, sagte Rodewald, wie mit dem Entstehen von Wäldern an Orten, wo sie Niemand säete. Die Vögel tragen den Saamen durch die Luft! Eine eigentümliche auf das vierblättrige Kleeblatt deutende Handbewegung hatte Beide, Rodewald und Dankmar, schon mit Begegnungen in Verbindung gebracht, die sonst die flüchtigsten gewesen wären. Sonst stumm und kaum grüssend an ihnen vorübergegangene Menschen waren ihnen durch ein einziges Wort vertraut geworden. Man sprach allgemein von einem weitverzweigten Bunde, dessen Obere Niemand kannte, dessen Statuten noch ungeschrieben waren, der aber mächtiger hervortreten würde, wenn eine gewisse Hoffnung, über die verschiedene Versionen liefen, sich erfüllen würde. Nicht einmal, dass diese Hoffnung der Prozess der Gebrüder Wildungen war, ja nicht einmal, dass Dankmar Wildungen für den Stifter des neuen Templerordens gelten musste, war Jedem ausser der forschenden Regierung bekannt. Dennoch blieben die Pflichten des Bundes kein geheimnis. Die Teilnehmer wussten Alle, dass er auf den Grundsatz geschlossen war: Du sollst Gott mehr dienen, als den Menschen! Du sollst die grade Strasse deiner Überzeugung gehen, nicht Not, nicht Überfall und Gewalttat auf ihr fürchten, sondern in jedem Loose auf die hülfe warten, die dir zur rechten Stunde von Denen wird, die über dir wachen!
Rodewald, seit lange schon so wenig Idealist, wie es ein auf Erde, Regen und Sonnenschein angewiesener Arbeiter nur sein kann, Rodewald ging in seiner Übereinstimmung mit Dankmar so weit, dass er gradezu von unsrer Zeit zugab, sie wäre reif zu einer neuen Messiasoffenbarung. Was würden denn die Mächtigen der Erde beginnen mit einer Persönlichkeit, die alle Bedingungen eines grossen Propheten trüge? Sei er nur rein in seinen Anfängen, achtbar in seiner Bildung, begabt mit der Macht der Rede, sei er nur tief in seinen Studien, um vor dem Dünkel der Gelehrsamkeit nicht erschrecken zu dürfen, sei er nur sittenrein in seinem Wandel, entaltsam, bescheiden, fessle er den Menschen durch eine gewinnende Persönlichkeit und sei er ein grosser Dichter des Lebens, der würdig ist, sein eigner Gegenstand zu sein, wer wollte ihn dann in Banden halten, fesseln, vernichten, mürbe machen durch die kleine Quälerei unsrer zivilisation? Er würde nur zu lehren brauchen: Ich komme als ein andrer Christus, der Das der Welt sein muss, was dieser den Juden war! Ich komme als ein Richter und Strafredner über den Pharisäismus dieser Tage, der mit den Unterdrückern des geistigen Lebens buhlt, statt die Menschen von der geschichte zu befreien, das Individuum von der Gesellschaft, die Gesellschaft vom staat, den Staat von den Personen und den Vorrechten der Geburt! Was würde man ihm denn Höheres tun können als sein Leben nehmen? Würde dieser Tod, freudig ertragen nicht grade zu den Merkmalen gehören, die ein neuer Erlöser der Menschen tragen müsste? Es ist eine Stille in den Seelen der Menschen eingetreten, die das Ohr schärft, das Wehen und Nahen der Gotteit zu vernehmen.
Und wenn Dankmar fortfuhr, dass jetzt nicht mehr ein Individuum allein Das vermöchte, was ein Märtyrer vor zweitausend Jahren, sondern dass sich wohl der rein und klar herausgestellte Begriff der Menschheit an sich selber zum Befreier würde, so widersprach Rodewald nicht, sondern dachte nur darüber nach, wie man den Bund der streitenden Brüder vom geist zum möglichen Abbild der reinen Menschheit, zum Sammelplatze aller wahren Lebenskeime der geschichte erheben und man nach Abzug der endlichen Bedingungen, die allerdings jede irdische Unternehmung verkürzen, mit der Zeit diejenigen Wohltaten segnend über die Jahrhunderte ausgiessen könnte, die nicht mehr in der Macht eines einzelnen Messias liegen würden. Die stillen Abendstunden und der Sonntag wurden dem Austausch von Gedanken und Vorschlägen für diesen Zweck gewidmet. Die Erfahrungen der Politik, der Teologie, der Seelenlehre, des Rechtslebens wurden zwischen ihnen ausgetauscht. Dankmar, der für den Schreiber des Generalpächters galt, las und schrieb genug, aber es waren Studien über die Gesellschaft. Was er von Büchern brauchte, verschaffte Rodewald aus Biblioteken, selbst entfernten. Er entlieh für sich, was für Dankmar bestimmt war. Auch der Briefwechsel, den Dankmar zu führen hatte, nahm seine Zeit in Anspruch. Auf Umwegen, mit schützenden Adressen kamen ihm Nachrichten von den Freunden, vom Bruder zu. Die Rettung Leidenfrost's und des Majors von Werdeck, herbeigeführt durch Jagellona, die auf der Veste Bielau einen greisen Invaliden entdeckt hatte, Max Brüning, den Vater Leidenfrost's, jenen Bayer, der nach französischer Gefangenschaft und langem Krankenlager in der Fremde die Spur der im Kloster zum Herzen Jesu niedergelegten Kinder, jenes auf den Eisfeldern Russlands dem sterbenden Stanislaus Kaminski abgenommenen Mädchens und seines eignen ihm von seinem in Gnesen gestorbenen weib hinterlassenen Sohnes, nach Polen hin verloren hatte und für eine Befreiung des Majors leicht zu gewinnen war, nachdem sie selbst mit hülfe des von Schlurck endlich erhobenen Geldes Leidenfrost's Fesseln zu sprengen gewusst hatte, diese fernweilenden Menschen vergrösserten den Kreis Derer, mit denen Dankmar in Beziehung bleiben konnte. Man drängte in ihn, jetzt ihnen nachzufolgen, man fand sein längeres Verweilen auf einem Boden, den der reaktionäre Terrorismus Egon's von Hohenberg so gefährlich gemacht hatte, für Vermessenheit. Er schrieb den Freunden, er fände schwerlich im Auslande die Musse, so im Zusammenhänge der Aufgabe zu bleiben, die er sich zunächst hätte stellen müssen, die Vorarbeiten zu zeitigen zum ersten grossen Bundestag, den er auf den September des nächsten Jahres ansetzte.
Rodewald freilich hatte einen andern Grund, Dankmar'n oft an die notwendigkeit,