der Gesellschaft noch nicht in Erfahrung gebracht hatte ... Die Königin irrte sich gar nicht, wenn sie bei ihrem Gemahl voraussetzte, dass ihm diese unmittelbare Annäherung an den Chef der Gerechtigkeit in seinen Staaten ausserordentlich wohl tat und er sich in dem Bewusstsein betraf: Du lehnst dich da an das Gute und das Edle, an das von Gott Eingesetzte und ewig Gewollte, an den Widerschein der himmlischen Ordnung und du bist in der Weise, wie du nun einmal regierst oder regieren lässest, nicht nur in deinem göttlichen Rechte, sondern auch in der wahren Bahn deiner urweltlich prädestinirten Pflichten! ... Und nun dazu diese Musik, diese alte bewährte Tonschöpfung eines grossen Meisters! Welche Sicherheit gewährte ihm diese Anlehnung an eine Jakobsleiter, die gleichsam in den Himmel selber führte! Ach, es sah so düster auf dem Gebiete der täglichen Erfahrung aus. Die Ruhe war hergestellt, aber teilweise mit gewaltsamen Mitteln. Man hatte in Egon von Hohenberg eine seltne Kraft des Willens, der Durchführung, des Vertrauens sogar gewonnen, aber selber wollte man nicht vertrauen. Man fühlte sich einsam, leer, beängstigt wie immer. Man hatte einen Staat, aber kein Volk mehr. Man sah Gehorsam, aber so wenig Begeisterung bei Denen, die gehorchten, weil sie mussten. Man hatte Beispiele von Strenge geben müssen. Bis in das Heer, das man den Kern und die Blüte des Volkes zu nennen pflegte – der Kern und die Blüte des Volkes ist die Schule, hatte dagegen Egon selbst einmal eines Abends in den kleinen Cirkeln mit Reizbarkeit gesagt – bis in das Heer war das "Gift der Neuerung" gedrungen. Es waren Beweise von Verrat gegeben worden, die man zum abschreckenden Beispiele hatte mit buchstabenscharfer Rücksichtslosigkeit strafen "müssen". Noch beunruhigend genug war die Sage von einem grossen geheimen Bunde, der bis in die weiteste Verzweigung aller Stände griff und den Boden, auf dem man täglich wandelte, unsicher machte. Egon selbst, der nicht bloss das Land, sondern auch zuweilen den Hof, wenigstens dessen liebste Angehörige, tyrannisirte, der Premierminister, dies allbewunderte, strahlend aufgegangne Gestirn, das weitin am europäischen Himmel leuchtete, Egon von Hohenberg selbst hatte eines Abends, als von gewissen strafenden Worten die Rede war, die ein Prinz des Hauses in der Provinz zu einem Gemeinderate gesprochen, gesagt: Hüteten sich doch die Fürsten, mit ihren persönlichen Ansprüchen auf die Empfindungen der Menschen jetzt noch zuweit sich hervorzuwagen! Es kann eine Zeit kommen, wo das Fürstenwesen von Allen, vom Bürger, Bauer, Adel und der Bureaukratie umgangen worden ist und es plötzlich in einer Vereinsamung dasteht, die es vor der Treulosigkeit seiner besten Freunde wird erschaudern lassen! Solche Egon'schen Worte waren längst die Veranlassung einer geheimen Hofverschwörung gegen den Staatsretter geworden, wie man ihn öffentlich nannte. Die Königin stand selbst an der Spitze dieser Opposition, die zunächst eine sittliche war und von der Gräfin Altenwyl von dem Augenblick offen bekannt wurde, als sich der Fürst mit dem schönsten Mädchen der Residenz vermählt hatte, dem man die bürgerliche Abkunft nachgesehen hätte, wenn nicht Melanie's Ruf, der Ruf jener Pauline, unter deren Auspicien diese Ehe zu stand kam, Anstoss hätte erregen müssen. Es war eine Demonstration gegen Pauline und gegen Egon selbst, dass man Anna von Harder heute besuchte, sittliche Elemente schützte, die seelenreinigende Musik verehrte und in dem uralten Chef der Justiz gleichsam jenen alten Staatsorganismus, durch den das Land gross geworden, an Macht und wahrem Glücke gewonnen hatte, selbst der konservativen Neuerung gegenüber in Ehren hielt. Und das Alles schwamm so in den Tönen Händel's mit! Das Alles floss so sanft in den Strom der Harmonieen über, die auch unter der Direktion eines Pianos an ihrer rauschenden Würde und Feierlichkeit nichts verloren! "Jauchzet dem Herrn alle land und singet dem König der Ehre!" Es fehlten hier nur noch einige bunte Kirchenfenster, einige Kartons etwa zum Heilande in der Vorhölle, die Sammlungen und diskursiven Erörterungen Voland's von der Hahnenfeder und der ganze Apparat war beisammen, mit dem aus dieser Gegend her gegen die Stürme der Zeit ein Zion voll Kraft und Herrlichkeit erbaut werden sollte.
Und die Sprache der suchenden Empfindung blieb auch nicht zu lange aus. Nach Beendigung des sehr gelungenen präcisen Vortrags erhob sich der Hof, betrat nun den Musiksaal selbst, rühmte die Kraft, die Ausdauer, den Geschmack der Führung und liess sich von der in der Musik nun recht erstarkten und gehobenen Anna die Damen und Herren vorstellen, meist bekannte, hoffähige Namen, deren Jedem ein anerkennendes Wort, eine Frage, eine jener kleinen Nippsachen der Konversation, die eine Cour für die Grossen zu einer Aufgabe macht, zu teil wurde. Dann aber wurde doch der Greis der Hauptmittelpunkt. Ihn selbst verjüngte die Spannung und erhielt ihn frei, ohne Unterstützung des beobachtenden und vielbeobachteten Dystra ... fräulein von Flottwitz sagte auch den hohen Herrschaften, als an sie die Reihe des Lobes und der Anerkennung kam und ihre "Gesinnung" und die ihrer Anverwandten und ihrer Onkel, ihrer Brüder, ihrer Vettern, namentlich des auch in der Presse wirksamen Oberpräsidenten gepriesen wurde: Welche ausströmende Kraft in der Nähe eines geliebten Herrscherpaares liegt, beweist das Lazaruswunder an dem Greise da! Wie erstanden ist er vom tod! Alle Krücken sind gleichsam weggeworfen! Sein König sagt: Stehe auf und wandle! ... Man belächelte diese etwas patetischen Worte der Flottwitz, aber sie sagten Das,