hin, der stumm und ruhig auf dies Mädchen, wie auf ein ihr opfernd Dargebrachtes zeigt ... Anna versteht, besinnt sich auf zwanzig entschwundene Jahre, die ihr entfallen schienen bei dem ersten Gedanken, Das ist ja dein Kind, deine Selma!
Selma's Tochter? ruft sie. Rodewald?
Ackermann beugt bejahend das Haupt und spricht:
Selma's Erbschaft an ihre Mutter ...
Tränen füllten sein Auge ...
Olga hebt den Hut des Mädchens von der Erde und muss nach Anna greifen, der Grossmutter, die vor Schmerz und Freude im Anblick ihrer Enkelin weinend zusammenbricht.
Fünftes Capitel
Don Juan und Faust
Der Erntesegen war ja eingetrieben. Jubelnde Menschen, von hochaufgetürmten Kornwägen herab mit geschwungenen, bebänderten Hüten grüssend, hatten ja in die Scheuern des Ullagrundes, von Randhartingen, Schönau, Plessen die ersten Erfolge eingefahren, die Ackermann für seine Betriebsamkeit lohnten ... Die Fruchtbarkeit des Jahres hatte sich mit dem Eifer der Kultur in Wettlauf gesetzt, um ein überraschendes Resultat zu erzielen. Ein neuer Geist wehte über diese Landstrecken hin, die so viel pflegende hände, so viel wartende und hütende Augen nie gekannt hatten. Von der ersten Ernte der ölbringenden Rapssaat bis zur Kartoffelfrucht, die den Schluss der Einsammlung machte, hatte sich Ceres in ihrer ganzen reichsten Gunst gezeigt. Sie schien Ackermann ihre eigne Sichel in die Hand gedrückt zu haben.
Zwar noch nicht am Ziele seiner Wünsche war Heinrich Rodewald angelangt, doch steuerte er ihnen mit glücklichem Winde nach. Zuviel Sternennächte, wo er im Abendwinde hätte träumerisch seines wunderbaren Lebens gedenken können, fand er nicht; er arbeitete selbst und erlag dann auch den Geboten der natur, die ihre Tribute verlangte. Es war ihm ja bei jedem gang durch's Feld, bei jedem Liedchen, das er pfiff, bei jedem Grusse Selma's, bei jedem Handschlag eines jungen ihm zugesellten Arbeiters im leichten Kittel, gelbem Sommerhut, bartlosem Kinn, eines halben Feld-, halben Stubenarbeiters, in dem wir Dankmar Wildungen wiederfinden, gegenwärtig, was ihn daher geführt hatte, die Hunderte von Meilen zurück, durch die er wie jener Knabe im Märchen, um den Weg wieder zu finden, wenn er zurück wollte, doch eigentlich nichts Andres gestreut hatte, als was die Vögel – wegnaschen konnten. Dachte er an Wiederkehr? ... Ein jugendlicher Heros, rüstig an geistiger und körperlicher Kraft, war seine entwicklung in jene Zeit gefallen, wo die Wissenschaft dem Leben dienen sollte, die Begeisterung für die Musen die geheime Waffenübung halten für den einst hervorbrechenden Angriff auf die französische Usurpation des Vaterlandes. Er hatte sein Elternhaus, die wohnung eines kleinen Stadtrichters am fuss des Harzes, einst als Schüler verlassen, später einer schönen Schwester, die mit den Eltern in Leipzig und Halle, wo er studirte, ihn besuchte, unter einer grossen Zahl von Freiern den Faden der Ariadne in die Hand gegeben, sie von solchen seiner Genossen wie Gelbsattel entfernt, aber auch vor dem kränklichen träumerischen Wildungen sie gewarnt, den sie dann doch wählte, um mit ihm ein in damaliger Überschwänglichkeit nicht geahntes Leben voller Mühen zu teilen. Von Halle folgte Heinrich dem Aufruf zu den Fahnen, als die Rückkehr Napoleon's von Elba einen neuen Kampf der Völker in Aussicht stellte. Die Schlacht bei Belle Alliance war die einzige, an der er teil nehmen konnte. Bis in das Jahr 1816 blieb er in Frankreich und kehrte mit einem Ehrenzeichen und dem Entlassungspatente als Offizier zurück an den Heerd der Musen. Aber diesen Heerd fand er nicht so still, wie ihn die Eule Minervens liebt. Das aufgeregte Kampfblut wallte stürmisch in den Adern der damaligen Jugend. Auch ein neues Volksleben, eine Wiedergeburt des Vaterlandes wollte man erkämpft haben. Rodewald, Offizier, mit einem Ehrenzeichen geschmückt, fügte sich nicht den engen Schranken, die die bureaukratische Inquisition der Kabinette den Akademieen stecken wollte. Er studirte Philosophie und die Rechte. Er trieb sein Studium in der damaligen weltstürmenden Titanenhaftigkeit, zugleich aber doch als Forscher; er zielte auf einen Lehrstuhl. Der Gegenwart entzog sich dabei sein freier unerschrockner Sinn um so weniger, als ihn, wie alle edlen damals, der Drang beseelte, die gewonnenen Ergebnisse des Wissens in die offnen Furchen des mit Blut gedüngten und neugeackerten Vaterlandes zu werfen. Wenn eine Zeit günstig war, den Völkern Freiheit und Einheit zu geben, war es nicht diese? Heinrich Rodewald beendete seine Studien mit einer sehr ehrenvollen, durch bizarre, damals beliebte Paradoxen auffallenden Promotion. Er war der Liebling, ja der Beherrscher Halles, er war der mit jubel empfangene Gast in Jena geworden; ja in Würzburg, Giessen, Marburg holten ihn Komitate der Studentenschaft ein, wenn er die Kreise des neu erwachten höheren Jugendlebens besuchte, wo man in die jungen politischen Doktrinen die Sätze Hegel's, Steffens', Schelling's, Baader's mischte. Bald aber verwandelten sich diese Olympischen Kränze in prosaische Dornen. Die bekannten Verfolgungen begannen. Schon stand Rodewald als Gelehrter den kleinen Quälereien der Jugend entrückt, doch bezeichnete auch ihn die gemeine Servilität der damaligen meist neueingesetzten Behörden mit ihrem gefährlichen Hic niger est! Rodewald lebte jetzt in der Hauptstadt. Seine erste Schrift über einen Gegenstand des römischen Rechtes im Mittelalter erregte aufsehen. Man bemühte sich, ihn für jene bald um sich greifende absolutistisch mystische Teorie zu gewinnen, die von obenher so begünstigt, so reich mit Auszeichnungen belohnt wurde, diese Philosophie vom objektiven Gedanken, diese beflissene