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. Sie sagte es auch der nicht so wie sie angeregten und sie nicht verstehenden Olga. Sie sagte ihr:

Ach, hätt' ich meine Selma jetzt!

Auf dem kleinen Hügel sammelte sich Anna. Die Sonne war im Sinken begriffen. Die fernen Türme der Stadt wie erleuchtet von ihren letzten roten Strahlen. Erst Alles ringsumher so geräuschvoll, nun wieder die alte, ihr so wohltuende Stille ... Es ging dem Winter zu. Wie doppelt geniesst man den freundlichen Abschied des Herbstes! Man möchte ihn festalten, mit ihm ringen, dass er bleibe, aber in dem Kampfe fallen vom haupt des gebräunten Knaben aus seinem Erntekorbe erst die Früchte, die Birnen, die Äpfel, die rotbraunen und grünen Trauben, zuletzt aber auch die Blätter selbst ... Olga ass von einem Teller Trauben. Sie hatte Tage, wo sie nichts genoss als Früchte. Sie hielt Anna's Hand, fühlte ihre Pulse klopfen, aber sich ihr hinzugeben, sie wie das Kind zu umarmen, das Anna'n heute vor mehr als dreissig Jahren geboren war, das vermochte sie nicht, in der Voraussetzung der sie umgebenden prosaischen Dinge. Doch einmal sagte sie:

Warum soll denn Selma tot sein?

Ein Akkord wehte grade herüber vom Tannenpark ...

Sie ist tot! sagte Anna. Ich musste sie hingeben schon damals, als ich dem mann ihrer Liebe sie versagen wollte! Es war ein mächtiger Geist, um den sie flatterte, wie der Schmetterling um die Lichtflamme. Ich sagte ihr, dass er sie verzehren würde. Sie glaubte es nicht. Ich schilderte ihr sein regelloses, kometenartiges Leben. Sie liebte ihn doch. Ich tadelte sie in ihrer blinden Wahl, ich entüllte ihr Alles, was ihr diesen Geliebten verdächtigen konnte. Sie hasste mich dafür; denn so lieben Liebende! Sie folgte seiner Werbung, in weite Fernen. Wohin? Wer weiss es? Nie schrieb sie mir. Ich war tot für sie, sie tot für mich. Und ich weiss es, in Worten, geschriebenen Worten, liess sich nicht sagen, was mein verlornes Kind mir zu sagen hatte. Ihr Gatte war ihr ein Gott. Ihn betete sie an. Konnte sie so treulos sein, nachdem ich ihn als den Verabscheuungswürdigsten ihr hingestellt hatte, vor seinen Augen sich mit den Frevlern an ihrem Heiligtume auszusöhnen? Erst war ich trotzig, dann wurde' ich zaghaft, zuletzt weint' ich, und als ich nicht mehr weinte, weiss ich, war sie gestorben. Eine stimme sagt mir's. Das hört sich. Das sieht sich auch. In stillen Nächten kommen die Bilder. Ich weiss, Selma ist nicht mehr.

Olga brach sich Blumen und wand einen Kranz; dieser Ton hatte ihr gefallen. Ihren geistigen, poetischen Stolz überwand sie etwas, sie gedachte, der alten Dame, die so überfliegend und äterisch sprechen konnte, mit einem Kranz zu huldigen ...

Es schlug schon sieben vom Turme ... im hof war Alles ruhig ... auf der Strasse unten dann und wann ein Wagen noch, ein Reiter ... der Greis zündete Licht an. An seinem Fenster wurde' es hell. Er studirte ...

Der Abend war nicht kühl. Es war eine verspätete Sommernacht; aber das Dunkel kam früh ... Olga's Kranz war fertig ... Von den Tannen würziger und melodischer Hauch ...

Eben will Anna Olga's Arm ergreifen und sich dem haus zuwenden, um Abends, wie sie gewohnt, dem Greise beim Tee noch etwas vorzulesen, als ein kleiner Wagen, ein Einspänner, von der Chaussee aus dem wald herkommend, zum Landhause einlenkt ...

Welcher späte Besuch? frägt Anna und wendet sich der Eingangspforte zu.

Der Wagen fährt näher. Er ist halb offen. Ein älterer Herr, eine verschleierte Dame sitzen im Hintergrunde. Sie beugen sich vor. Die Dame ist jung ... sehr jung ... sie schlägt den Schleier zurück ... es ist noch ein Mädchen. Anna kann nicht genauer forschen, der Wagen wendet rasch und hält vor'm Tore ... Der Herr steigt aus. Gross und stattlich seine Gestalt; das Antlitz bleich. Seine hände zittern, als er den Schlag hält und dem jungen Mädchen den Arm zum Aussteigen bietet ... Diese hüpft von dem Fusstritt zur Erde nieder ... ein bewegtes Auge schaut unter dem Strohhute empor ... Der Besuch nähert sich dem Tore ... An der Pforte zu klingeln ist nicht nötig ... Anna öffnet schon selbst ... Die hohe Dame von vornehmer Haltung, in schwarzem Seidenkleide, die reiche Spitzenhaube auf dem haupt, blickt fragend ... Der Herr hatte den Hut schon in der Hand, als er ausstieg; das junge Mädchen zieht den ihrigen, da die Schleife losgegangen, mit einer einzigen Handbewegung herab ... die prächtigsten braunen Ringellocken fallen von einem Engelskopf herab, der freudestrahlend und mit feuchtem Auge die edle Dame zu erkennen, aus ihr ein unendlich liebes herauszufinden scheint ... Anna, zum tod erschrocken, hält sich an dem Gitter der geöffneten Tür ... Die alten Diener nähern sich ... ein leises Ach! das Anna's Brust entfährt, ein fragender blick auf einen der Diener, der ihre Tochter kannte ... eine Ahnung, ein Zucken des Auges nach jenem mann