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kann. Die Damen wären auch zerknirscht so am liebsten nun gegangen, so mit feuchten Augen am liebsten von der bewegten und ruhig gewordenen Anna geschieden, aber den Monarchen fesselte es an den greisen Obertribunalspräsidenten. Es tat ihm so wohl, sich durch ihn im Zusammenhange mit der geschichte seines Hauses zu wissen. Er begann, um nur noch zu bleiben, jetzt von den Windharfen und bedauerte den für den Greis zu entlegenen Weg. Doch dieser machte dem Worte der Flottwitz Ehre. Er stand und ging wie der Rüstigsten Einer und als der Fürst sogar selbst seinen Arm ergriff, ihn selber führte, gab er seine bereitwilligste Absicht zu erkennen, seinem Herrn und Könige auch mit Freuden jene Zähmung der Luftgeister zu zeigen. Nun war Alles wieder erfrischt, wieder erquickt nach dem schmerzlichen Drucke Pergolese's. Der König will noch bleiben! Alles atmete beseligt. Draussen vollpulsirende Bewegung. Hunderte von Menschen, die an den Spalieren standen und leidlich ehrerbietig gafften. Die ganze Akademie folgte, weil es gewünscht wurde. Die Diener machten Spalier. Es ging in den Tannenpark. Auch Dystra folgte mit den Kammerherren, die er obenhin kannte. Anna blickte zu Olga hinauf, die hinter ihren Blumen stand, sich getrost das Alles entgehen liess und sich vor einem Schauspiel, das ihr wenig Interesse einflösste, still verbarg. Als im Gehen der Grosspapa eine Erzählung begann, die sie ohne Erschütterung nie hören konnte, die geschichte der beiden Schwestern Philomele und Prokne, erschrak sie recht ...

Der Greis kam sehr einfach auf diese geschichte. Der König hatte ihn nach den allgemeinen religiösen Resultaten seiner Lieblingsneigung gefragt. Dagobert von Harder antwortete darauf:

Manchmal, Majestät, wünscht' ich, die Christuslehre hätte die Menschen nicht zu sehr auf das Reich der unsichtbaren Geistigkeit verwiesen. Es ist nicht gut, wenn wir uns zu sehr aus den Banden der gegebenen Sinnengrenze entfernen. In den heidnischen Vorstellungen über Religion hat mir immer gefallen, dass ihnen eine allbelebende Phantasie in der natur bestimmte Ruhepunkte anwies, die unmittelbar anzubeten freilich eine blinde Abgötterei war, während leider auch wir in unserm Glauben vom Hylozoismus nicht ganz frei sind. Die Alten haben sich selbst gehoben, als sie die Tierwelt zu Mittelstufen der Götterlehre machten. Jedem Gotte war irgend ein gefiederter Bewohner der Lüfte oder das schnaubende edle Ross oder die wilden, von des Gottes Bedeutung gebändigten Einsiedler der Wüste beigegeben. Der Lehre von den Verwandlungen liegt ein Prinzip zum grund, das im Tiere eine Offenbarung anerkannte. Und wie artig sind die Sagen der persönlichen Auffassung des Weltund Erdenlebens! Schiller singt: Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen, seelenlos ein Feuerball sich dreht, lenkte damals seinen goldnen Wagen Helios in stiller Majestät. Gibt es eine schönere Sage als die von Philomele und Prokne?

Der Monarch, der mit dem General Voland die Belesenheit gemein hatte, kannte sie, doch nicht vollständig genug, um sie den Damen mitzuteilen.

Philomele und Prokne, erzählte der Greis, waren Schwestern, Beide Töchter eines Königs von Aten. Prokne an einen benachbarten kleinen Fürsten vermählt, Namens Tereus. Tereus wurde seiner Gattin überdrüssig. Es verlangte ihn auch nach Philomelen. Er beredete bei einem Besuch in Aten den Schwiegervater, ihm die Schwägerin auf die Reise mitzugeben, da Prokne, seine Gattin, sich zu sehr nach ihrer Schwester sehne. Man gab ihm Philomelen mit und setzte sie seinen bösen Gelüsten aus. Da Philomele tugendhaft widerstand, liess der rachsüchtige Mann ihr die Zunge ausschneiden und warf sie in einen einsamen Turm. Durch eine Stickerei verriet sich aber Philomele ihrer Schwester Prokne, die sie zu retten wusste. Prokne voll Wut über ihren Gemahl tödtete ihm den eignen Sohn, liess ihm diesen als Speise für seine Tafel zurück und entfloh mit ihrer Schwester. Beide wären von der Rache des Tereus unfehlbar ereilt worden, wäre Philomele von den Göttern nicht in eine Nachtigall verwandelt worden. Prokne aber wurde die Schwalbe. Ihr ängstliches Flattern rundum im Kreise deutet auf die Reue über ihren begangnen Frevel; sie sucht das Kind wieder, das sie so grausam gemordet hatte.

War bei dieser mit Interesse vernommenen Erzählung das Auge Aller, die die Verhältnisse kannten, auf Anna von Harder gerichtet, deren Beziehung zu einer Schwester und zu einem verlornen kind zur Chronik der Welt gehörte, so machte es nach dieser trüben Anwendung fast einen komischen Eindruck, als in dieser Fabel gewissermassen auch eine Anspielung auf den Intendanten der Bühne, den entarteten Sohn des Redners selbst, zum Vorschein kam; denn der König selbst war es, der da sagte:

Und jener Tereus, Schwager der Prokne, wurde ja wohl in einen Wiedehopf verwandelt?

Man forschte, ob man lächeln durfte. Diese Menschen hatten Alles in Bereitschaft, Lächeln, Weinen, Ernst, je nachdem es auf dem Zifferblatt der Uhr, nach der sich hier Jeder richtete, aussah ... Aber Kurt Henning Detlev von Harder als Wiedehopf? Alle lächelten diesmal von selbst.

Otto von Dystra erlaubte sich nun die Bemerkung, dass doch ein letzter Rest der Ehrfurcht vor den Tieren die Heraldik wäre, und hatte mit dieser Anmerkung seinem Freunde, dem General Voland, eben so viel Ehre gemacht, wie dem Fürsten Vergnügen, der dies Tema als Kenner verfolgte. Alle Ritter- und Wappenbücher wurden gleichsam in dem Gange über die Kiefernadeln nun auch aufgeschlagen, während Pfauengeschrei den Damen nach Pergolese wehe tat. Man schritt des Greises wegen so langsam, dass bis zur künstlichen Ruine und zu den Windharfen dieser noch mit