1850_Gutzkow_030_791.txt

im Wurme, in Insekten und Fischen leben, desto höher wächst mir das grosse Centralfeuer der sich selbst erkennenden Gotteit. Was ich in Allem finde, muss ein Grosses, ein Lichtgebornes, Ewiges sein. Und wenn ich dem Astronomen, Geologen, Botaniker überlassen will, in seinem Bereiche die Harmonie der gesetz, das Streben nach Individualisirung und nach kosmischer Schönheit in den oft so bewundernswürdigen Gattungsregeln zu entdecken, so hab' ich mit Liebe mich der Tierwelt angeschlossen und ein Mysterium darin gefunden, dass in ihr gebunden dieselbe Seele schlummert, die uns für Halbgötter hält, während die ganzen Gotteiten wohl wieder über uns Tiermenschen lächeln.

Anna von Harder zerschnitt eben in kleinste Stückchen die Portion Braten, die der in's Redefeuer geratene Greis mit dem Löffel ass, da das Aufstecken auf die Gabel der zitternden Hand nicht geschwind genug gelang ... Sie verriet eine innerste Genugtuung über diese Worte des Alten, die so bedeutungsvoll waren, dass sie Dystra mit seiner Moquerie beschämten.

Ich dachte, Excellenz, sagte Dystra trotzdem witzhaschend, ich dachte, Excellenz wären ein Pytagoräer und entielten sich des Fleisches, wie noch jetzt die Hindus.

Ah bah! Ah bah! antwortete der Greis. Dass ich ein Narr wäre! Zur Sentimentalität soll uns die Liebe zum Geschaffnen nicht verführen. Das Vollgefühl der Race, das Bewusstsein und der Erhaltungstrieb der menschlichen Gattung erfordert die Tiernahrung. Grade weil wir Raubtiere sind, haben wir Geist. Die Wiederkäuer, die Schaafe, die Rinder sind von geringem geist. Verloren gehen soll der Mensch an das Tier nicht, wenn wir auch mehr als dünkelhaft sind in dem blinden Ignoriren alles Dessen, was um uns fliegt, kriecht, schwimmt, hüpft und bellt. Es liegt hierin eine Offenbarung, die in tausend Zungen so vernehmlich spricht, dass wir selbst verwildern, wenn wir zu unsern Füssen nur Verwilderung sehen. Die dumme Lehre vom Instinkt hat uns der ganzen unermesslichen Pflicht des Niederblickens mit einer Phrase überheben sollen. Wo ist mehr von diesem mechanischen Instinkt als beim Menschen? Der Instinkt lehrt uns, auf zwei Beinen gehen und den Kopf hochtragen. Der Instinkt lehrt uns, des Nachts schlafen und nicht am Tage. Der Instinkt lehrt uns die Furcht und die Bewaffnung gegen Alles, dem unsre Kräfte nicht gewachsen sind. Unsre Paarung, unsre Kindesliebe, unsre Todtenbeseitigung ist Instinkt, wie auch das Grundprincip unsrer Staaten, unsrer Rechtspflege, unsrer meisten Sitten und Gebräuche. Was uns die Vernunft erfunden zu haben scheint, ist der Trieb der Gattungserhaltung. Wüchse nur die Liebe zu allem wahrhaft Lebendigen, wir würden nicht so viel geistig Todtes haben, nicht so viel verblendete méchante Hypotesen aufstellen und uns nicht so sehnen, aus diesem Chaos von Lüge und Irrtum, Misbrauch der Vernunft, Umgehung der natur, bei zeiten herauszukommen!

Anna, noch bewegt von dem Stolze, wie der edle Greis Dystra's geringe Meinung von der ihm gebührenden Rücksicht beschämte, erschreckt von der dem Präsidenten eignen Todessehnsucht, die er oft äusserte, ergriff die zarte kleine Hand, sie bittend und liebevoll streichelnd ...

Grossväterchen, sagte sie, will mich einmal wieder mein Vielliebchen nicht gewinnen lassen und wir haben doch gewettet, dass die hundert Jahre voll werden!

Da sei Gott für! antwortete der Greis und sah sich, weil man das Dessert brachte, Früchte und Bisquit, nach seinen gewöhnlichen Dessertgästen um. Die Türen wurden geöffnet und Noah's ganze Arche schien sich zu entleeren. Selbst die Schildkröte wurde auf Anna's besonderen Befehl von dem Bedienten in den obern Stock getragen ...

Der Greis fütterte seine Gäste. Man hatte ihm Schüsseln mit Körnern hingestellt. Er gab reichlich, strafte aber jeden Näscher und gab jedem Gehorsamen mit Schmeichelreden ...

Es ist die Liebe, sagte er zu dem erstaunt blickenden Dystra, den seine Beklommenheit verliess, es ist die Liebe, die die ganze Tierwelt nur zu sehr an uns vermisst. Wenn wir uns vor Dem, was ausser uns lebt, fürchten, so geht Das noch, es ist eine Idiosynkrasie der Gattung; aber wir hassen die Tiere; wir toben unsre Leidenschaften an ihnen, wie nur zu oft auch an unsern Kindern aus. Kein Wunder, dass Alles um uns her dann tückisch, zornig, rachsüchtig wird und nun auch wieder seine leidenschaft gegen das noch Schwächere austobt! Wodurch verbind' ich Hund und Katze? Dadurch, dass ich sie nicht aufeinanderhetze, nicht Gefallen an ihren Unarten finde. Ich verweise Sie auf den blick des Tieres. Finden Sie da in meinem grossen schwarzen Bafometder Greis nahm den riesigen Kater und stellte ihn dicht vor sich auf den Tischnicht einen Ausdruck der stillen Ergebung, des geduldigen Tragens dieser Erdenhülle..?

Dass man fast an die Seelenwanderung glauben möchte? sagte Dystra forschend, ob nicht dies alte ägyptische Dogma in dem etwas ketzerisch sich äussernden Alten zum Vorschein käme ...

Da erhob sich aber eben Anna. Sie hatte es drei Uhr vom Kirchturme schlagen hören und schon erblickte sie einen Wagen, der von der Landstrasse ablenkend zum haus herauffuhr ... Vielleicht der der Frau von Trompetta, die immer die Erste war.

Sie wissen, Baron, sagte sie mit hocherrötenden Wangen, dass wir heute unsre musikalischen Übungen haben; aber ich bedaure, dass die Anwesenheit ungeladner Zeugen ...

Das sind strenge gesetz, warf der Greis, sich erhebend, scherzend ein, aber ich zeige Herrn von Dystra einen Winkel, wo