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was man so gern hörte in diesem Kreise. Ja, wie manche Bittschrift wurde nicht erhört, die man statt an den Landesfürsten an seine Gemahlin richtete! Man fand damit ein Prinzip der persönlichen Huldigung ausgedrückt, das leider zu sehr abhanden kam. Ein junger Sänger, der ein Gedicht schrieb: "Die Farben meiner Königin", erhielt für diese Huldigung im alten troubadourischen Style eine ganz moderne Wechselanweisung zu einer Reise nach Italien. Kurz man steuerte jener Egon'schen Prophezeiung von der poetisch-romantischen Isolirung des Monarchentums mit vollen, rauschenden Segeln zu und hätte, wenn die heute so unendlich verkürzte Trompetta dagewesen wäre, zwar nicht von ihrem Album, nicht von ihrem zweideutigen Kanonenboot, wohl aber schon von dem Chefpräsidenten gesprochen, der zu der Richtung der Persönlichkeit im staat sich hielt und kürzlich sogar gegen Egon eine Opposition in Steuerfreiheitssachen des Grundbesitzes mit angeführt hatte.

Konnte es da fehlen, dass nun durch die Altenwyl auch die Tierseele, auch die Mauerschwalbe, auch die Äolsharfe im Tannenparke zur Sprache gebracht wurde? Ach, dieser vorschnelle neologische Dystra! ... Der platzte mit seinen Beobachtungen über die Spinnen und die kleine Maus hervor. Er wurde belächelt, aber dies Lächeln war nur gnädig, nicht ganz zustimmend. Die Tierseele! Die Tierseele! Man sollte darüber viel zarter, viel milder, viel duftender sprechen. Der alte Herr begann schon selbst davon, Anna unterstützte ihn, man horchte, man lauschte, man gestand zu, es wäre wohl das Rührendste, was die Tierwelt darböte, wenn eine Katze die Jungen einer von ihr gebissenen Ratte aufsäugte. Aber da erröteten doch immer noch Einige der Damen. Man wollte die Wissenschaft, die Wahrheit, aber nur nicht zu wissenschaftlich, nicht zu wahr. Man suchte etwas mehr Dämmerndes, Umflortes und da hatte die Gräfin Mäuseburg, die an der Spitze einer grossen Anzahl von Vereinen stand, den Mut, auf die Hunde des St.-Bernhard zu kommen, jene edlen Neufundländer, die die in den Lawinen verschütteten Unglücklichen im Schnee aufsuchten, aus dem Körbchen, das sie um den Hals trügen, sogleich mit Speise und Trank erquickten, bis die Mönche kämen und das Werk der Liebe und Rettung vollendeten. Das war denn ein Wort! Das öffnete gleich das ganze Gebiet, auf dem man der Menschheit hier Wunder glaubte zu nützen, das grosse herrliche Gebiet der inneren Mission. Die St.-Bernhard's Hunde auch in ihrer Art innere Missionäre! Nun strömten alle losgelassenen Schleusen der Übereinstimmung über das Seelische und so rauschend quollen sie, dass die Gräfin Altenwyl fast Mühe hatte, mit dem Anliegen durchzudringen, den edlen Greis möchte man doch über die Mauerschwalbe fragen, die Shakespeare so schön beschrieben in Versen, die General Voland damals sogleich, wie Alles, auswendig gewusst hätte. Aber o Jammer! Der alte rationalistische Herr aus Friedrich's des Grossen Zeit zerstörte den schönen Traum von der an Mauern schmiegsamen Mauerschwalbe und nannte sie frischweg nur die Maurerschwalbe, weil sie maure wie mit Kelle und Mörtel, nicht Mauerschwalbe, weil sie sich liebend an Mauern schmiege. Und was er auch nun Rührendes erzählte von der Schwalbe und ihrer anhänglichkeit an ihre Jungen, von jenem Schiff, an dessen Masten sich einst im Hafen eine Schwalbe genistet hätte, die ihre Jungen durch vom land geholten Proviant ernährte, von jenem Schiff, das dann in See gegangen wäre und von der Schwalbe, die bald zum land, bald zum Schiffe flog, um Nahrung zu holen, bis sie tot niedersank im Meere, weil die Entfernungen zu weit wurden, ja was er auch von der kunstvollsten Metode des Nestbauens durch Schwalben erzählte, die Maurerschwalbe war Das nicht, was man wollte. Die Maurerschwalbe, ach, die stand ja gleichsam im Schurzfell, mit Kalk bespritzt und der Kelle in der Hand vor diesen Damen, deren Phantasie nur das absolut Schöne und das englische Lovely wollte, die natur gleichsam in Goldschnitt gebunden wie eine Gedichtsammlung über die Sonntagsfeier oder über die Märchenwelt oder was sich der Wald erzählt! ... Nur der Monarch gehörte nicht zu den "Des-illusionirten." Er wusste, dass die greise Excellenz Chef aller Landeslogen war und in der Maçonnerie hoch verehrt. Ihn brachte grade doch die Maurerschwalbe auf ein stilles Nachsinnen ... die Maçonnerie ... und schon schwebte ihm, schon im Voraus gestachelt vom wundersüchtigen Voland, die Bemerkung auf den Lippen, dass die Welt auf die Entscheidung des grossen Johanniterprozesses sehr gespannt wäre ... als die junge Gemahlin den Wunsch ... wieder nach Musik, jetzt nach Pergolese, äusserte, man sich wieder setzte und Pergolese sang. Man sang Pergolese.

Die weichen Töne des Stabat mater nach des alten Hiller Instrumentirung zum Klavier wurden in sanftester Modulation, schwellend und absteigend, in den Tuttis und den Solis vollkommen sicher vorgetragen. Es war eine der fertigen Kompositionen, die Anna von ihrer Akademie zu jeder Zeit und auch Jedem darbieten konnte. Diese Töne waren gewiss schmelzend. Gewiss, Baron Dystra, hätte ihm eine stimme sagen sollen, wen der Schmerz Mariens, die am Kreuz des Sohnes stand, in diesen Tönen nicht rührte, verdient den Anteil nicht am gesitteten Menschenbund. Der Baron glossirte auch wirklich nicht die Tränen der Frauen. Ergriff ihn doch selbst das Verhallen des auch dichterisch so wohlgefügten Liedes, dies sanfte, stille Ausatmen der Komposition, nach dem man nur abbrechen, gehen, knieen, predigen, beten, nichts Gemeines mehr beginnen