1850_Gutzkow_030_789.txt

der sich nach ihr umwandte mit einer gelassenen Ruhe, die eines Philosophen würdig war. Dystra scheute sich, einen blick in das offne Zimmer zu werfen. Er dachte schon an die Möglichkeit, darin plötzlich noch irgend etwas ganz Ungeheures zu sehen, als auch in der Tat wieder ein Hund hereintrat, ein Hühnerhund, von derselben ruhigen und nicht einmal neugierigen, sanften, schleichenden Ergebenheit wie die übrigen Tiere. Dystra kam sich jetzt in der Tat wie Äsop unter seinem moralisirenden Vieh vor und dachte sich irgendwo die spottende Olga, die ihn belausche oder ihm wohl gar diese Bestien alle auf den Hals schickte. Es war für seine in der Tat ergriffenen Nerven die höchste Zeit, dass Anna von Harder eintrat und ihn ersuchte, ihr zu folgen. An eine ceremonielle Vorstellung war jetzt nicht zu denken. Sie würden, sagte sie, den Grossvater unten in der Hausflur bei dem türingischen Vogelabrichter finden; vorbereitet hätte sie ihn schon auf einen berühmten Reisenden, der für Olga's Beaufsichtigung Rechte in Anspruch nehmen dürfe; sein ferneres Glück müsse er nun selbst versuchen.

Drittes Capitel

Die Akademie

Dagobert von Harder, der Obertribunalspräsident, war von kleiner gedrungener Figur, ganz im Gegensatz seines zweiten Sohnes, des langaufgeschossenen Kurt Henning Detlev. Der grosse Kopf sass tief in dem gewaltigen Brustumfange. hände und Füsse waren zierlicher, letztere besonders weiss und zart gepflegt, fast sammetweich. Den Schädel bedeckte kein Härchen mehr. Ein sammtnes Käppchen schützte das glänzende, mit Äderchen unterlaufene Haupt. Das Antlitz zeigte die Spuren des hohen Alters. Es war wie ein durchfurchtes Feld, wie eine Netzzeichnung, so in tausend kleine Quadrate geteilt, die alle länglich von den Schläfen herab sich senkten. Die Augen quollen, wie von Hautsäcken umgeben, etwas hervor und hatten einen Anflug von Blödsichtigkeit. Die Lippen waren fast mit den Zähnen verschwunden und ganz in die Höhlung zwischen Backenknochen und Unterkiefer verloren gegangen. Der Kopf senkte sich ein wenig über. Ein Diener musste immer in der Nähe sein, dem über Achtzigjährigen den Arm zu bieten und ihn zu führen.

Bei dem Vogelhändler stand der Präsident. Die Erörterung schien ihm Elastizität zu geben. Der Abrichter hob wohl an dreissig kleine hölzerne Käfige auf einem Tische auseinander und pries unter steter Wiederholung der Anrede: Excellenz! die Leistungen seiner Kanarienhähne, Dompfaffen, Zeisige, Rotkehlchen und Stieglitze. Dass sich Excellenz aus den kleinen Spässen mit dem Aufziehen eines Futterkarrens und dergleichen nicht viel machten, wusste der Türinger schon, aber mit den Vögeln, die ihm Melodieen nachpfiffen, legte er mehr Ehre ein und erwarb sich mit Fug den Taler, den ihm die alte Excellenz jährlich schenkten, wenn er vom Harze kam und seine neuen Virtuosen vorführte. Gekauft wurde nichts mehr in Tempelheide, der Präsident erklärte sich für zu alt, um noch in seine schon vorhandene Gesellschaft neue Elemente einzulassen; denn sein Zähmungsprinzip war grade die allmälige Gewöhnung und für diese blieb ihm, der stündlich die Augen zuschliessen konnte, keine Musse und Aussicht mehr. Mit einer weichen, sehr leisen, von vielem Räuspern unterbrochenen stimme lobte er den Türinger, warnte ihn vor Anwendung grausamer Mittel und entliess ihn mit dem üblichen Taler, zu dem er noch die für Dystra und sein Anliegen spannenden Worte fügte:

kommt Er auch durch Angerode?

Angerode, Excellenz? Ja wohl, Excellenz, Angerode! Grade von da bin ich.

Keine weitere Frage. Papageno mit dem Zeisiggesichte war entlassen ...

Nun erst wandte sich der alte Herr an der Hand des zweiten Bedienten, der mit ihm aus der Stadt gekommen war, zu Dystra und wiederholte, die weissschimmernden Augen aufziehend, das leichte Kopfnicken, mit dem er den von oben herabkommenden Dystra begrüsst hatte ...

Baron essen mit uns? wandte sich der Alte fragend zu Anna, die über diese unerwartete Wendung noch in Schrecken war, da sie Dystra's Gourmandise kannte und nicht wusste, wie sich bei einer solchen Änderung der sonst so einfachen Tafelordnung Olga benehmen würde.

Der Alte wurde langsam die Treppe hinaufgeführt. Anna bot ihm selbst den Arm. Dystra flüsterte, folgend, dem Bedienten zu, man möchte etwas für seine Mohren sorgen, damit deren menschliche Ungeduld von der Zahmheit der hiesigen Tiere nicht beschämt würde ...

Von einer weitern Unterhaltung, längern Vorstellung war keine Rede. Der Greis wurde sogleich ins Esszimmer geführt. Er nahm Dystra für einen Besuch bei Olga, den man Anstandshalber, der Entfernung von der Stadt wegen, dabehalten müsse und begann seine Suppe aus einem mächtigen halben Vorlegelöffel mehr zu schlürfen, als zu essen.

Anna winkte Dystra, sich des Olga'schen Couverts zu bedienen. Denn der zweite Diener hatte schon angezeigt, die junge Comtesse liesse sich entschuldigen. Punktum! sagte Dystra leise und biss sich auf die Lippen.

Nach einer Weile erst bemerkte der Greis die Abwesenheit einer ihm liebgewordenen, immer stillen Gesellschafterin und fragte:

Comtesse Olga?

Nicht wohl! sagte Anna, deren Geduld heute auf die grossartigsten Proben gestellt wurde.

Die Bedienten nahmen die Suppenteller fort. Dystra hatte das kräftige Consommé nicht verschmäht. Man schenkte Wein ein, dem Greise in einem grossen silbernen Becher, den er mit beiden Händen erfasste ...

Onkel von Comtesse? fragte er Dystra nach einer Weile, als man kleine Pasteten aufsetzte.

Dystra, der nur horchte, beobachtete, sich umsah, staunte, erwiderte mit einer Dreistigkeit, die Anna erröten machte:

Vergebung, Excellenz, Cousin!

Diese Unwahrheit konnte Anna kaum dulden und