könnte. Da zerfloss sie denn in Liebe und schmiegsame Anmut. Dankmar besass in Selma eine natur. Von der Lüge der Salons, von der Prüderie der üblichen Erziehung war ihr nichts angeweht. Sie stand im unmittelbarsten Verkehr mit den Dingen, wie sie sind. Und viele hüteten sich vor ihr; die Schlechten, die Trägen, die Lügner gewiss. Gewisse Mittlere schwankten noch. Aber die Guten trugen sie auf den Händen, nannten sie einen Engel und priesen Den glücklich, der sie einst gewinnen würde. Dass dies schon des Generalpächters hübscher Schreiber war, sah man nicht.

Das Glück dieser stillen, verschwiegenen Liebe und eines süssen, heimlichen Trostes für manche grobe äussere Mühe, der sich Dankmar des Scheines wegen unterziehen musste, wurde nur gestört durch den Hinblick auf die Zeit und Egon's Art sie zu lenken. Verschiedenartig wirkte diese schmerzliche Erfahrung. In Dankmar war es der beleidigte getäuschte Freund, der die Möglichkeit eines solchen Irrtums, solcher trügerischen Voraussetzungen, wie sie bei dem Fürsten Egon stattgefunden, in einem Menschen kaum begreifen konnte. In Rodewald dagegen war es noch ein herberer Schmerz. Er konnte wohl zu Dankmar sagen: Sieh da die Macht der Umstände, den furchtbaren Zwang der Stellungen! Aber was er selbst innerlich fühlte, war noch ein Anderes. Egon von Hohenberg stand ihm durch die dunkelsten Verirrungen seines Lebens so nahe! Er bereute jene Tage nicht, in denen diesem jetzt gereiften jungen mann das Leben gegeben wurde; sie waren ihm nur von Wehmutsschleiern überwoben. Könnten diese Schleier je sich heben! hatte er gedacht, könnte je das helle Licht der Sonne und der Wahrheit bescheinen und an den Tag bringen, wer du diesem jungen, so rauh über die Erde fahrenden Staatenlenker sein könntest! Er dachte sich, wenn du nun einst einmal vor ihn hinträtest! Wenn er dich empfangen wird, hier im schloss oder in der Residenz, falls er deine Gegenwart wünscht, und nun steht er gnädiglächelnd, leidlich wohlwollend, vielleicht aber auch gereizt, vielleicht streng vor dir? Wenn er wüsste, dass du Dankmar Wildungen bei dir aufnahmst? Wenn er wüsste, warum du dich jetzt Rodewald nennst und wie du auf diese Wandelungen deines Wesens gekommen bist? Pauline von Harder, (die einzige, deren Leben Rodewald fürchtete) diese dir jetzt so Verbundene, sie wird nie, nie sagen, dass du mein Sohn bist, aus Hass gegen die Mutter nicht! Und sonst kennt keine Seele die Tage von Landeck vor dreissig Jahren.

Ich und du! Du und ich! Wir Beide durch ein geheimnis verbunden! Wenn ich es ausspräche, wenn ich im Zorn über deinen Stolz, deinen Hochmut, deinen Dünkel, deine Unsittlichkeit, deine Herzlosigkeit, deine männliche Schwäche, die eine Melanie Schlurck zur Fürstin von Hohenberg erheben konnteund diese Tat kommt nicht aus meinem Blute, nicht aus dem Blute des Plebejers, der mehr Stolz hat als duwenn ich mich hinreissen liesse und Vaterrechte geltend machen wollte, wenn auch nur unter vier Augen ... Und dann? dann? ... Wenn dieser junge Tyrann dich von seinen Dienern zur tür hinauswerfen liesse ... ha, und du griffest in deine Brusttasche und zögest die Papiere hervor, die deine Behauptung beweisen, die Briefe der Fürstin ... Und dann? dann? ... Wenn er die Säcke Geldes nähme, die du für ihn erwarbst, in hingebender, nur vom Himmel erkannter Liebe und Aufopferung für ihn sammeltest, um der innersten Pflicht zu gehorchen, und er dies Geld vor dir hinschüttete und riefe: Da behalte, Elender, aber schweige! Schweige oder meine Rache ist gränzenlos ... Diese Gedankenreihe, furchtbar peinigend für seinen Stolz und für sein Herz, verliess Rodewald nicht mehr, steigerte sich sogar, als der Herbst nahte, alle seine Pläne reiften, gesegnete Früchte sanken und Egon ihm schrieb, er würde bald selbst auf seinem schloss erscheinen, sich eine Weile von seinen Mühen ausruhen und ihm für "die guten Geschäfte," die er mache, danken ... Rodewald kannte bei allen diesen Voraussetzungen die natur Egon's, die ohne Zweifel tiefe und bedeutsame entwicklung auch dieses Charakters noch nicht.

Aber des Fürsten eisernes Walten