sondern in noch erhöhterem Grade in seinem ganzen, von dem Lokale, wo er sich befand, in Belagerungszustand gesetzten Nervensystem. Der ihm so wohlwollend zugewandte Greis hatte sich von ihm die kleine Haustreppe hinunter in ein Gemach führen lassen, das zwar eine sehr angenehme Kühle verbreitete, aber bald für ihn ein Gegenstand des Schreckens werden sollte. Der Alte hatte es die Spinnstube genannt. Dystra folgte in Bewunderung vor der ländlichen Patriarchalität dieser wohnung, wo noch gesponnen wurde, wie im Zeitalter der Königin Berta.
Wie erschrak er aber, als er sich auf einen Stuhl neben einem Sessel, in den sich der Alte niederliess, warf und entdeckte, dass dies nicht die Spinn-, sondern die Spinnenstube war! Wirkliche Spinnen waren es, die hier spannen, und welche Ungeheuer, welche achtbeinigen Arachniden, welche Netze! Quer über das ganze Zimmer hingen die Fäden und junge und alte Kreuzspinnen schaukelten sich auf ihnen. Es ist wahr, der Greis sprach sehr schön über den Ton und dessen Einwirkung auf die Tierwelt. Er verglich den Ton mit dem Lichte und erklärte, dass Ton und Licht dem Tiere zusammenflösse, dem Fische, dem Käfer, der Spinne. Es ist wahr, man konnte bei den ersten Takten, die in dem Musiksaale nebenan angeschlagen wurden, die Bewegung sehen, wie die Spinnen stutzten und der Tür sich zuwandten. Aber der unheimliche Eindruck blieb doch und wurde gesteigert, als der Präsident auf ein kleines Loch am Fussboden zeigte und sagte:
geben Sie jetzt Acht! Er gab Acht und erriet fast, dass aus diesem Loche noch ein Freund der Musik erwartet wurde, aber am liebsten hätt' er sich einen Kehrbesen und eine mutige Magd gewünscht, die hier die Wände rein gefegt hätte. Es half nichts, er musste die Spannung des Alten teilen, der aus diesem Loche den Besuch einer kleinen Maus erwartete, die nie ausblieb, wenn die Akademie im Gange war. Es dauerte heute lange. Der Alte bekam schon Bedenken, fürchtete für die Rückfälle seiner Katzen, schalt über die Hunde, die Mägde, die Ratten, die Diener, Alles in einem Tone. Er hörte nichts von den majestätischen Hymnen, die nebenan mit allen Unterbrechungen eines möglichsten Strebens nach Correkt-heit gesungen wurden, bis endlich wirklich zu seiner innigsten Freude ein kleines graues Mäuslein sich hervorwagte, klug die Äuglein um sich warf, den Boden prüfte, den Schweif ringelte und sich den an der Tür wie verzaubert lauschenden Spinnen als alter bekannter Musikfreund hinzuzugesellen suchte. Schon längst hatte man nebenan einen Versuch in mehr unserm Jahrhundert sich annähernder Musik gemacht, schon längst hatte Dystra soviel gewonnen, dass er mindestens eine durchgebildetere Verschlingung der von den einzelnen Stimmen getragenen Tonfiguren zu bemerken glaubte, als dem Greise sein Experiment gelungen schien und er sein Mäuschen wie einen alten Bekannten begrüsste. Nur dauerte die Freude nicht lange. Denn ... plötzlich stockte der Gesang, die Spinnen bewegten sich erschrocken auf den hohen Stelzbeinen, das Mäuschen stutzte, eine kräftige Hand pochte an die Tür, ein Bedienter öffnete ... eine Überraschung ... der Hof ... Was? ... Der König ... Wie? ... Die Königin ... Himmel? ... Anna näherte sich schon dem Papa – es ist ja nicht glaublich! Doch! Doch! Der Hof eben vorübergefahren, schon bei dem Magnifikat still gehalten ... jetzt wo es an Händel ginge, liesse man fragen, ob ein Besuch der Herrschaften erlaubt und Zuhörer gestattet wären ... Staunen, Bewegung, Unentschlossenheit ... endliche Fassung ... zwei Minuten darauf hatte sich die Scene merkwürdig geändert ... dem schloss von Tempelheide war grosses Heil widerfahren.
Viertes Capitel
Die beiden Jahrhunderte
Im Vorzimmer des Musiksaales zu Tempelheide bei geöffneten Türen sitzt das Monarchenpaar, andächtig lauschend einem mit unendlich gesteigertem Eifer wieder begonnenen Händelschen Psalm, einem Musikstücke, auf das sich die im Innersten bebende Anna verlassen konnte ... Die Altenwyl, freudestrahlend über den gelungenen Überfall, denn grade in dem Plötzlichen, dem Unvorbereiteten lag der Reiz, lag der Zauber, der allein die Herrschaften in dem Glauben erhielt, sie beglückten sehr die Menschheit und verstünden sie in ihrem tiefsten und geheimsten Walten ... Eine Ankündigung dieses Besuchs, wen hätte sie nicht Alles verletzt, wieviel Neid hätte sie erweckt und wie leicht hätte sie das Zustandekommen vereiteln können, da Anna so schwer zugänglich war ... Nun aber war der kühne Wurf gelungen ... Der Monarch blickt gläubig, seine Gattin erbaut sich an der Sache selbst und an der Andacht des Gemahls ... Zwei Kammerherren in bescheidner Entfernung, zwei Hofdamen sitzend hinter der Herrscherin und alle mit denselben Mienen wie diese, dieselben Achs! Dieselben Os!
wie jene, ja als sich die Augen der Königin bei einem Adagio mit Tränen füllten, weinten auch die weiblichen Umgebungen ... Die Kammerherren waren etwas selbständiger; sie fühlten dem Monarchen nach, dass seine Empfindung eine geteilte war. Halb war sie der altklassischen Musik, halb dem greisen Obertribunalspräsidenten zugewandt, der von seinem gast, dem russischen Staatsrate Otto von Dystra, geführt, neben den Majestäten sass und mit sicherm ruhigen Bewusstsein, ja mit einer gewissen vornehmen Fassung die Ehre entgegennahm, die seinem haus so überraschend widerfuhr ... Dystra war längst dem hof vorgestellt und seiner halbverwachsenen Figur wegen sogleich als der Sonderling erkannt, von dem man glücklicherweise seine Bekanntschaft mit gewissen zweideutigen Elementen