in der Ferne von diesen Wirren erfuhr, war der entschiedenste. Selma wurde zurückgefodert, aber von Paulinen nicht gegeben. Anna kam selbst. Sie verriet ihren tiefsten Abscheu vor Rodewald, einen Abscheu, den er unter Umständen bis zur Vernichtung begründet erkannte. Aber Selma blieb von ihm bezaubert. Festgebannt von seinem Auge, von seinem Ernst, von seinem ganzen Wesen gebunden, blieb sie in der Residenz nur bei Paulinen. Anna hatte alle Mutterrechte verloren. Damals jünger, eifriger, noch nicht gebrochen wie jetzt, noch nicht geknickt in ihren Aufflügen zu einem freien eignen Willen, benutzte Anna alle Mittel ihrer natürlichen Autorität. Sie verfehlten aber ihren Zweck. Die Verbindung zwischen Rodewald und Selma hatte Pauline einmal als Mittel erfasst, sich diesen Mann auf immer zu sichern, ihn wenigstens nicht Denen preiszugeben, die sie betrogen hatten. Die Fürstin von Hohenberg, noch nicht wiedergeboren, noch nicht versöhnt mit ihrem Erlöser, lechzte nach Aussöhnung mit dem Vater Egon's. Sie schrieb, sie bat, endlich war der Augenblick einer Wahl über die Zukunft seines Herzens so dringend vor seinen nächsten Willen gestellt, dass er tief über sich selbst erschaudernd den Entschluss fasste, diesem Elend ein Ende zu machen, sich zu einem neuen Leben zu sammeln, mit Selma von Harder über die Meere in einen neuen Weltteil zu ziehen.
Das reine, hingegebene Herz hatte keinen andern Willen als den des geliebten, angebeteten Mannes. Sie entfloh mit ihm. Anna, ihre Mutter, glaubte die Spur in Frankreich suchen zu müssen, sie verlor sie und konnte sich nur trösten in der Ergebung an das Unabänderliche.
In Amerika begann der Vater Egon's von Hohenberg jene Läuterung, zu der empor sich nur Derjenige schwingen kann, der einst nicht aus Armut, sondern aus Überfülle des Herzens fehlte. Ein karges Gemüt, eine leere Phantasie kann nie anders als nur einmal leben. Ein reicher glühender Geist setzt wie der Baum Ring an Ring und baut auf Trümmer neue Welten. Rodewald war ein Sieger, wo er auftrat. In seinem alten Sinne wollte er nicht mehr siegen, er wollte kämpfen und sah im Siege nur den Lohn der Mühe. Menschenfeindlich war allerdings sein Herz geworden; Das musst' er sich zum Vorwurf machen und an diesem Übel krankte er lange. Er suchte die Einsamkeit, er floh die Menschen, er hasste sie. Amerika bot ihm die Fülle neuen Lebens, aber den Egoismus sah er grade hier in seiner vollsten Blüte und so erfüllt von Poesie und Romantik war noch sein Herz, dass er sich in die neuen Formen des Staates, der Gesellschaft, der Sitten hier nicht finden konnte. Die Schauer der natur suchte er, die hoben ihn. Dem Urgeist sich nahend, der in den Wäldern, an den wallenden Strömen rauschte, beugte er sein Knie und sein Hass milderte sich, da er Manchen sah, den es wie ihn getrieben hatte, sich in diese Uranfänge des Lebens zu flüchten. Manches Jahr blieb seine Ehe kinderlos. Dann wurde ihm Selma geboren, er nannte sie wie die Mutter. Er sagte sich: Du bist zuweilen noch zornig, zuweilen noch aufbrausend, du willst dein Kind nennen wie die Mutter; so wirst du erschrecken, wenn du mit dem kind sanfter sprichst wie mit deinem weib, oder sanfter mit deinem weib wie mit deinem kind; also ein Ton für Beide! ... Rodewald kaufte nach manchem gescheiterten Experiment, nach mancher harten Erfahrung eine Niederlassung am Missouri. Diese erweiterte sich. Hier begünstigte ihn das Glück. Er fand gute Nachbarn, die ihm Geschäftsgenossen wurden. Es bildete sich eine Kolonie von Freunden, die das Glück in guter Laune erhielt ... Auch die Herzen trüben sich so, wenn der Himmel trübe wird. Diesen Genossen blieb er heiter. Sie verkauften Bauholz, Getreide, Tierhäute; sie erwarben Alle. Es war ein Landstrich von einigen Meilen; zwischen jeder Niederlassung ein Stück Wald und Feld; aber meilenweit machte der ganze Bund sich verständlich. Sie hatten Zeichen, die immer den Zusammenhang sicherten. Viele Bürger der Union, viele Reisende besuchten Missouri-Garden, wie die Kolonie sich nannte, und Meister Harry war der Gärtner dieses Gartens oder in ihm die majestätische Baumkrone. Hier war es, wo Otto von Dystra zuweilen vorsprach, zuweilen jener Morton aus Newyork, in dem sich ein Deutscher vermuten liess, ohne dass der doch gleichfalls deutsche Farmer Harry forschte. Harry erwarb, wurde wohlhabend, für den Kontinent vermögend. Aber Selma starb und mit ihrem tod bedrängte den Vater der Gedanke an die Zukunft seines Kindes. Er hatte dem Chaos der eignen Brust genug getan. Mit dem tod der Frau, die er sich durch eine Umwälzung der Seele gewonnen, war ein alter Ring seines Lebensbaumes abgesetzt, ein neuer drängte. Er wollte zurück um seines Kindes willen. Er hatte der Mutter versprochen, sich mit Anna von Harder auszusöhnen und ihr Selma zu bringen, falls sie sie besitzen, die Enkelin anerkennen wollte. Er rechnete auf eine harte Prüfung. Er wollte sie tragen.
Amanda's Tod hatte Rodewald erfahren, auch Paulinen's neue Heirat mit Anna's Schwager. Diese Verbindung schien bedenklich. Er beschloss, erst unter dem Namen Ackermann den Kontinent wiederzusehen. Der Pächter Harry verpachtete seine Niederlassung in Missouri-Garden, nahm nicht für immer von dort Abschied, erhielt mancherlei Aufträge für Europa, auch jenen von dem unglücklichen Morton und kehrte auf den Boden der Heimat zurück