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einer gewissen Feierlichkeit sagen konnte:

Vergebung, Majestät! In die Wappen hat man die

Tiere in ihrer ganzen Wildheit aufgenommen.

Aber ist es nicht schön, wagte eine Damenstim

mees war wieder die der Flottwitz, die allgemein heute bewundert wurdeist es nicht schön, die Tiere so zu nehmen, wie sie die natur geschaffen hat, das Pferd so stolz wie in Arabien, den Adler so königlich, wie er auf den Felsen horstet?

Die ganze Gesellschaft murmelte Beifall. Alles war

entzückt. Die Wappentiere aller Anwesenden rührten sich. Jeder verriet, dass er seinen Habichten, seinen Falken, seinen Auerhähnen auf den Wagenschlägen draussen Ehre zu machen hätte.

Der Präsident blieb stehen und sah sich im Kreise

um. Die Königin erschrak vor dem Blicke, der aus den zusammengefallenen Runzeln schoss; sie fürchtete eine Polemik, die ihr in neuester Zeit reizbarer gewordene Gemahl liebte, ja herausforderte. Sie hatte eigentlich schon an dem Ausdruck des Präsidenten "Christuslehre" genug gehabt und fürchtete Konflikte.

Nun, Excellenz, reden Sie! sagte der König. Sie

lasen die Sibyllinischen Bücher! Wir sollten öfter auf die Sprache der Erfahrung hören.

Majestät, erwiderte der Greis sich ehrerbietig ver

neigend, ich wünschte nur das Eine nicht, dass unser Jahrhundert in seinem frischen und kräftigen Selbstgefühl zu wild, zu zornig sich zuweilen gebehrdete. Ich kümmere mich wenig um die Händel des Tages, aber was davon in meine Klause dringt, flösst mir zuweilen den Schrecken ein, dass wir wohl glauben möchten, auch alle unsre Zähne wären für die Verzehrung der Tiere bestimmt. Etwas mehr Pflanzenkost, etwas mehr indische Brahminenlehre würde dieser Zeit nicht schaden.

Man lachte ...

Aber der Greis, den, da der König bewegt schien, Otto von Dystra führte, liess sich nicht irre machen. Halbscherzend und des Fusses auf diesem neuen Zeitboden nicht ganz gewiss sagte er:

Ja! Ja! lachen Sie nur! Ich gehöre noch zu den alten Heiden, Majestät, zu den Heiden, die bei Ew. Majestät Vorfahren das Recht hatten, sich für Weise zu halten. Jetzt freilich wird uns bewiesen, dass wir damals ganz dumme, oberflächliche Narren waren. N'importe! Es ist möglich. Aber ungläubig waren wir eigentlich doch nicht! Wir glaubten mehr, als jetzt die Leute glauben, nur Anderes. Ich hatte eine Jugend, wo ich nur an die Götter glaubte, die im Bardenhaine Tuiskon's verehrt wurden. Klopstock war mein edler grosser Sänger. Dann schlug ich, besonnen geworden, um. Ich fand, dass mein Odin und die holde Freia meine Beförderung auf dem Kammergerichte nicht recht in gang bringen wollten. Da ging ich zu den Griechen über und habe mit meinem Homer in der Hand zum Vater Zeus gebetet, wenn blauer ionischer Himmel auf der Erde lag, und zu Poseidon, wenn es regnete, und zu Ceres und Bachus, wenn die Arbeit getan war und der grüne Römer winkte ... Dann wurde die Welt wieder was Anderes, nämlich indisch. Ein wenig macht' ich diese Religion auch noch mit, aber die Indier in Asien und München führten mich zu tief in die Katakomben des Mysticismus. Da blieb ich draussen und kam glücklicherweise weder in Herrenhut noch in der Siebenhügelstadt wieder ans Tageslicht.

Man lachte wieder, zum Schrecken der Gräfin Altenwyl. Die Akademie schien nicht zu wissen, dass nur der erste teil dieser humoristischen Rede bei hof komisch sein durfte, die Schlussbemerkung aber bedenklich. Es fehlte wirklich jetzt eine Trompetta, um hier die Grenze zu ziehen, bis wieweit das bekannte, vielbesprochene, nun sich deutlich herausstellende Heidentum des alten Obertribunalspräsidenten unterhaltend gefunden werden durfte. Die Gräfin wechselte nicht unbedeutende Blicke mit Anna von Harder und flüsterte ihr zu:

Ich wette doch! Er glaubt an die Seelenwanderung.

Die hohen Herrschaften waren in einer eignen Lage. An einem mann, den sie seines Alters und seiner Stellung zur Monarchie wegen hochverehrten, entdeckten sie eine Geistesrichtung, die ihnen nicht nur völlig rococo, sondern sogar gefährlich erschien. Dies war wirklich noch der alte Neolog der "Zopfzeit," der unverbesserliche Rationalist, der an dem Revolutionszeitalter wahrlich auch sein Schuldteil trug. Wo war nun die Tierseele, die Mauerschwalbe, der Nachschauer des Stabat mater hin?

Glücklicherweise hatte man die Ruine erreicht. Gott sei Dank, diese war im Geschmack des ritterlichen Mittelalters! Da gab es doch Mauerzacken und Rundformen, eine Altane, und das Prächtigste war, ein leiser Wind bestrich die im schönsten Lichte sich noch immer sonnenden Tannenwipfel und wie zum Grusse des hohen Besuches kamen die Luftgeister geflogen und breiteten ihre klingenden Schwingen aus. Wie hallte Das in dem stillen wald wider! Wie sanftes Moll bebte und schrillte in der Luft! Man söhnte sich mit Tempelheide aus, man hatte die Anknüpfung wieder an die letzten gesungenen Worte gefunden: Quando corpus morietur, fac, ut animae donetur paradisi gloria!

Befriedigt wollte die Königin nach einigen noch mit Dystra aus Veranlassung des gotischen Geschmacks über seine Tempelsteinbauten gewechselten Worten sich empfehlen. Sie hatte viel Sachgemäss-Architektonisches über Buchaus Umgebung und die Tempelsteinruine gesprochen ... Aber ihr hoher Gemahl besass zwei treffliche Eigenschaften, denen nur nicht immer die gelegenheit zur vollkommnen oder richtigen Anwendung gegeben wurde. Er liebte erstens die Gerechtigkeit und besass zweitens einen unergründlichen Schatz von Pietät. Die zwischen ihm und dem alten, von seinen Vorfahren so gefeierten und noch so geistesfrischen Herrn obwaltende Meinungsverschiedenheit reizte ihn. Er brachte auf dem Rückwege von