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sie erkannte nur gefährliche Irrtümer in dieser kühnen Rede eines Achtzigjährigen ... Ihr Gemahl jedoch war erschüttert. Seine Bildung sagte ihm, dass er die Teorie Lessing's, Mendelssohn's, jenes Reimarus, der in der Tat über Vernunftreligion und Tierseele zugleich geschrieben hat, vor sich hatte, er sah Natan, Saladin, den Tempelherrn aus Lessing's schönem Gedichte, er gedachte der Tränen, die ihm die Erzählung von den drei Ringen als Knaben gekostet hatte, wenn er sie von einem grossen Künstler gesprochen hörte und dargestellt sah. Trotzdem, dass seine Gemahlin ein andres Gespräch, ein leichteres und wieder über den Tempelstein und die Nachbarschaft des Herrn von Dystra bei Buchau anknüpfte, umarmte er beim Abschiede den Greis voll Rührung, Zerknirschung; denn es waren zwei Seelen in ihm ... Die eine wollte sich manchmal zum Entsetzen der Ultrapartei von der andern trennen ... Dann überschlichen ihn Entsagungsgedanken. Wie sollte er auch jetzt die achtung vor der philosophischen Grösse des achtzehnten Jahrhunderts vermitteln mit der leidenschaftlichen, sich allein weise dünkenden Staatsteorie der Absolutisten, die in der kammer, der Presse, auf dem Richterstuhle Egon's von Hohenberg Schleppe trugen oder gar noch weiter als dieser gingen? War nicht schon soviel Blut geflossen für diese Gegensätze alter und neuer Zeit? Was konnte nicht noch kommen? ... Der Monarch brach ab. Kein von der Altenwyl in Anregung gebrachtes Sanctus, kein Dies irae mehr konnte ihn halten ... er war erschüttert, er umarmte den Präsidenten, sagte Anna von Harder das Verbindlichste, grüsste dankend die Übrigen, entschuldigte den Überfall und fuhr ernst und ergriffen rasch von dannen.

An eine Wiederaufnahme der Akademie war heute nun nicht mehr zu denken. Das war ein Ereigniss gewesen, das gleich in alle Welt musste! Man küsste, man herzte Anna. Man schüttelte, unbekümmert über Das, worauf sie gedeutet hatte, die Hand der greisen Excellenz. Man hatte eine unendliche Ehre genossen. Ja, die Flottwitz, die die Gegenwart, die Praxis im Auge hatte, rief sogar, ob aus Liebe zu Dankmar oder einen Augenblick die Demokratie vergessend aus:

Excellenz, gewinnen denn die Wildungen den Prozess?

Ist es denn wahr, dass es sich nur noch um einige wenige Buchstaben in einer alten Urkunde handelt?

Der Greis lächelte nur mild, schwieg und entfernte sich an Dystra's Hand ...

Dystra hatte ihn verstanden. Der sonst so spöttische Dilettant, der Alles von der Seite der blossen Kuriosität, nur als Sammler für das Herbarium seines Gedächtnisses auffasste, war ergriffen von der Lebenswahrheit, die ihm hier, auch aus einer Liebhaberei, entgegensprang. Das waren auch Allotrien, auch Nebenstunden, auch Sammlungen und wie hoben sie die geistige Tatkraft, die sittliche Überzeugung! Er kannte hinlänglich diese neuere vornehme Geistesrichtung der Politiker, die bei hof so massgebend waren. Er kannte Voland's tatlose Reminiscenzendoktrin und sein objektives Meinungskaleidoskop, kannte Rochus vom Westen in seiner gesinnungslosen Skepsis, kannte die Loyalitätsdoktrin junger Publizisten, die Carriere machen wollten und den Staat auf die Säbelspitze oder das Bayonnet steckten, er kannte den Geist des neunzehnten Jahrhunderts als einen tieferen, bedeutenderen als den dieses Greises, und doch wie wenig Liebe und Gerechtigkeit in diesem Geist! Auch Dystra's fragen über jenen Prozess wich der hochgestellte Richter als einem Amtsgeheimniss aus, aber Dystra schied doch mit dem gesteigerten Gefühle der anhänglichkeit an die Brüder Wildungen und den mit so vielen Gefahren bedrohten Bund der Ritter vom geist. Noch heute wollte er in den Ullagrund an Dankmar und nach Antwerpen an Siegbert schreiben ... Als er von Anna Abschied nahm, fand er sie allein. Er sagte zwar nur: Excellenz waren charmant, waren süperbe! aber er meinte etwas unendlich Grösseres damit. Er plauderte Spässe mit Spartakus und Cicero, er nickte zu den Fenstern Olga's hinauf, er moquirte sich über die Hofdamen, über die Spinnen, über Pergolese's langweiligen Styl, über die Blicke, die die Fürstin von Sein-Haben-Werden auf ihn geschossen hätte, als von Verwandlung des Tereus in einen Wiedehopf die Rede gewesen wäre, als wenn sie nicht viel eher Ursache hätte, den Vortrag einer geschichte der Verwandlungen in eine Schnepfe oder eine Gans zu fürchten, kurz er versteckte sein Gefühl in ein Hanswurstkleid, das ihm, wie er dachte, besser stand als der Ernst. Anna seufzte über die "Gesellschaft" Olga's wegen ... Erschüttert in allen Nerven ging sie erst zur alten Excellenz, die schon in ihren arbeiten vertieft war und sich mit Behagen die merkwürdigen Scenen noch einmal vergegenwärtigte, dann aber rief sie Olga, um ihr zu erzählen, was sie versäumt hatte und zu staunen, als sie vernehmen musste, dass ihr die Fortschritte, die sie inzwischen an ihrem Bilde gemacht hätte, lieber wären als alle Schauspiele der Verstellungskunst bei hof.

Du hast Recht! sagte Anna, betrachtete das Bild, ergriff Olga's Arm, nahm einen grossen runden italienischen Hut, den sie ihr sanft auf das schwarze Haar legte und zog sie mit sich die Stiege hinunter in die freie Luft ... Sie hätte es in den schwülen niedrigen Zimmern nun nicht aushalten können. Ihr Blut wallte. So heiss war es ihr seit Jahren nicht durch die Adern gerollt. Jetzt hätte sie einer liebevollen Kindesseele bedurft, die sie zärtlich umfangen, ihr die Stirn geküsst, das Haar, die Wangen, die hände gestreichelt hätte