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Vater begründet, dass zwischen ihnen, gleichfalls still und verborgen, mehr die verwandtschaftlichen Bande, als die der Liebe geltend gemacht wurden. Rodewald hatte die Freude, als er sich Dankmarn in seiner Eigenschaft als jener schlimmberufene Oheim zu erkennen gegeben hatte, in diesem Verwandtschaftssinne die zwischen den jungen Liebenden herrschende Vertraulichkeit mehr deuten zu dürfen, als in dem leidenschaftlichen Charakter eines die Andern ausschliessenden zärtlichen Besitzes. Es ist ein so wehmütiges Gefühl für einen Vater, der seines Gemütes einzige Befriedigung in der Liebe seines Kindes fand, diese plötzlich mit einem Eroberer teilen, ja wohl ganz an ihn verlieren zu sollen. Ein Vater, der einzige Schutz und Hort seines Kindes, sieht, ist dies Kind ein Sohn, diesen plötzlich nur für das Wohl und Wehe einer fremden Familie, deren schönstes Kleinod er liebt, erglühen, oder es geschieht, dass seine einzige Tochter, das Pfand der Liebe eines dahingeschiedenen Weibes und die letzte Erinnerung an seine eigne Jugend, ihm an einen Mann verloren geht, der unter seinen eignen Augen die reinen Lippen, die nur ihm sonst in kindlicher Liebe schmeichelten, mit seiner leidenschaft bestürmt. Manche Väter, manche Mütter wissen oft nicht, dass das Gefühl, das sie gegen einen Bewerber um die Gunst ihres Kindes hart erscheinen lässt, eine in ihnen tief wurzelnde Eifersucht ist. Dankmar, mit dem in allen Dingen ihm innewohnenden Takt, erkannte dies Gefühl. Wo ihn nicht Ort und Stunde begünstigten, verlangte er für seine heisse Liebe nie die Linderung durch sichtbare Zärtlichkeit. Und weil Rodewald diese Schonung fühlte, wurde ihm der wackre Sinn des neugewonnenen Sohnes nur um so ehrenwerter und mit wahrer Freundschaft schloss er ihn in sein Herz.

Es gibt auch wenig so gefällige Verhältnisse im Leben, als in dem mystischen Bunde, dem vielverspotteten und zur Prosa des Lebens herabgewürdigten Schwieger- und Schwäherbunde, Gleichartigkeit der Gesinnung und Stimmung. Rodewald hatte die Freude, in Dankmar einen Sohn zu gewinnen, der neben ihm stand wie das jüngere Abbild seiner selbst. So fast nahm er selbst einst das Leben, ehe seine Bahn von Andern durchkreuzt wurde. So fast ging, stand, hielt er sich, wie Dankmar! Welche ruhige Erörterung mit ihm über die nächste und entferntere Zukunft! Welches Mass in der richtigen Abschätzung des Möglichen! Welche besonnenen Zumutungen an das Leben, welche richtigen Voraussetzungen über die Charaktere, ihren Egoismus, ihre Schwächen, wenn es sich um Personen handelte! Dankmar war durch natur, durch Studium und frühe Lebenserfahrung der Philosoph, der sein Oheim erst durch die bittersten Prüfungen und jene läuternde edle Reue wurde, die Dankmar nicht in sich mit Beklommenheit zu hegen brauchte, da er, was er begann, immer besonnen überdacht und auf ein ehrliches Gelingen angelegt hatte. Es ist ein Himmelssegen für einen Mann in den Jahren Rodewald's, sein Kind unter der Leitung eines Charakters zu wissen, wie Dankmar Wildungen war.

Wohl gab es auch zwischen ihnen manche Differenz. Die noch jugendliche Auffassung mancher Dinge, besonders der Gefahr, der lebendigere Farbensinn für das Kolorit und die Poesie des Lebens, die Pläne über den Abschluss einer Verbindung mit Selma gaben noch gelegenheit zu manchem Widerspruch. Doch hoben diese streitigen Ausnahmen nur die herrschende Regel des Friedens. Einer verstand den andern; beide lebten sich wie in eine Seele ein. Selbst der Prozess, selbst die Sache des Bundes gab keinen Anlass zu einem Scheidewege. Dankmar sprach über beide Angelegenheiten mit der dem Juristen eignen kritischen Prüfung aller Möglichkeiten. Die Entgegnungen Rodewald's widerlegte er nicht durch einen blinden, den Tatbestand übersehenden Entusiasmus, sondern liess Das, was unwiderleglich war, gelten und gestand es zu, wenn sein Suchen nach Abhülfe vergeblich gewesen war. Rodewald kannte die Familientradition und lobte Alles, was Dankmar zu ihrer Geltendmachung versucht hatte. Der Prozess schwebte nun in dritter Instanz beim Obertribunal. Ein rätselhaftes Dunkel umspann eine Angelegenheit, die um so verwickelter wurde, seit Dankmar und sein Bruder Flüchtige, Verfolgte waren. Doch wussten Beide, dass darum eine civilrechtliche Frage nicht stocken konnte. War sie doch aus dem trüben Sumpf der ersten Gerechtigkeitsstadien, wo die polizeiliche Gewalt an der Waagschale der Temis nur zu oft die Gewichte zu verfälschen sucht, glücklicherweise herausgetreten zu einer Region, wo man ein Europäisches aufsehen wohl fühlen musste und eine Entscheidung zu geben hatte, ähnlich der, wie über die bekannte Mühle bei Sanssouci! Bedenklicher konnte die Anwendung scheinen, die Dankmar einem möglichen Gewinne bestimmt hatte. Es war die Überzeugung in den Brüdern fest, dass mit Ehren diese Güter nur zum Besten einer idee verwandt werden konnten und diese idee, wie war sie gewachsen, wieviel Blüten und Früchte trieb sie nicht schon, wie konnte sie sich entfalten, wenn das Erbteil des Komturs Hugo von Wildungen in den Bund zurückfloss, der sich an die Ritter vom grab zu Jerusalem anschliessen sollte! Aber Rodewald folgte auch diesem Labyrinte von Träumen und gefährlichen Hoffnungen nicht mit der platten Logik der Alltagsüberlegung, die hier unbedingt gesagt haben würde: Ihr seid Toren! Er dachte sich in den Zusammenhang der Ideen Dankmar's hinein, staunte, dass er selbst die Veranlassung gegeben, diese Gedankenreihe einst anzuspinnen, bewunderte, wie weit schon ein nur so flüchtig in einige Gemüter geworfener Funke gezündet hatte ... War ihnen Beiden doch geschehen, dass sie bei einem kleinen Ausfluge in nahegelegene Ortschaften Spuren entdeckten, dass der Bund der Ritter vom geist da lebte und wirkte, wo sie den Weg der Verbreitung kaum ahnen konnten! Es ist damit