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Wiedererweckung der alten Kunst und Literatur, diesen neuen Kultus vor den grossen Genien der vergangenen Literaturepoche, besonders dem weltbezwingenden, aber höfischen Goete, in dessen west-östlichem Divan auch Rodewald ebenso schwelgte, wie ihn Faust und Tasso umstrickten. Der junge, schöne, hochgewachsene Gelehrte mit dem feurigen Auge, dem braungelockten Haare, den feinen, weltmännischen Manieren, der gewaltigen einschmeichelnden Rede wurde fast gegen seinen Willen vom politischen Makel befreit, in die genialkünstlerischen Cirkel gezogen, den Räten der Krone vorgestellt. Rodewald gewann eine Professur, wie man dem wilden Rosse der ungarischen Ebene eine Schlinge über den Kopf wirft. Andre sah er zurückgesetzt, ihn den nicht mehr Verdächtigen hob man. Andre wurden verfolgt, ihn, den vom burschenschaftlichen Standpunkt auf den philosophisch-ästetischen Übergesprungenen zog man hervor. Rodewald geriet in Widersprüche mit seinen Freunden, mit seinem eignen Schwager Wildungen, in dessen haus er nie mehr genannt werden durfte, er geriet in Widersprüche mit sich selbst. Die Verhaftungen, die Absetzungenerschreckten ihn endlich. Er sann ernster über die Zeit nach und hoffte einen Ausweg in dem System der konstitutionellen Politik zu finden, deren Lehre damals neu war. Aber nun kam er wieder in Konflikte mit den Ministern und Räten, die ihm seiner wissenschaftlichen Richtung wegen so wohlwollten. Um ein gefährliches Element zu entfernen, gab man ihm auf drei Jahre die Mittel, in Italien zu reisen, Handschriften zu vergleichen, Klöster und Abteien zu durchstöbern, den Wandelungen des alten Rechts in den italienischen Municipalinstitutionen nachzuforschen. Rodewald, einen Bruch ahnend, nahm diesen Vorschlag an. Die Frauenwelt, die Lust, das Leben ergriffen ihn. Auf der Reise an den Ufern des Oberrheins, im Kanton Graubündten, im Abteigarten von Ragaz, an dem Sturz der von Pfäffers herabschäumenden wilden Tamina lernte er Pauline von Ried, eine leidende, aber interessante und sehr reiche junge witwe, eine geborne von Marschalk, kennen. Die Rosen- und Epheukränze, mit denen sich Faust schmücken wollte, als ihm das Studirzimmer zu eng wurde, wand ihm die Hand einer poetisch gestimmten, bizarren Frau. drei Jahre blieb Rodewald mit der reichen, leidenschaftlichen, in Allem excentrischen Pauline in Italien, bald in Rom, bald in Florenz, bald in Neapel wohnend. Charlotte Ludmer sorgte für die grossartigste Bequemlichkeit, die das liebende Paar mit Poesie und Schwärmerei genoss. Rodewald konnte sich sagen, dass er damals ein Wesen unendlich glücklich machte, Pauline hätte erwidern müssen, dass sie es nicht immer verdiente. Ihre Launen und Kapricen waren die einer Frau, die in einem Augenblick zu sterben fürchtet und im andern eine Lebenslust zeigt, die sie zum Trotz, zur Eitelkeit, zu hundert kleinen Konflikten mit der Gesellschaft hinriss. Es ist ein unverwüstlicher Trieb vieler Frauen, die bedeutendere natur der Männer sich gleich zu machen, die allzuhohen Türme und Dächer in der Manneskraft abzutragen und die Stockwerke des gegenseitigen Baues zu nivelliren, wenn nicht gar den Mann ganz auf das Erdgeschoss zu verweisen. Sie ruhen nicht, bis derselbe Mann, den sie zu lieben vorgeben, klein, endlich, geringfügig vor ihnen steht. Sie ruhen nicht, bis es nicht den Anschein hat, dass ein Mann mit all seinen irdischen oder geistigen Vorzügen, mit allen seinen Erfahrungen und seinem gereifteren Wissen doch ihrer als tief-bedürftig und vor ihnen pygmäenhaft klein erscheint. Dasselbe Gefühl, das hochherzige Frauen treibt, den Mann ihrer Liebe zu schmücken, ihn zu erheben, sein Wesen zu verschönern, ihn bedeutend selbst im Kleinen, liebenswürdig selbst in Schwächen zu finden, wird bei Andern durch das Streben ersetzt, die Gegenstände ihrer Liebe hülflos, arm, pedantisch, komisch, kleinlich darzustellen ... bis dann endlich die Vergleichung eintritt, bis der Schleier der Selbstlüge fällt und erkannt wird, was man verlor, vergleicht, was man besitzt und besass, bejammert, dass man sich den schönen Traum des Glückes, das Ideal der möglichen Vollkommenheit, mutwillig zerstörte ... Pauline kehrte nach drei Jahren mit Rodewald in den Norden zurück. Der Erfolg dieses Wiedersehens des vaterländischen Bodens und seiner Verhältnisse war kein glücklicher. Heinrich Rodewald fand in den officiellen Meinungen und herrschenden Tatsachen nichts, was ihm wohltun konnte; doch versuchte er eine Anknüpfung an seinen alten Lebensberuf, der ihm unter dem italienischen Himmel fast abhanden gekommen war. Darauf blickte Pauline von Ried mit Mistrauen, sah seinen Fleiss sogar mit Neid an. Während sie an Brustkrämpfen auf ihrem Sopha, im innersten Atem zusammengeschnürt, lag und stöhnte, litt sie noch qualvoller an der Vorstellung: Dein Angebeteter weilt jetzt in dieser Gesellschaft, wird bewundert, verehrt, hervorgezogen in jener! Sie konnte nicht hören, dass man seinen Geist, seine Schönheit rühmte. Alle Frauen erschienen ihr Feindinnen, die ihr den Tod geschworen hatten. Sie fesselte Niemanden, sie war nie schön. Nur ihre Gestalt hob sie und ihr Reichtum; und da sie kränkelte, konnte sie weder jene, noch diese geltend machen. So endete die Krisis damit, dass die Ärzte ihr einen dauernden Aufentalt im Süden vorschrieben. Von Heinrich Rodewald wurde stillschweigend vorausgesetzt, dass er sie begleite. Als er zögerte, welche Scenen! Welche Tränen, welche Kämpfe! Er widerstand diesem Jammer nicht. Ohnehin in keiner der Voraussetzungen des damaligen politischen und religiösen Lebens sich zurechtfindend, folgte er Paulinen willenlos. Welche qualvollen vier Jahre! Eben der Anblick irgend eines reizenden oder majestätischen Schauspiels der natur, dann Eifersucht, physische Leiden, lange Reisepausen in kleinen elenden