den geistlichen getretene Nonne muss Olga in dem Vertrauen auf innere Offenbarungen stärken. Sie wissen, dass jetzt überall Wunder der katolischen Kirche wieder auftauchen! Bilder schwitzen Blut, an visionären Mädchen auf dem land zeigen sich die Leidensmale Christi, es ist, als schwankten wieder alle festen Normen und Naturgesetze, als ergriffe die Menschen in gewissen Gegenden der St.-Veitstanz der Ideen, die Alles im Wirbel mit ihnen umdrehen. Dieser Rafflard soll alle Stadien eines pädagogischen Abenteurers durchgemacht haben und als wahrer Seelenverwüster nun damit enden wollen, Heilige zu schaffen. Er fand in jenen mit Geistlichkeit jedes Ordens gesegneten, zur Donau auslaufenden Bergtälern hülfe genug, Olga zu fesseln, bei ihrem aus Liebesgründen nicht gesteigerten Verlangen nach der Rückkehr zu den Ihrigen sie planlos umherzuführen, bis sie in einen Zustand kommen musste, den ich mit jener Zähmung der Schlangen in den Kästen der indianischen Zauberer vergleichen möchte, mit jener Erstarrung durch umhüllende Decken, die eine Letargie, eine Geistesohnmacht, eine Willenlosigkeit zurücklassen, an welcher man erlebt hat, dass Frauen für heilig galten, sie wussten nicht wie und dass sie sich inspirirt glaubten, sie wussten nicht von Wem, wohl aber an sich selber glaubten, an ihre eigne Geistesverwirrung wie an ein Evangelium, das Unsichtbare ihnen zuriefen, ja dass sie stigmatisirt waren, ohne es zu wissen ...
Drommeldei sprang auf. Er hatte erst gelächelt, erst wirklich an Tümmel's Reisen, die er und Schlurck ausnehmend liebten, gedacht. Nun aber überwältigte ihn der Zorn. Er erging sich in Verwünschungen eines wahnsinnigen Zeitalters – und hatte doch eben selbst diesem wahnsinnigen Zeitalter sich zum Opfer dargebracht, seine Logik, seinen klaren Verstand, seinen Voltaire dem Mittelalter und einer am Trone doppelt gefährlichen Romantik preisgegeben!
In Linz, fuhr Dystra fort, entdeckte endlich Rudhard die Flüchtlinge. Die Jesuiten, die oben auf der schönsten Aussicht über die Donau und die Steiermärker Berge wohnen, mögen Rafflard angezogen haben. In der wohnung einer besonders bigotten vornehmen Sternkreuzordens-Dame war Olga wie eingebürgert und wurde von dieser und einem Dutzend hoher Geistlicher gleich einer Heiligen behandelt. Ich zweifle gar nicht, dass es darauf abgesehen war, das Kind in einen magnetischen Zustand zu versetzen. Rudhard fand sie, wie sie schlummernd auf einem Ruhebett lag, die Brust mit einem Kreuze bedeckt ...
Das Kreuz war ein Magnet!
Das vermutet Rudhard selbst und beklagt sich, desselben sich nicht bemächtigt zu haben. Er wäre im Hotel abgestiegen, schreibt er mir, hätte sich bald von Olga's Anwesenheit unterrichtet, wäre ohne lange zu forschen, ohne sich um die hohen Titel jener bigotten Frau zu kümmern, in die Zimmer eingetreten, hätte in stürmischer Hast nach Olga verlangt, sie im Nebenzimmer entdeckt, aus einem Schlafe wachgerufen, der sie, selbst als sie die Augen aufschlug, noch nicht zu verlassen schien. Sie wäre ihm gefolgt, hätte seine Ansprüche auf sie ruhig anerkannt, hätte mit sich geschehen lassen, was geschah. Rafflard wagte sich, als er Rudhard's Namen hörte, oben von den Jesuiten nicht wieder in die Stadt hinunter. Auch hätte Olga nicht nach ihm verlangt. Mit einer an Starrsucht grenzenden Ergebung wäre sie Rudhard gefolgt und mit ihm über Prag und Dresden hierher zurückgekehrt, wo er neue Verwirrungen, neue Pflichten genug gefunden hätte und dem Ewigen danken wolle, wenn es Anna von Harder gelänge, in die phantastische Nacht, die um Olga zu schlummern scheine, einen Lichtstrahl der Erleuchtung und wiederkehrenden freien heitren Selbstbestimmung innerhalb der sittlichen Schranken zu wecken. Ihnen, Sanitätsrat, schloss Dystra, konnte ich, da ärztliche Anknüpfungspunkte hier nun endlich gegeben sind, diese geschichte nicht verschweigen, bitte Sie aber, Drommeldei, bewahren Sie den Vorfall wie ein geheimnis, das die Ehre einer ganzen Familie betrifft.
Drommeldei, düster blickend, ernst gestimmt, dankte für das ihm geschenkte Vertrauen und versprach über den empörenden Vorfall nachzudenken. Er zweifle gar nicht daran, dass man, wie man hier in Tempelheide die Tierwelt dem Menschen näher brächte, so es in Klöstern und bigotten Konventikeln jetzt mehr wieder denn je verstände, den Menschen aus dem Bewusstsein seines klaren Ichs, seines unsterblichen Cogito ergo sum, hinunter zu drücken zu einer rein animalischen Vegetation, wo nur die Schauer des Erdenlebens durch die Seele spukten und statt Offenbarung eines höhern Lebens, die man von der gestörten Ordnung der Sinne erwarte, nur die Verdunkelung unsrer sehnsucht und Hallucinationen abgestumpfter Sinne empfinge. Ja, fuhr er, begeistert sich erhebend, fort, ja, mein guter Baron, wenn hier etwas helfen kann, so ist es wohl zunächst ein Umgang, wie der Anna's von Harder, nicht, weil diese Frau selbst gesund ist, sondern weil auch sie geistig kränkelt. Es ist hier ein Fall, wo sozusagen die Homöopatie hilft. Lächeln Sie nicht, Baron! Nur die Tollheit unsrer Menschen zwingt den Arzt zur Charlatanerie. Wenn Sie wüssten, was sich Alles hülfe begehrend dem arzt zuwendet, Sie würden erstaunen, dass wir nicht noch weit öfter auf unsre Recepte schreiben: Aqua fontana! O tolle, tolle Zeit! Hat die gleichartige Schwärmerei Anna's wie ein Impfstoff auf Olga gewirkt, so muss dann freilich noch ein Element hinzutreten, ich meine eines, das alle Organe des Menschen hebt, alle Sinne veredelt, alle Gedanken zum Lichte emporzieht, die Liebe! Bester Baron, Sie blicken ernst. Vergeben Sie mir! Wenn Olga gezwungen wird, die Baronin von Dystra zu