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der Übrigen.

Dass Sie heute nicht mit den Fingern rechneten, rief Melanie, nicht an den Nägeln kauten und Ihren alten bösen Husten einmal bei sich behielten, verdiente in der Tat eine Auszeichnung, und wenn ich bedenke, dass Sie heute sogar noch ein hübsches, glattes, sauber rasirtes Kinn haben

Der graue Schleicher, verfolgt von Melanie'n, rief kichernd: Gute Nacht! ergriff schnell einen Leuchter und lief unter allgemeinem Spotte davon.

Die doch etwas verletzten Damen wollten seinem Beispiel folgen und aufbrechen.

Nein! sagte Melanie, ihr misgünstigen Schwestern, wird Frauengunst so verschmäht? So wenig Wert gelegt auf eine Rose, die ein Mädchen im Haar getragen? Zur Strafe für die studirten Herren, deren Gattinnen am meisten mit den Stühlen rücken, bekommt die Rose der, der die grösste äussere Schönheit besitzt, den kleinsten Fuss und die weisseste Hand .... Herr Justizdirector, strecken Sie Ihren Fuss vor!

Dieser zog seinen furchtbaren Elefantenfuss rasch zurück. Henning von Harder aber merkte etwas .....

Die Hand des Commerzienrates wurde gerühmt. Sie war rundlich und wohlgepflegt, aber viel grösser als Harder's. Und seine Gemahlin bedeckte sie; sie wollte der Posse ein Ende machen .....

Harder war entzückt ..... er zitterte .....

Ich hab's! rief Melanie. Meine Rose ist erobert. Excellenz .... Excellenz hat das Seltenste, was ich je gesehen ....

Was? fragte man erstaunt.

Die kleinsten, zierlichsten Ohren von der Welt! sagte Melanie.

Der Contrast der Würde, die dieser Mann behauptete, und die allgemeine lautlose, starre Bewunderung seiner Ohren, die er mit geschmeichelter Befangenheit wirklich nun zuliess, war im höchsten Grade lächerlich. Die Ohren fand man rings um die Excellenz herumgehend, in der Tat so klein, dass Herr von Harder nicht ohne Schüchternheit gestand, dass er diesen Vorzug allerdings schon oft an sich hätte rühmen hören. Mit einer Bescheidenheit, als wenn er für eines der grössten Geistestalente nichts könne, da es ihm die natur einmal gegeben, nahm er dann von der in seinem Anschauen wie selig schwelgenden Melanie die Rose entgegen und richtete an die bestrickende Circe eine so verwirrte Anrede, dass man sich an der Eitelkeit eines alten eingebildeten Galantomme gründlichst weiden konnte. Schwerlich hatte sie bei dieser Neckerei ein Interesse. Was war ihr der Geheimrat? Was war ihr die Huldigung eines vornehmen Mannes, sie, die die zudringlichen Anträge junger Grafen und Fürsten täglich abzulehnen hatte und deren ganzes Jugendleben eigentlich ein ewiges Sichbeherrschen und consequentes "Nein"-Sagen sein musste .... Prinz Ottokar selbst, des Königs Bruder sogar, hatte sie schon auf Bällen ausgezeichnet ... sie floh nur immer, wich immer nur aus. Was war ihr also die grenzenlose Verwirrung, die sie über den Geheimrat hervorbrachte, anders als eine Tändelei der "Lieb' im Müssiggang"?

Als sich die ganze Gesellschaft empfohlen und zerstreut hatte, brach Melanie, die Mutter umarmend, in die Worte aus:

Zürne mir nicht, gute Mutter! Wir tanzen solange über den Blumen des Lebens hin und blicken dabei unvorsichtig nach der Sonne empor, bis wir einmal zerschmettert an einem Abgrunde liegen, den wir in unserer Lust doch übersahen!

Welch ein Bild! Kind! Das wolle Gott verhüten! antwortete die Mutter besorgt. Was hast du?

Kopfweh für heute! sagte sie abgespannt. Und nun ... gute Nacht!

Damit küsste sie die Mutter, der sie für weitere fragen, Mahnungen, Besorgnisse mit graziöser Handbewegung rasch den Mund zuhielt, und verschwand in ihrem Zimmer, wo Jeannette, ihre hübsche Zofe, sie schon ungeduldig mit einem Licht erwartete ....

... Das Mädchen kaute Kaffeebohnen, um an ihrem Atem zu verbergen, wie man unten im Erdgeschoss oben den Herrschaften nachahmte und sich würdig zeigte, in einem haus zu dienen, wo nur der Materialismus herrschte ....

Melanie, in Gedanken versunken, merkte nichts von den Kaffeebohnen, nichts von dem glühenden, punscherregten Gesicht des Mädchens. Sie liess sich ruhig entkleiden. Sie duldete ohnehin niemals, dass man sie vor dem Schlafengehen aus ihren Träumen durch Plaudereien weckte, besonders so indiscrete und zweideutige, wie sie Jeannette meist zu verführen pflegte.

Zwölftes Capitel

Eine Überraschung

Melanie's und ihrer Mutter Schlafzimmer wurden von einem grossen Salon getrennt. In diesem pflegten sie sich des Morgens zu begrüssen und gemeinschaftlich zu frühstücken, wenn sie nicht vorzogen, die balsamische Frische der natur und den Kaffee in dem Garten einzuschlürfen.

Schon lange hatte am nächsten Morgen die Mutter gewartet und sich, als Melanie nicht endlich heiter wie sonst hereinhüpfen wollte, erlaubt, leise an die Tür des Schlafzimmers ihrer Tochter anzupochen. Als keine Antwort erfolgte und sie es acht Uhr schlagen hörte, klopfte sie um halb neun Uhr wieder ein wenig leise an ...

Komm doch herein! rief drinnen Melanie mit leidender stimme und die Mutter trat ein.

Wie erschrak sie, als sie ihr Kind noch im Bett fand! Melanie erklärte sich leidend. Sie hätte eine unruhige Nacht gehabt, und fühlte sich unvermögend schon aufzustehen.

Die Mutter geriet in nicht geringe Bestürzung.

Nein, nein, sagte Melanie, bekümmere dich nicht, Mutter! Ich konnte nicht einschlafen. Wie ich so mit müden Augen lag, die sich nicht schliessen wollten, glaubte ich, vielleicht wäre die Hitze