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sie ohnehin für die Tage der Akademie stattaben musste, sah sie den Baron erst wieder. Und nun gar zu hören, dass Der auch bleiben wolle, sich scherzhaft selbst zu Tische lud, mit jeder Kost sich befriedigen zu wollen erklärte, nur müsse er den Präsidenten heute kennen lernen, mit Olga die Füsse unter einen Tisch stellen, diesem Zustand der Entfremdung ein Ende machen und als er sagte: Ich erzähle dem Greise über Löwen und Panter. Ich war auf einer Tigerjagd in Bengalen. Ich kann über die Wandertauben am Missouri wie ein Stratege sprechen; denn die Züge dieser Tiere sind marschirende Armeen ... ich fessle den Greis so, dass er mich dableiben heisst ... Da blieb ihr nichts übrig, als ihm zu sagen, er möchte in Gottes Namen tun, was er wolle, sein Heil versuchen und einstweilen in die oberen Zimmer gehen und auf den Präsidenten warten, den sie eben schon von unten her anfahren hörte. Das Lärmen und Bellen der Hunde, das Flattern des Federviehs im hof, das Springen und Hüpfen der Vögel, das freudige Radschlagen der Pfauen bezeichnete den wirklichen Moment der Ankunft des alten Herrn. An dem türingischen Papageno mit dem freudestrahlenden Zeisiggesichte vorüber betrat Dystra die mit einem grauen Teppich belegte Treppe und stieg zu dem ersten Stockwerk eines Hauses empor, das ihm wie ein altes verwunschenes Jagdschloss vorkam ...

Zunächst suchte er oben OlgaEr hörte eine Tür zuschlagen ...

Mais Mademoiselle! Mais Olga! Mais ...

Die Bitten des baron, ihm Gehör zu geben, wurden von einer oben in ein Zimmer Gehuschten durch einen Riegel abgeschnitten, dessen rasches Vorschieben laut hörbar wurde.

Vous me traitez en loupcervier

Keine Antwort ...

On croirait, que je mange les petits enfans ...

Tiefe Stille ...

Dystra trat in das erste beste offne Zimmer. Es war dunkel wie das ganze Haus. Die Fenster, auch von innen grün angestrichen, waren nur in kleine Scheiben geteilt. Rings an den Wänden hingen alte Familienportraits, in denen er hie und da eine gewisse Ähnlichkeit auch mit dem Intendanten der königlichen Schauspiele und seiner stolzen adelsbewussten Haltung zu erkennen glaubte. Es waren hier die Harder's zu Harderstein so recht unter sich. Eine alte bronzene Uhr, braungebeizte Schränke boten die einzige Abwechselung an den Wänden. Die Schränke waren mit ausgestopften Tieren, Vögeln, kleinen Vierfüssern, Käfern und Reptilien, angefüllt. Im dunkelsten Eck stand ein Bücherrepositorium, das ein grünseidner Vorhang verhüllte. Es waren alte Ganzfranzbände, die hier standen, Schriften des vorigen Jahrhunderts, meist in französischer und englischer Sprache. Les Oeuvres de Frédéric le Grand fehlten nicht.

Dystra setzte sich auf einen der sauber gepflegten, ursprünglich weisslakirten und vergoldeten Sessel. Durch und durch ein moderner Mensch, hatte ihm diese ganze Wirtschaft hier auf Tempelheide etwas Komisches und doch war er befangen, wie er sich nun mit diesem alten Herrn, der hier im Style seiner verschollenen Zeit wie es schien mit majestätischem Selbstgefühle lebte, vermitteln sollte. Er zupfte an seinen gelben Handschuhen, er roch an seinem parfümirten Taschentuche, er spiegelte sich in seinen gefirnissten Stiefeln und gefiel sich offenbar in der Beobachtung seines zierlichen kleinen Fusses. Den sauber gefärbten Kinnbart konnte er seiner Handschuhe wegen nicht streicheln. Er hätte gern die Türen rechts und links aufgeklinkt, um nach Olga zu sehen. Sie musste doch in der Nähe sein. Es war ihm, als huschte bald da, bald dort etwas an den Wänden. Zuletzt entdeckte sich die gespenstische Gesellschaft. Zwei Katzen, die das Mittagessen zu wittern schienen, standen plötzlich vor ihm mit langniederhängenden Schweifen. Er hatte sie auf ihren sammetweichen Pfoten nicht hereinschleichen hören. Er sah, dass sie durch die eine Tür, die nicht ganz fest zugeklinkt gewesen, gekommen sein mussten. Die Tiere sahen ihn mit Befremden an. Sie waren schön gestreift, der Rükken tigerartig, der Bauch weiss. Ihre Schnurrbärte standen ihnen husarenartig keck, während sie im Übrigen etwas weiblich Gelassenes, Sanftes, Unaufgeschrecktes hatten. Dennoch wagte sich Dystra nicht recht an die Tür, um in das Arbeitszimmer des Präsidenten zu blicken, denn offenbar aus diesem waren die beiden Katzen, die wir unter dem Namen Isis und Osiris kennen, hereingekommen. Dystra fühlte etwas von der Apprehension, die wir diesen schleichenden Haus- und Küchenhüterinnen gegenüber empfinden. Es rieselte ihm über den rücken. Sein Mut, von bengalischen Tigern und Löwen zu prahlen, entfiel ihm vollends, als sich zu den beiden Katzen noch ein ungeheurer, schwarzer, grüngelbblickender Kater gesellte. Dieser dritte Gesellschafter war fast so gross wie die beiden andern zusammengenommen. Aber auch dieser war ruhig und ernst und duldsam über den Besuch und schien sogar an dessen blanken Stiefeln so viel Wohlgefallen zu finden, dass er sich Dystra bedenklich näherte. Jetzt hier so allein zu stehen mit den drei unheimlichen Katzen, erfüllte den Baron mit leisem Schauder. Wetter, dachte er, du hast doch Schakals heulen hören und in gemessenen Distanzen auf dem Nilsande Krokodille sich sonnen sehen, aber diese drei zahmen Katzen in unmittelbarster Nähe machen dir mehr Angst als die Schrecken der Wildniss! Die Tür, die offen blieb, liess das Arbeitszimmer da noch rätselhafter erscheinen, als noch auf dem Fussboden ein Vogel hereinsprang, schwarz mit gelben Pünktchen gezeichnet, mit klugen Augen, beweglich munterm Schwanze, eine Amsel. Ohne dass die Katzen nach ihr haschten, setzte sich die Amsel traulich auf den rücken des grossen Katers,