nicht ohne Schärfe bemerkte sie, als sie die kleinen, weichen, gar mürben Pasteten austeilte:
Grossväterchen liebt alle Namen, in denen der ALaut liegt; er behauptet, dass alle Menschen gewissermassen aus einem Vokale komponirt sind und im A läge – die Wahrheit!
Dystra! sagte keck der Getroffene und betonte die Endsylbe.
Der Name tut's allein nicht, sagte der Greis mit einem leisen Aufflammen des Auges, der Charakter, der ganze Ton des Wesens und Redens muss es machen. Die gute kleine Olga ist noch zu sehr in O und U gesetzt ...
Dystra verstand noch nicht recht, was Das für kuriose musikalische Schlüssel sein sollten und bat um genauere Erläuterung.
Anna gab sie dahin, dass nach dem Präsidenten alle Menschen sich aus einem bestimmten Laute zu geben pflegten, je nach ihrem Charakter; bei den Sanguinischen hörte man nichts als I-Laute, bei den Cholerischen, Mäkelnden, Nergelnden ein ewiges widerliches E, bei den Melancholischen und Hypochondern die klagenden für sie wahrhaft herzzerreissenden Unkentöne in U ...
Und den A-laut?
Liebt Grosspapa als den klaren Ton der Wahrheit, des echten Masses und der richtigen Mitte ...
Anna von Harder, geborne von Marschalk! sprach der Greis, langsam die A hervorhebend, mit einem Anflug von alter ritterlicher Galanterie.
Es schien, als wenn der Präsident bei einem gedankenmässigen gespräche recht auftauen konnte.
Dystra aber wagte kaum zu sprechen, aus Furcht, zu den I- und E-Menschen zu gehören. Alle seine Bekannten, besann er sich wirklich, besonders die Russen, waren meistens in I und E gesetzt, wie die ewig zwitschernden und zankenden Vögel. Voland von der Hahnenfeder war tief in U. Dumme Menschen meist in O, z.B. der eigne Sohn des Greises, der Intendant von Harder. Klare, besonnene, rüstige, konsequente, wohlwollende wie Rudhard, Siegbert, Dankmar, Leidenfrost, wenn nicht im Namen, doch im Wesen alle aus dem A. Es ärgerte ihn fast, dass ihm sein ganzes Wesen wie eine Resonanz von I und E klang.
Der Greis erschöpfte sich jetzt in freundlichen Betrachtungen über Olga und beschämte Dystra mit der Voraussetzung, dass er ihm verpflichtet sei, von Anna's Pflegebefohlener zu erzählen. Der Greis hatte die natur derselben sehr wahr erkannt. In kurzen abgerissenen Sätzen liess er soviel treffende Andeutungen über Erziehung und Mädchencharakter fallen, dass Dystra im Hinblick auf den Intendanten erstaunte, wie die Praxis hier hinter der Teorie zurückgeblieben war ... Das bescheidene Gemüse, das er jetzt verzehren konnte, wenn er Appetit gehabt hätte, liess ihm Zeit, über ein Mittel nachzudenken, wie er wohl, ohne absichtlich zu erscheinen, auf den Prozess der Gebrüder Wildungen kommen konnte.
Überrascht musste Dystra sein, als der Greis von den Tieren anfing, die Herr von Dystra seinem Sohne für die königliche Bühne verehrt hätte. Als er die Überraschung über diese seine plötzliche Bekanntschaft bei dem Greise aussprach, erwiderte Anna:
Wir lesen mit Aufmerksamkeit die Zeitungen. Wenn die grosse Welt sich in den Teatern und Salons bewegt, holen wir nach, was die Menschen alles unsrer Lektüre zu Gefallen Schönes oder Hässliches anstellen. So hat uns auch Ihre Unterstützung der darstellenden Künste sehr unterhalten. Alle Blätter erwähnten den Vorfall mit den Meerkatzen.
Das Feld war für die Tierliebhaberei des Greises nun offen. Angeregt durch den Besuch und eine kurze Mitteilung der Reisen, die Dystra gemacht hatte, sprach Dagobert von Harder sich dahin aus, dass ihn seine Väter und Ahnen, die alle im Forstfache dienten, früh auf die Naturbetrachtung hätten führen müssen. Dann, sagte er, kam mir als Juristen das Naturrecht in der alten römischen Definition entgegen. Sie wissen, mon cher Baron, dass das natur- oder Völkerrecht bei den Alten das Recht alles Lebendigen war. Was da atmet, was zu dem grossen schönen Bau der Erde, zu dem herrlichen Kosmos des Daseins gehört, hat ein Recht der Pflege, der Schonung, soweit seine Freiheit die Freiheit der Andern nicht beschränkt. Das Recht ist sozusagen der unsichtbare Genius, der seine schützenden Fittiche über Alles, was ist, ausbreitet. Von der natur fängt es an und wo es in der natur nicht ist, wird's im geist nicht sein. So hab' ich schon früh als Jurist gedacht und wenn wir weise werden wollen, wo können wir denn auch anders anfangen, als mit dem Leben der natur? Die Brücken, die ein Kind, hab' ich noch jüngst zu Ihrer Cousine gesagt, Herr Baron, die Brücken, die du dir bauen willst in das unendlich Leere, sind wie Regenbogen, an deren Ende ich als Knabe immer glaubte Gold zu finden. Die Leute sagten's. Ich lief und lief, um die Stelle zu erreichen, wo der Bogen, der bunte, schöne Reif sich endlich zur Erde senkt; ach und ein Sonnenblick und die ganze täuschende Phantasmagorie war mit dem Golde verschwunden! Nicht in's Leere baue, sondern in das Gegebene! Wenn ich nun Ordnung und Gesetz, Harmonie und Verständniss in den Wesenstufen der vorhandenen, unsern Sinnen zugänglichen Schöpfung entdecke, soll mich Das nicht mit Ehrfurcht vor dem Rätsel des grossen Weltenplanes erfüllen? Und jemehr ich Seele, Seelentrieb, Bewusstsein entdecke, desto geringfügiger kann mir doch die innere, sie belebende Flamme der Materie nicht erscheinen? Nein, im Gegenteil! Je mehr Millionen dieser kleinen Flämmchen selbst