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wir unbelauscht zuhören können oder ...

Unsern Mittagsschlaf halten, ergänzte Dystra mit Beziehung auf den Greis.

O nein! O nein! lehnte dieser ab. Mein Ohr hört nie schärfer, als wenn die Augen zufallen. Ich schliesse die Augen, Baron, in dem kleinen Winkel, den ich Ihnen zeigen werde, aber wenn man Bach und Händel singt, schlaf' ich nicht.

Dystra war weder für Bach noch für Händel besonders eingenommen, aber er sah, dass die Excellenz gesprächig werden konnte. In der Hoffnung, dass eine Erörterung, die schon bei der Seelenwanderung angekommen war, sich auch noch auf das Mittelalter, das heilige Grab und die Tempelherren würde ausdehnen lassen, erklärte er, die Winke der Frau Landrätin nicht zu verstehen und sich ganz im Verborgenen halten zu wollen. Sein Spartakus und Cicero sässen hoffentlich bedacht in der Küche ...

Die Nachricht von den Mohren machte dem Alten grosse Freude. Er wünschte sie später zu sehen ...

Hätte Dystra ahnen können, was Alles die arme Kapellmeisterin bestürmte, er würde sie mehr geschont haben! Sie sollte ihm jetzt sagen, was Olga triebe, warum sie nicht gekommen wäre, ob sie bei Tisch immer schwiege, ob sie vor den Tieren nicht Apprehensionen empfände, ob er wagen dürfte, sie in ihrem Zimmer zu überraschen, wo hinaus es läge, ob sie jetzt ässe ... Alle diese fragen erwiderte sie mit dem einfachen Bescheide, Olga male, sie würde zu ihr gehen und ihr leider wohl wiederholt die Versicherung geben müssen, dass man sie betrachten wolle wie eine Einsiedlerin ...

Also nach Norden liegt ihr Zimmer! sagte Dystra und wollte trotzdem folgen, wenn nicht der Greis sich erboten hätte, ihm jetzt den Versteck zu zeigen, aus dem er gewohnt wäre, den Akademieen zuzuhören. Dystra musste ihm schon den Arm bieten. Sie gingen über den Corridor, eine kleine versteckte Treppe hinunter ...

Inzwischen hatte sich die Zahl der Wägen, die vorfuhren, ansehnlich vermehrt ... Anna hatte Olga ersucht, an der Akademie teil zu nehmen ... Sie schlug die Aufforderung aus ... es bebte ihr durch's Herz, als das träumerische Mädchen, ihr fast stereotypes Schweigen brechend, gesagt hatte:

Dein Haus ist wohl ein gefängnis für mich; aber die gefiederten Sänger der Luft wohnen gern in ihm. Ich gehöre zu den Stillen, die man nur muss gehen lassen, wenn sie Jeden erfreuen sollen. Ich weiss, jener Dystra ist bei Euch, dem sie mich vermählen wollen, weil er Schätze besitzt. Ich fliehe vor ihm, wie vor der Klapperschlange die Tiere fliehen, über die ich dem Grosspapa zuweilen vorlese. Deine Welt, in der du lebst, liebe Anna, ist wunderbar. Weisst du, dass ich manchmal Mut bekomme, weit, weit über die Tiere und Menschen hinaus, die sich vor Schlangen fürchten? Ich bin gar nicht erschrocken vor den Mädchen, die, wie Grosspapa erzählt, mit Schlangen sich umringeln, kleine Vipern als Halsschmuck, grosse als Shawls tragen! Ich möchte so mitten inne in der Wildniss sitzen, ich wüsste, ihre Bewohner schonten mich. Ach, sind denn die Menschen nicht viel schrecklicher? Von diesem Dystra mit seiner geckenhaften Eleganz, seinen parfümirten Redensarten, seiner Eitelkeit auf seine kleinen Füsse rede' ich nicht. Er ist nur lächerlich und ich wurde mich schämen, wenn ich ein Wort mit ihm redete. Aber es gibt grössere Ungeheuer! Lass mir die Einsamkeit, gute Anna! Ich habe so viel erlebt, so viel in meinem innersten Herzen zurecht zu legen, dass ich dieses verzauberten Schlosses recht bedarf, um mich zu sammeln. Es ist mir bei Euch, wie ich von der Höhle des Trophonius gelesen habe, in der man die stimme des Erdgeistes hörte.

Dabei zeigte Olga rund herum auf ihr gemütlich eingerichtetes Zimmer, das immer für fremden Besuch auf Tempelheide eingerichtet war und in Nebenkämmerchen noch Raum für zahlreichere Gäste bot. Die Meubles waren hier moderner als im übrigen haus, die Bilder zeigten auch einmal andre als naturhistorische Gegenstände, und an den nach Norden gelegenen Fenstern gediehen in kühlem Schatten einige Blumenstöcke von ausgesuchterem Werte. Auf einem dicht ans offne Fenster gerückten Tische malte Olga in Aquarellfarben, deren Anwendung sie von Siegbert Wildungen gelernt hatte, eine italienische Fernsicht. Das dunkelblaue Meer und einen einzigen darüber hinweg schwebenden Vogel erklärte sie für das Abbild ihres eigenen Lebens. Und als Anna sie nicht bewegen konnte, der Versammlung unten, deren bevorstehende Überraschung sie freilich verschweigen musste, beizuwohnen und gehen wollte, rief ihr Olga plötzlich wie auftauend noch nach:

Und dein heutiges Freudenfest?

Anna drückte das Mädchen bewegt an ihr Herz und erwiderte:

Viele Jahre hindurch, ich kann sagen wieviel, siebzehn Jahre hindurch war der heutige Tag ein Freudentag. Dann hab' ich länger als zwölf Jahre an diesem Tage bitter geweint, vor aller Welt mich abgeschlossen, Niemanden sehen mögen, als die Bilder, die vor meinem inneren Auge lebten. Zuletzt, je näher ich dem Ziele unsrer allgemeinen Pilgerschaft komme, hab' ich von diesem Tage nur noch die alte Freude behalten und feiere ihn still innerlich wohl, aber mit Ergebung, wie wenn Alles so wäre, wie es nicht ist.

Olga wusste nun, dass Anna von dem Geburtstage ihrer Tochter sprach, über deren Leben und Tod Anna seit Jahren nichts mehr vernommen hatte ...

Schon war die würdige Frau gegangen. Auf