des Zimmers an dieser Aufregung der Nerven Schuld. Ich stand auf, zog die Vorhänge zurück, dass der helle, volle Mondenschein hereinfiel ...
Da hast du dich erkältet, sagte die Mutter, als Melanie stockte ...
Sie schüttelte den Kopf.
Was ist es denn? Sprich, mein Kind!
Wie ich das Fenster öffnete ..., glaubt' ich unten eine Gestalt zu sehen, die entweder ein Gespenst oder ein Phantom meiner Einbildungskraft war.
Hackert! sagte die Mutter mit blinzelnd zugedrückten Augen und sich abwendend.
Ja Hackert! wiederholte Melanie seufzend. Ob ich sagen soll, dass er in seinem gewohnten nächtlichen Zustande war, weiss ich nicht. Er schien mir wach zu sein. Das Weisse seiner Augen leuchtete mich in der hellen Nacht fast geisterhaft an. Ich schlug entsetzt das Fenster zu. Als ich dann noch einmal hinblickte, war Fritz verschwunden. Ich schlief ein, ward aber so von Träumen geängstigt, dass ich mich jetzt von einem solchen Schlafe mehr erschöpft als gestärkt fühle.
Die Mutter konnte ihr leider Hackert's Nähe bestätigen. Lasally wollte ihn gesehen haben und Bartusch hatte es ihr schon gestern Abend am Teetisch zugeflüstert ....
Du hast keinen Geist gesehen! sagte sie seufzend.
So sind wir denn überall von ihm verfolgt! rief Melanie und warf sich wie verzweifelnd auf eine andere Seite ihres Lagers.
Gutes Kind, begann bekümmert die Mutter, beruhige dich! Ach, es ist über diesen Gegenstand schon soviel von Deinen Ältern gejammert worden, dass deine Klagen unsern Schmerz nicht erreichen! Der Vater nahm Hackert aus dem Waisenhause. Alles, was man von seiner Geburt erfahren hatte, war so dunkel und abenteuerlich, dass er unser Mitleiden erregte. Der Vater brauchte einen Arbeiter, den er sich von unten auf selbst erziehen wollte. Er liess ihn unterrichten; er arbeitete unter seiner Aufsicht und hat sich früh schon von einer solchen geschickten Anstelligkeit bewiesen, dass er mit des Vaters geheimsten Angelegenheiten vertrauter wurde, als selbst Bartusch es ist. Die Folge davon war die grösste Vernachlässigung seiner selbst und eine Vertraulichkeit mit der Familie ...
Schweige! Schweige! rief Melanie mit dem Ausdruck des grössten Schmerzes.
Ich denke mit Entsetzen daran, fuhr die Mutter mit bedeutsamem Ernste fort, dass wir so blind sein konnten, in der Freude unsers glücklichen Aufschwunges, im Genusse der vielen Heiterkeit, die uns auf unserm Lebenswege lachte, das Ernsteste zu übersehen, das Gefährlichste, was sich neben uns entwickelte. Dieser Knabe wuchs mit dir auf. Listig wie er war, gewann er bei aller Hässlichkeit, aller Widerwärtigkeit seines Äussern, an die wir uns gewöhnt hatten – die Mutter hob diese Worte besonders scharf hervor – unser Aller Vertrauen. Ob wir, um dich aus einer Kindergesellschaft abzuholen, den Bedienten schickten oder Fritz diesen Dienst verrichten liessen, schien uns unglücklichen Menschen einerlei; ja wir zogen seine Dienstwilligkeit vor, da er verlässlicher schien als Alle und fast im haus wie dein Bruder gehalten wurde. Unselige Vertrauteit, die ihn ermutigte, Hoffnungen in ihm nährte und seine Sicherheit bis zum Übermut steigerte!
Melanie schwieg eine Weile, stemmte ihr schönes Haupt auf eines ihrer Kissen und sagte zu der ängstlich sie anblickenden Mutter:
Und doch war die Strafe, die ihr über ihn nach jener schrecklichen Nacht verhängtet, zu hart! Sie ist die Quelle unausgesetzter Leiden für uns Alle geworden! Aus dem haus wie ein Dieb geworfen, vom Vater in einem Zorn, den ich nie an ihm kannte, fast mit Füssen getreten, irrte er wie ein rachsüchtiges Tier umher und droht uns mit Allem, was er in unserm haus erlebte, erfuhr, entdeckt hat ... droht uns ...
Entdeckt hat? unterbrach sie die Mutter erschrekkend. Was kann er entdeckt haben als den regelmässigen gang eines grossen ehrenvollen, vom Fleiss und dem Genie des Vaters geleiteten Geschäfts? Das einzige, was man fürchten konnte, war der lose freche Mund des frühverdorbenen jungen Wüstlings. Ich zitterte, wenn ich nur daran dachte, wie ...
Die Mutter stockte.
Was dachtest du? sagte Melanie.
Ach, ich will nichts mehr sagen! Lass es gehen!
Mit euerm ewigen Gehenlassen! Dieses stete Vertuschen und Verschweigen! Was nur dachtest du?
Melanie –!
Fürchtest du, dass er den Menschen erzählt, wie früh dieser sozusagen Halbbruder, der mit mir aufwuchs, versucht hat ...
Deine Phantasie zu vergiften! Ja, Melanie, wenn die Welt die Bubenstücke erführe –
Mutter! rief Melanie hastig auffahrend, als könnte sie doch die zu gründliche Untersuchung dieser Wunde, die sie selbst veranlasste, nicht länger ertragen. Schweige! Schweige! Vergiss nicht, dass dieser Unselige vorgibt, mich zu lieben, mir treu sein will mit unglaublicher anhänglichkeit und niemals wagen wird ...
anhänglichkeit, die ich Wahnsinn, Frechheit nenne! unterbrach sie die Mutter, vor Zorn sich rötend.
Lass es gut sein!
Die Mutter schwieg auf diese tonlosen Worte und beruhigte sich allmälig.
Erst erwartete sie, dass Melanie ihr zusprechen sollte. Da die Tochter aber in ihrer träumerischen Lage verblieb und mit keinem tröstenden Blicke sich ihrer Pein erbarmte, streichelte die Mutter die heisse Stirn des Kindes und küsste die zarten blauen Äderchen, die sie in Melanie's Augenwinkeln entdeckte.
Weg, weg mit diesen Sorgen, rief sie, sei heiter, Melanie! Noch gestern hast Du alles bezaubert und Dir ja eine ganz neue Eroberung gewonnen