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verhängt, seine Lauben in Grüfte verwandelt, seine lachenden Fernsichten in Abgründe! Ein Kind, ein Kind zu sein unter Blumen und Früchten! Lina, nichts schleppen als, jenen lieblichen dicken dresdener Jungen des Rubens ähnlich, Trauben, Trauben und Pfirsiche und kleine Kaninchen; o Seligkeit, es ist vielleicht die des himmels auf Erden. Und wenn wir einst an die Pforte des Paradieses klopfen und sie im Jenseit geniessen wollen, sagt uns Petrus: Ihr Toren, was sucht Ihr hier oben? Die Seligkeit habt Ihr Euch auf Erden ja entgehen lassen! Steigt nun hinunter in das Zwischenreich, wo nicht die Seligen, nicht die Verdammten wohnen. Ach, ich weiss, was da hauset! Es ist die Reue! Die bittere nagende Reue!

Bravo! rief Melanie überlaut und stürzte sich mit komischem Affect Stromer'n fast zu Füssen.

Bravo, Priester! sagte sie und sprach damit die allgemeine den Pfarrer bewundernde Stimmung aus. Auf diesen Glauben gib mir deinen Segen!

Stromer'n, dessen allerdings geistreicher, eigentümlicher und für deutsche Zustände bezüglicher natur wir immer näher kommen werden, Stromer'n zitterte das Champagnerglas in der Hand. Einige Tropfen fielen auf Melanie's entblösste Schultern.

Guido! schalt Linchen, seine Gattin.

Mag' es fliessen, rief Melanie, während Alle lachten; er taufte mich auf seinen neuen Glauben! Pfarrer! Sie müssen sich zu uns bekehren. Wollen Sie?

Damit stand sie auf und schüttete ihr Glas in das seinige. Wie eine Hebe so schön, hob sie den gerundeten nackten Arm und liess von oben herab in wohlberechneter Entfernung den Strahl niedergleiten, dass es in Stromer's Glase aufzischte und wie mit tausend Perlen schäumte. Geblendet sass der glühende Mann da und setzte taumelnd das Glas an die Lippen! ... Ah! rief Alles plötzlich erschrocken. Noch nachträglich zu den vielen gesprungenen saiten im alten Pianoforte der Fürstin sprang eben noch eine der letzten .... Diese Mahnung wie von Geisterhand brachte Guido Stromer'n zur Besinnung. Es überrieselte ihn ein Schauer, als er der Tage gedachte, wo er hier betete und von der Sündhaftigkeit der Creatur sprach .... Aber so wirkte noch die warme Berührung seiner Kniee durch die vor ihm fast niedergesunkene Melanie in seinen zitternden Nerven nach, dass er nur noch in ihrem Anschauen lebte und mit wonniger Spannung zuhörte, als sie in ihr dunkles Haar greifend rief:

Jetzt zum Abschied für heute Abend: Wem lass' ich die Rose hier zum Andenken? Ich wollte sie verschenken. Wehe! Sie ist vom Stiel gebrochen! Armes hülfloses Hundertblatt, wer soll nun deine Stütze, dein Stab und Stengel werden? Wer soll dich mitnehmen und an sein Herz oder in sein Stammbuch oder auch nur in eine einfache Cigarrentasche legen und sich dabei sagen: Melanie gedenkt Deiner, gedenke du ihrer!

Alles sah gespannt auf den Pfarrer und Dieser, bebend, schlug die Augenwimpern nieder.

Ich concurrire nicht, sagte Eugen sogleich mit einer spöttischen, ernsten Miene über Melanie's Übermass von Coquetterie.

Sie ziehen Ihren Einsatz zurück, Stallmeister, antwortete sie, und wissen nicht, wie Sie gewinnen, ... wenn Sie schweigen! Sie haben heute soviel geschwiegen, Lasally; wüssten Sie nur, welchen Respect man vor Ihnen bekommt ....

Melanie sprach diese Worte so scharf, dass sie unwillkürlich belacht werden mussten, zum grossen Ärger der Commerzienrätin von Reichmeier, die ihren Bruder liebte und Melanie's Gefallsucht umsomehr verabscheute, als auch ihr Gatte von den Netzen derselben umstrickt war. Eugen aber war eine viel harmlosere natur.

Mein fräulein, sagte er, Sie wissen, dass ich auf Geist keinen Anspruch mache. In meinem Kreise amüsirt man sich, wenn man gut reitet, gut schiesst, Glück bei den Damen hat und die besten Cigarren hält. Um mich gründlich zu bilden und bei einem grossen Genie in die Lehre zu gehen, hab ich einmal angefangen, nicht nur Schiller, sondern auch Goete zu lesen. Ich las "Wilhelm Meister's Lehrjahre".

Nun, rief Stromer wild. Wie wurde Ihnen da? Ergriff Sie achtung vor der Bildung?

Bester Herr Pfarrer, antwortete Lasally trocken, als ich las, dass dieser Wilhelm Meister, dieser junge Commis und Ladenschwengel

Entsetzlich! rief Frau von Zeisel, die Etwas auf Autoritäten hielt und auf Erziehung Ansprüche machte.

Als ich sah, liess sich Lasally nicht irremachen, dass dieser Wilhelm Meister seine Liebhaberei für Puppenspielereien einer hübschen Schauspielerin erzählt, die dabei einschläft und immer noch von Puppenspielen erzählt, während Marianne schon in seinen Armen schnarcht, habe ich das Buch weggeworfen und mir vorgenommen, bei Gelehrten nicht in die Lehre zu gehen ... man wird da lächerlich, ohne es zu merken.

Melanie strafte ihn aber für diese böse, gegen Stromer gerichtete Anmerkung.

Ein Goeteverächter, sagte sie, bekommt meine Rose nicht.

Es wuchs die Spannung, wem sie ihre Gunst zuerkennen würde.

Dem Witzigsten! hiess es.

Dem Artigsten! .....

Dem besten Reiter! sagte man mit Spott auf den Commerzienrat.

Melanie ging mit der Rose im Kreise umher und wählte und wählte ...

Ich suche seltene Vorzüge, sagte sie, irgend etwas Neues, Bedeutendes ... Wer meine Gunst verdient, muss ... Ah Bartusch!

Mich lassen Sie aus dem Spiele! rief Dieser komisch erschreckt und wehrte die Rose ab zum Gelächter