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den Windharfen das Gespräch wieder auf jene Idealität des Greises, die gewissermassen am Eingange der Katakomben stehen geblieben war und grübelte darüber, wie er, da ihm Scherzformen nicht gegeben waren, es anzustellen hätte, auf General Voland's Äusserung einzulenken, derzufolge der Johanniterprozess mit den Lieblingsneigungen des Greises, der Freimaurerei und der Tierseelenkunde, zusammenhinge. Gradezu, wusste der König wohl, konnte er weder von der Freimaurerei noch von jenem Prozess und der Meinung des obersten Gerichtshofes, ohnehin vor so vielen Zeugen, beginnen; doch wagte er den kleinen Scherz:

Die aufgeklärte Zeit war gezwungen, weil sie Gott den Herrn nicht erkannte, sich andre Götter zu schaffen. Voltaire soll vor seiner Katze mehr Respekt gehabt haben als vor den Heiligen. Ja wenn ich Voland glauben darf, so beteten die Tempelherren die Katzen wirklich an und hatten ein Idol, das sie den Bafomet nannten, eine Art von Götzen, toller als die Kalmükken, dieselben Tempelherren, die die Keime der Freimaurerei nach England verpflanzten!

O Majestät, erhob sich jetzt der Greis in seiner ganzen gebückten Gestalt und warf seine hellblauen Augen in die Höhe des Lichts, dass sie wie verklärt schimmerten, o Majestät, wer sagte Ihnen Das? Wenn der Herr General Voland die Akten der Ketzerrichter, die den edlen Jakob von Molay durch Feuer hinrichteten, für vollgültige Beweise nehmen will, so hat er Recht, Mährchen für Wahrheit auszugeben. Aber die geschichte hat jenen elenden Papst verurteilt, der aus der schmählichsten Erniedrigung des apostolischen Stuhles zu Avignon auf Geheiss jenes tyrannischen Philipp von Frankreich einen Orden zerstörte, der nur einer Reform bedurfte, um der geschichte eine andre Bahn vorzuzeichnen, als sie die der Staaten und der Religion später gegangen ist. Man fand in den Tempelhöfen Tiersymbole, man spricht von einem im Pariser Tempel gefundenen metallenen Kopf, den man Bafomet nannte. Aus Scherz hab' auch ich einen alten treuen Kater Bafomet genannt. Die Templer zogen in den Orient als fanatische Christen, sie kamen tolerant zurück. Sie hatten in den Moslem Brüder, Menschen, Helden kennen gelernt. Sie hatten so viele Beispiele von Grossmut der Emirn erfahren, dass sie mit achtung vor jeder Religion, die den Menschen veredelt, von der Küste Asiens schieden. O Mahomet liebte die Tiere! Er war der Apostel einer nicht übergeistigten Religion, der Prophet einer Lehre, die den Menschen an die Sinnenschranke bindet, damit er im geistigen Fluge nicht taste, luftige Wolken für feste Eilande halte, nach Sternen hasche und sich die Blüten der Erde in der Hand verwelken lasse. O Majestät, Mahomet war ein sehr weiser Gesetzgeber, ein sehr grosser Staatsmann und er liebte die Tiere. Was ist der Araber ohne sein Pferd? Warum hielt Mahomet die Katze hoch? Weil er den Hund nicht kannte und weil er in der Gewöhnung der Katze ein mildes Prinzip des Hauses sah. Die Tempelherrenbautendort drüben jene Kirche vom uralten Tempelheidehaben überall Spuren von Anwendung der Tiere zu Ausschmückungen der Architektur. Die Übergeistigung hielt sich an die Blumen, die Menschenreligion an die Tiere. Und wohl uns, wenn wir Duldung lernen und die gezogene Grenze unsrer Sinne! Ach, das Gebiet der Nacht ist so gross, so unheimlich, so gefahrvoll. Die Tempelherren mussten dem Islam weichen; sie mussten das Grab des Erlösers im eignen Herzen finden und der Menschheit die Lehre von den in ihr selbst ruhenden Heiligtümern predigen. Richard Löwenherz kam mit einem gezähmten Löwen heim. Der blick erweitert sich, wenn man die natur belauscht und die stumme Sprache selbst des Tieres zu verstehen sich müht. Kein grosser Naturforscher hat einem Tyrannen schmeicheln können. Das Recht, das ewige Recht leitet seine Quelle von Dem her, was allem Lebenden gemeinsam ist, von der Luft, dem Feuer, dem wasser und der Erde. O wehe, wehe einem Zeitalter, das sich von der Duldung entfernt, wehe Denen, die um der falschverstandenen oder innerlich nie gefühlten Liebe willen Hass predigen! Wehe Denen, die eine Wahrheit, die nicht Alle erkennen, auf irgend einen Tron der Welt setzen! Dass wir Menschen sind, schwache, endliche Werkzeuge eines grossen uns nur ahnungsweise fassbaren Weltenplanes, das ist die einzige Wahrheit und diese macht uns demütig, tolerant, nachgiebig gegen Andersdenkende, zugänglich dem Bessern und den Keimen neuer geschichtlicher Regungen! Ich weiss es nicht, ob die Maurerei durch flüchtige Tempelherren nach England verpflanzt wurde, aber ich wünschte, es wäre so. Ob Jude, ob Christ, ob Muselmann, es ist ein Gott, der uns Alle erschaffen hat, erhält, zerstört, zu neuem Leben verwendet, verklärt, erlöst, wie man es nennen will. O, o dieser General mit seinen Katzen! Mein Bafomet sagt mir keine Mysterien, nichts über den Stein der Weisen, nichts über die Quadratur des Cirkels, er sagt mir: liebt Euch untereinander, duldet Euch und bessert Euch durch die erkenntnis Eurer irdischen Schwächen und einer selbst in Tieren durch Menschenliebe möglichen Vollkommenheit!

Die wirkung dieser mit Begeisterung gesprochenen Worte des Greises, die ihn trotz seiner kleinen Figur zum Seher erhoben, war verschieden. Die Frauen empfanden etwas, das halb aus Spott, halb aus Mitleid zusammengesetzt war; nur als sie die Liebe erwähnt hörten, blickten sie auf die Herrscherin, um gleichsam die Verhaltungsregel ihrem Antlitz abzumerken. Die junge, hohe, schlanke Frau blieb aber streng. Sie war von der neuen Zeit und ihren Wirren, von den Gefahren des Königtums zu sehr gereizt,