werden, so erleben Sie eine Zukunft, die von der Hölle nicht viel Unterschied haben wird, oder Sie müssten eine Philosophie besitzen, wie jener gute Graf Desiré d'Azimont in Paris. Die Liebe ist dies allmächtige Gefühl, das im Menschen die wahren und einzigen Wunder wirkt! Die Liebe erhebt zum sittlichen Stolze und drückt auch wieder herab zur gern gehorchenden Demut. Die Liebe ist jenes dritte Höhere, das zwischen den beiden Gegensätzen Gift und Gegengift, Krankheit und Remedium in der Mitte liegt, scheinbar wieder Krankheit weckt und doch zu einer göttlichen Gesundheit erhebt. Der Goldregen Jupiters wirft alle metallischen Reste jenes Kreuzes, das auf dem Nervengeflechte Olga's lag, hinaus aus dem mishandelten Körper dieses armen närrischen kleinen liebenswürdigen Kindes! Jupiter, bester Baron! Nicht Pluto's Goldregen! geben Sie dem Mädchen Jemanden, den sie liebt, lieber jetzt, als erst dann, wenn sie Ihre Frau ist. Nichts aus der Apoteke kann hier helfen, Baron, sondern Weisheit, die sich Jeder selbst verschreiben muss.
Damit reichte Drommeldei, wahrhaft erschüttert, dem Baron die Hand und entfernte sich zu seinem Wagen, der den in äussersten Fällen alle Diplomatie über Bord werfenden Mann rasch die Anhöhe hinab entführte.
Dystra aber war bewegt. Er musste Siegbert's gedenken, der sich aus Rücksicht auf ihn und die Fürstin der Hoffnung, jemals Veranlassung einer so auffallenden Mesalliance zu werden, entschlagen hatte, so lebendig in ihm das Bild Olga's auch fortlebte. Olga war unglücklich ebensowohl über den geringen Mut des Freundes, dem sie ihr ganzes Leben gewidmet hatte, wie über sein nahes Verweilen bei der Mutter. Sie vergab ihm nicht, dass er nichts, auch gar nichts getan, eingedenk sich zu zeigen jenes Abends unter den Hängeweiden, wo sie ihm ein Herz für's ganze Leben geschenkt hatte. Ihre Begriffe von Schwärmerei und waghälsiger Liebe verstanden nicht, wie Siegbert ihr nie schreiben, nie ihr ein Anerbieten von hülfe in ihren bedrängten Herzensgefahren machen konnte. Dass er sich bekämpfte, der unpassenden Verbindung auswich, keinen Anstoss in der Gesellschaft erregen wollte, verstand sie nicht. Als sie in Venedig erfahren, dass Siegbert und die Mutter nach Belgien gegangen waren, gab sie die Hoffnung auf irgend noch ein Glück des Lebens auf und folgte Rafflard, der sie zur Nonne machen wollte, aus Verzweiflung. Nach der gefährlichen Schule, in der sie zum Leben erwacht war, nach der Schule Helenen's, musste Siegbert alle Rücksichten aufgeben, ihr auf Wolkenflügeln entgegeneilen, seinen starken Arm um sie schlingen und diese gemeine Erde wie mit den Füssen von sich stossen! Siegbert, der der Politik, der Kunst, seinem Prozesse leben konnte, erschien dem Mädchen schon wie Egon, das Prototyp alles männlichen, herzlosen, blutsaugenden Vampyrismus, der in allen Romanen, die sie gelesen hatte, schrecklich genug geschildert war. Und ehe Olga, sagte sich der durch väterlichen Willen ihr bestimmte Verlobte, neue Torheiten begeht, wieder ausfliegt, wieder in die hände eines Höllensohns gerät, sollte da nicht die Tochter eines Fürsten lieber einmal einen Maler heiraten? Oder gar, wenn die Brüder jenen Prozess gewännen, der sie fast so reich macht, als ich es bin! Wenn es wahr wäre, was man sich erzählt, dass der alte Obertribunalspräsident an diesem Prozesse einen so auffallenden Anteil nähme? ... Längst schon hatte Dystra auf den Lippen, Anna von Harder um diese Angelegenheit zu befragen. Aber das eine Mal, dass er von der Familie Wildungen anfing, befremdete ihn, wie schnell die sonst jeder Frage gern ihr Ohr leihende und sich immer um eine ausführliche und gründliche Antwort fast bekümmernde Frau, dem gegenstand auswich. Er erfuhr inzwischen, dass ein Oheim der Wildungen die Tochter der Landrätin Anna von Harder wider ihren Willen geheiratet hatte. Da gab er es auf, mit ihr über einen Gegenstand zu sprechen, der in ihr schmerzliche Erinnerungen weckte. Aber ihrem alten Schwiegervater hoffte er sich zu nähern und wie sehr auch Anna hervorhob, dass er völlig ungesellig wäre, keinen Umgang liebte, er kam immer wieder auf den Wunsch zurück, ihm vorgestellt zu werden und heute war es der letzte Moment.
Indem kam Olga mit ihrem buch über Italien aus dem Tannenparke zurück; der Kranich begleitete sie, ohne dass sie auch nur über seine Sprünge die Miene verzog. Sie hatte nur die eine Absicht, Dystra zu fliehen, ihn nicht zu sehen, kein Wort der Anrede von ihm zu vernehmen ...
Dieser entsetzliche Ernst! sagte er sich. Diese leidenschaft, Alles so zu nehmen, wie es ist! Kein Humor, kein lachen, keine Abweichung von der Regel! Sie kommt mir da vor wie ein Zugvogel, der plötzlich, ehe wir's uns versehen, sich in die Lüfte hebt und indem sie eben noch vielleicht mit den Täubchen spielt, die sie füttert, ein Locken, ein Schwärmen in der Luft hört von Vögeln, die wir kaum kennen und auf und davon ist sie, man weiss nicht wie und wohin.
Olga hatte auf's Geflissentlichste den Baron vermieden und war an den demütig sich verneigenden Mohren vorüber in den Hof gegangen, um sich auf ihr oben gelegenes Zimmer zu flüchten ... Der Weiser der Kirche zeigte bald auf zwei Uhr. Anna in ihrer Beklemmung schien den Besuch Dystra's fast vergessen zu haben. Wie sie eben Befehle gab, die Hausflur in noch grössere Ordnung zu bringen, als