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Städten, um nur Paulinen Ruhe zu gönnen, bis sich ihre unverwüstliche natur erholt hatte. Er war in Paris, in Spanien sogar, in der Schweiz, in Italien und Griechenland mit dieser Frau, die ihn nicht heiratete, eingestandenermassen, um ihrem Adel nicht zu entsagen. Es folgten ihnen immer zwei Fourgons mit Gerätschaften, zwei Bediente, zwei Kammerzofen ausser der Ludmer und einem Kurier. Es war die Zeit der grossen Reisen. Die Friedensepoche, der Sturz und Tod Napoleon's hatten wie nach einem Gewitterregen das ganze Erdreich lebendig gemacht. Es wimmelte von Anmassungen, Verschwendungen, Tollheiten und dazwischen stand Absolution erteilend eine Religion, die den unbedingten Glauben lehrte, und eine Philosophie, die, Austern und Gänseleberpasteten verzehrend, vor Geheimratspolitik sich beugend, behauptete: "Alles was ist, ist vernünftig."

Zu Paulinen's Eigentümlichkeiten gehörte ein ausgedehnter Briefwechsel. Sie hatte grosse Befriedigung davon, mit aller Welt in Verbindung zu stehen. Da sie wusste, dass das beste Mittel, Briefe zu ernten, Das ist, Briefe zu säen, so war Rodewald froh, sie sich doch am Schreibtisch sammeln, da sich bilden und beruhigen zu sehen. Ihre Nerven bedurften der Schonung. Ihr Leben war nicht ohne Gefahr. Sie befand sich in jenen Krisen eines Körpers, der lange mit drohenden Übeln kämpft, bis die natur sich gleichsam gefunden hat und nach solchen Störungen oft ein wunderbar gutes Befinden zurücklässt. Aus diesen Briefen ergab sich eine sehr zärtliche Beziehung zwischen Paulinen und Amanda von Bury, einer jungen, schönen Adligen, die das Glück hatte, man nannte es Glück, den Liebling der damaligen Monarchenwelt, den tapfern Haudegen Grafen von Hohenberg, zu fesseln und seine Gemahlin zu werden. Wir kennen jenes Glück! Die junge Gräfin hatte einige Jahre der Qual durchgelitten, als sie es bei den für sie immer beschränkten Mitteln ihres Gatten durchsetzen konnte, eine Schweizerreise mit einem Aufentalt in Landeck zu verbinden und ihre geliebte Freundin, Pauline von Ried, dort wieder zu sehen. Wir kennen die geschichte dieses Wiedersehens ... Der menschliche Geist hat seine geographischen Bedingungen. Was ihm unter einer deutschen Eiche zu fassen, zu empfinden unmöglich ist, weht ihm die Luft unter einem italienischen Orangenbaume zu. Heinrich Rodewald lernte eine vornehme, aber gedemütigte, mishandelte, ihre Hand hülfeflehend nach Schutz und Rettung ausstreckende junge Frau kennen; ein gutes, sanftes, schwärmerisches Herz, aber einen wenig gebildeten Geist. Ihm tat diese Mischung wohl, er liebte Amanda von Hohenberg. Pauline wurde getäuscht. Sie hatte das Recht, in ihrer Sprache von Dolchen zu sprechen, sie dachte an Gift, Mord und Verrat und doch glaubte sie nicht. Sie war zu stolz dafür, anzunehmen, dass in vier Wochen, während ihr das Wiedersehen der Freundin durch ein Krankenlager verdorben wurde, sich ein so folgenreicher Roman anspinnen konnte wie der zwischen Rodewald und der Gräfin Hohenberg, die in dem stolzen mann einen Unglücklichen, einen nach Erlösung von sich selbst Schmachtenden antraf. Es stand zwischen ihnen fest, dass sie das damals nicht seltene Schauspiel einer Ehescheidung und einer Mesalliance aufführen wollten. Und bald sollte Das geschehen, in kürzester Frist, mit offnem geständnis aller dabei notwendigen Rücksichten. Amanda reiste ab. Der erste Brief schon kommt verspätet: der Grafist ein Millionär geworden! Der zweite kommt noch verspäteter: der Grafist Fürst geworden! Pauline ahnte ... triumphirte ... Rodewald bekämpfte seinen Schmerz und brütete über einen Entschluss. Schon jetzt hätt' er ihn ausgeführt, schon jetzt sich losgewunden, aber Pauline war krank, wurde bedenklicher, musste nach Haus zurück, glaubte zu sterben. Die Entdeckung, die sie über Landeck machte, stiess ihr das Herz ab. Das Verlangen nach Rache zerwühlte die Eingeweide. Sie sah, dass die Fürstin Amanda sich mit Rodewald verständigen, nach ihrem möglichen tod oder selbst wenn sie noch siechte, mit dem Vater ihres Kindes sich aussöhnen und sich die Anlehnung an eine bedeutende ihr so nahestehende Persönlichkeit nicht würde entgehen lassen. Da fiel sie auf den Gedanken, ein junges Mädchen, das zu ihrer Pflege nach Ems gekommen war, das von ihrem Leben, ihrem Vermögen abhing, die Nichte ihrer armen Schwester, einer witwe des jung verstorbenen Landrats von Harder, zu Rodewald's Frau zu machen. Dieser in solchen äussersten Lagen oft vorgekommene Plan gelang ihr. Dem jungen sechszehnjährigen kind wurde Rodewald als das Ideal eines Mannes geschildert, als eine in menschlicher Gestalt auf Erden wandelnde Gotteit ... Rodewald, erschöpft und lebensüberdrüssig, zwischen Faust und Don Juan schwankend, liess sich die Liebe dieses reinen Kindes gefallen ... Egon von Hohenberg wurde inzwischen geboren. Pauline sah Rodewald's Bewegung, zitterte vor seiner Unruhe, die Ludmer entdeckte Briefe der Fürstin, er schien ihnen verloren für sie und ihre masslosen Bedürfnisse ... er grübelte so verdächtig, er brütete so wehmütig, er schloss sich so oft ein, er sah so ernst auf Karten, die vor ihm ausgebreitet lagen ... Wenn er sich mit Amanda wiederfände? Nein! Selma von Harder musste ihn umschweben wie ein neckender Luftgeist, der ihn in heitre Regionen zog. Er sah des Kindes Verehrung, des Mädchens reine Liebe. Selma erkannte, dass dieser Mann von acht und zwanzig Jahren wie ein hohes Standbild unter dem gemeinen Gestrüpp der Alltäglichkeit emporragte. Sie liebte den Mann, den auch ihre Tanteso hoch verehrte. Der Einspruch ihrer Mutter, die