nun doch in's Ausland zu gehen, zu erinnern. Die Zeit rückte heran, wo er über Selma einen Entschluss fassen musste. Er fühlte, dass an seiner einmal festgehaltenen Absicht, sein Kind zu Anna von Harder zu führen, nichts geändert werden durfte. Auch entging seiner Erinnerung an die Sitten und die Bildung der grossen Welt keineswegs, wie sehr Selma noch die nachhelfende Hand einer höhern weiblichen Erziehung bedurfte. Zwar sagte Dankmar auf solche bang' ihn erschreckenden Worte: Du wirst mir den Blütenstaub von meinem Mädchen streifen! Du wirst ihr nehmen, was grade ihr schönster Schmuck ist! Aber bei aller Freude an der Selma eignen, heitern kindlichen Naivetät schüttelte der Vater das Haupt und blieb dabei, sie hätte erst noch eine Prüfungszeit zu überstehen unter den Augen ihrer Grossmutter, wenn sie sie annehmen will. Es ist das Haus, wo ich um ein lateinisches Wort: propinqui equites den Prozess verliere! sagte Dankmar. Und Rodewald erwiderte: Wenn sie Selma wie ihr Kind begrüsst und mir vergibt, so lass' es uns ein gutes Zeichen sein, dass wir beweisen: Hugo von Wildungen trat die Erbschaft seiner ganzen Familie und nicht den im Orden befindlichen Verwandten ab, die du in den Verzeichnissen von Angerode nicht hast entdecken können, falls in der Tat die Equites geistliche Ritter sein sollen und nicht vielmehr Adlige und Ritterbürtige überhaupt, denen allein die Erbfolge in grossen Lehnen gestattet sein konnte ... So mischte sich auch der alte Sachsen- und Schwabenspiegel in die Idylle des Herzens.
Selma sah mit Bangen den Tag heranrücken, wo sie vom Vater und Geliebten zugleich scheiden sollte. Jenen konnte sie doch wiedersehen! Dieser aber, auf die Verborgenheit angewiesen, verbannt in die Ferne, verschwand ihr, wie die rettende Hand einem Ertrinkenden verschwinden mag, sie glaubte ohne ihn vergehen zu müssen. Dankmar! Dankmar! So bebend, so jammernd konnte sie diesen Namen rufen, als wenn sie sich auf ewig nun von ihm hätte trennen sollen und sie jener Königstochter gliche, die, von den Göttern als Opfer für die glückliche Fahrt der Griechen gefordert, von den herzlosen Eltern auch auf den Altar der Diana hingegeben wurde! Ihre Seele war in dem letzten trüben Winter zu schwer belastet gewesen. Es waren Klänge durch ihr Herz gezogen, wunderbar traurige Klänge, die das Glück der Täuschung, des wunderbaren Entdeckens eines ihr verwandten, sie liebenden Mannes wohl mit leichten Melodieen verdeckte; nun aber brachen sie melancholisch, klagend genug wieder hervor und oft sagte sie zum Vater: Lass uns ewig Ackermann heissen, lass uns bleiben, was wir sind, die Mutter segnet das Glück ihrer Tochter! Nur du, nur Dankmar haben Ansprüche auf mich! ... Es war ein ernstes Sinnen, das nach diesem im Spätsommer fast täglich wiederholten Drängen seines Kindes den Vater überfiel, aber immer entschied für die alte Verabredung das Gelöbniss an die sterbende Mutter, der Hinblick auf Selma's nicht ausreichende Bildung und ein Ahnen, das der Vater in den Worten aussprach: Ich weiss nicht, was mich in die verschwiegene Behausung zieht, die Anna von Harder vor den Toren der Residenz bewohnt! Wir fuhren zwei Mal an ihr vorüber. Weisst du, einmal mit jenem unheimlichen Begleiter, dem Nachtwandler, der uns den Namen Tempelheide und die Bewohner nannte und dann, als wir von der Maschinenfabrik kamen, von der rauschenden Musik des wilden Balles? Jedes Mal klang ein melodischer Luftauch von dem dunklen Gehöfte her. Du schliefst. Aber mir war's, als mahnten mich die Töne, die ich hörte, als riefen sie: Du gehst hier vorüber, richtest nicht die Grüsse deines sterbenden Weibes aus? Hörst sie nicht, wie sie dich mahnt? Es muss sein, Selma! Die Liebe wird sich bewähren. Es hindert mich nichts, nichts, Rodewald zu heissen. Dankmar wird in zwei Jahren dich heimführen in eine Welt, die bis dahin in tausend Dingen kann eine andere und unendlich bessere Gestalt gewonnen haben.
So blieb es bei der Trennung. Sie konnte nichts auflockern, was zwischen den Liebenden feststand. Selma war Dankmar'n gleich anfangs als das Abbild jener Weiblichkeit erschienen, die dem starken und gesunden Mannesgeist allein genügen kann. Fern von jeder grellen, berechnenden Gefallsucht hatte sie ihr gut teil Evanatur, wie alle aus der Rippe Adam's Gebornen. Sie sah weit lieber, dass sie gefiel, als dass sie abstiess oder gleichgültig liess. Aber sie eroberte ihren Beifall nicht durch unerlaubte Mittel. Sie gab sich kein Air von Empfindungen, die ihr fremd waren. Sie schlug die Augen nicht auf, um schwärmerisch zu erscheinen, sie lächelte nicht süss, um ihre blendenden Zähne zu zeigen, sie kämpfte ihre Wallungen, ihre Meinungen, ihre kleinen Reizungen sogar nicht nieder, sondern gab sich, wie sie dachte und wie sie oft nur zu natürlich empfand. Da fehlte es an Torheiten gar nicht, besonnener Zuspruch fand bei ihr immer zu tun. Nur kam es auf den Redner an, auf seinen Ton, seine Lehre, seine Absicht. Selma sprang mitten in eine Predigt ihres Vaters und erstickte sie mit Küssen und Tränen. Wie flogen da die braunen Locken, wie glänzten die dunkelblauen Augen, wie lieblich klangen die Schmeichelworte und wie konnte sie dann bitten, sie nur ja nicht an Dankmar zu verraten! Grade verraten! Grade, weil du den Freund täuschen willst! sagte dann Rodewald. Nein Vater, weil er schon soviel selbst