1850_Gutzkow_030_793.txt

der Stiege sich sammelnd, den Dienern jede nötige Aufmerksamkeit einschärfend, das Vorzimmer des Musiksaales im Vorübergehen noch etwas aufräumend trat sie zu mehren schon unten anwesenden Damen und Herren ein.

Der Chor schien heute besonders stark zu werden. Das unverändert schöne Wetter lockte jedes Mitglied, die Veranlassung einer so angenehmen Spazierfahrt nicht zu versäumen. Nur ein Billet, das sich vorfand, war ein absagendes, grade von der Trompetta! Diese schrieb, ihr stünde der überraschende Besuch ihres Vetters, wie sie sagte, "des Chefpräsidenten von Trompetta Excellenz" bevor, einer bekannten, in der Provinz im Sinne der äussersten Reaktion wirkenden Persönlichkeit, die man schon oft als eine Ministerchance genannt hatte, ebenso wie einen Verwandten des Fräuleins von Flottwitz, den Oberpräsidenten von Flottwitz, der gleichfalls in der Provinz zu den letzten Trümpfen gehörte, die die Äussersten gern ausgespielt hätten, wenn nicht Egon von Hohenberg zur Zeit noch unerschütterlich erschien. Die arme Trompetta! Die Bedauernswerte! Wenn sie ahnen konnte, was sie heute versäumte! Wagen an Wagen fuhr vor. Bediente sprangen von den vordern Böcken und öffneten die Schläge. In der Hausflur sassen schon fast ein Dutzend gallonirter weisser Sklaven, die bald die Nähe der schwarzen in der Küche gewittert hatten und ihr Übergewicht zu Hänseleien benutzten, grade wie sie der alte Oberpräsident im Umgang der Menschen mit der Tierwelt als die Quelle der Verwilderung derselben bezeichnet hatte. Die Kammerdienerssöhne der Majestät von Angora nahmen die Spässe, die man sich mit ihnen erlaubte, nicht zu übel auf, sondern genossen ihr Vorrecht, sich mit den Speiseschränken auf Tempelheide vertrauter gestellt zu sehen, als die Europäer, in einem Grade, der den Neid der letzteren, deren Herrschaften alle erst um sechs dinirten, sehr rege machte und sie um so mehr verstummen liess, als die beiden alten Diener des Hauses, die ihre beste blaugelbe Livree angezogen hatten, auf Ruhe und Ordnung hielten in dem Augenblick, wo vom Musiksaale her die ersten Töne des Pianos erklangen.

Vor dem schloss eines Fürsten, wenn seine höchsten Räte bei ihm versammelt sind, kann es nicht belebter aussehen als jetzt vor dem kleinen Landhause von Tempelheide. Die gewählteste Gesellschaft wurde an den Wappen von mehr als zwanzig Wägen erkennbar. Auch die Männer gehörten nicht alle dem bescheidenen stand der jungen Offiziere und Referendare an, sondern mancher Rat, mancher jüngere Präsident übte noch die Fertigkeit seiner stimme und hielt treu bei diesen fashionablen Tonübungen aus. Die Dorfbewohner, ja städtische Lustwandelnde horchten zu vom Hügel der Kirche, vom Friedhofe und den beiden Linden herüber. Die Jugend staunte der Wägen, der stolzen Rosse und Bedienten. Dies wunderreiche kleine Schloss, sonst so still, wie belebt war es heute! Die Tiere wurden eingehalten oder ihr Gackern und Lärmen erstickte in den entfernten Ställen oder der hässliche Schrei des Pfauen in den hohen Wipfeln des Tannenparks ... Es schlug halb vier Uhr. Die Akademie begann ... fräulein von Flottwitz kam noch in einem unscheinbaren Wagen etwas verspätet. Wahrscheinlich hatte ihr die Trompetta den Streich gespielt, ihr die Mitbenutzung ihres Wagens unmöglich zu machen. Dadurch hatte sie einen Mietwagen nehmen, sich ängstigen müssen ... Aber welche frohe Botschaft brachte sie auch mit! Sie hatte ja den Hof über die Felder hinausfahren sehen, die um Tempelheide lagen, die königlichen Wagen sechsspännig mit Vorreitern und mit zwei Wägen voll Kammerherren und Hofdamen. Und nun, wie gehoben konnte sich die junge Aristokratin fühlen schon durch den Anblick der andern Wägen, die vor Tempelheide standen! Welch' Gefühl der Exclusivität, so in einen Saal zu treten, wo es nur Mitglieder der höhern Gesellschaft gab, ja sogar unter sechs bis acht Gräfinnen eine Fürstin, vielleicht eine Fürstin von Sein-Haben-Werden! Sie kam grade zurecht, in ein Miserere mit einzustimmen, dem es gut tat, bei der Stelle dele iniquitatem meam durch ihre helle hochliegende stimme in der rechten Lerchen-Wirbel-Schwebe gehalten zu werden.

Anna dirigirte mit Feuer und Begeisterung. Was auch kommen und drohen mochte, in der Musik hoben sich ihr alle Schwingen. Da hörte der kleine Flug über die Erde auf, da wurde nicht mehr mit den Fittichen über die Rücksichten leise hinweggeflattert, da schlug sie Akkorde, die die Seele entfesselten und emportrugen in die Welt der Ahnungen und des lebendigsten Gottvertrauens. Sonst ihre stimme im Reden so weich und fast tonlos, jetzt markvoll und schmetternd Befehle erteilend! Cis! Cis! Cis! so durchgedonnert durch die falschgreifenden Baronessen und Gräfinnen, ein Zu früh! den Räten, Präsidenten, Kapitäns, Assessoren, Sekondelieu-tenants und Kadettenwieder einem Flottwitz hatte sich endlich die stimme gesetzt zu einem recht brauchbaren FalsettTenorso ein Zu früh! das war wie der Tuba-Ton eines Jahrhunderts, der diesen Herrschaften sonst gewöhnlich nur zuzurufen pflegt: Zu spät! Freilich auch Zu spät's! kamen genug vor, besonders bei den etwas nachmittagsschläfrigen Bässen, die ihr exultabunt ossa mea ganz im Gegensatz zur Bedeutung dieser Worte etwas gar zu sehr wie wiederkäuendes bequemes Hornvieh hervorbrummelten. Am meisten Not hatte die gute Anna mit der Fürstin Sein-Haben-Werden, die die Musik leidenschaftlich liebte und die heilige vollends mit Auszeichnung, aber an einer für Menschen fast instinktwidrigen musikalischen Gehörlosigkeit litt und im Vergreifen des Einsetzens im Laufe der Übung es in der Tat für den Zusammenhang der Töne zuweilen zu einem wirklichen kompletten Miserere brachte.

Dystra inzwischen litt nicht nur an seinem höchst geringen Interesse für geistliche Antiphonieen und Responsorien,