1850_Gutzkow_030_785.txt

diesem pikanten Blätterdünger, wie sie seine ganze natur, auch seine geistige, zu bedürfen schien.

Dystra erzählte nun, dass er von Rudhard aus Brüssel einen Brief erhalten hätte, der ihm den Schlüssel dieses sonderbaren Benehmens der aus Italien heimkehrenden Olga gegeben. Die Familie, der man Olga in Rom anvertraut, hätte aus mannichfachen Elementen bestanden. Statt Schutzes hätte sie von Seiten einiger jüngerer Mitglieder jene quälende Huldigung erfahren, die zuletzt ein Mädchen, das auf die begehrte Hinneigung nicht einginge, wahrhaft erschöpfen und in einem Grade abspannen könne, dass sie einen Ekel und Überdruss an sich selbst empfände. In Venedig hätte Olga die unausgesetzten Galanterien zweier jungen Söhne der herrschaft, mit der sie reiste, nicht mehr ertragen mögen und das Leiden eines selbständig in der Welt auftretenden weiblichen Wesens, da ihr die Waffen des Humors fehlten, so lästig gefunden, dass sie mit Freuden auf den Vorschlag eines älteren Mannes eingegangen wäre, sie bis Wien in seinen Schutz zu nehmen. Ohne Abschied von der Familie zu nehmen, rücksichtslos, frank und frei, ganz in Olga's Art, die das Tragische hätte, dass sie aus dem empfindlichsten Zartgefühl für Tugend leichtsinnig erschiene, wäre sie von jenen Menschen geschieden und hätte den Vorschlag eines älteren Mannes, sie nach Wien zu führen, angenommen. Sie kannte diesen Mann als zuverlässig von Rom aus: es war ein Jesuit, der Professor Sylvester Rafflard ...

Himmel! unterbrach Drommeldei erschreckend ...

kennen Sie ihn?

Erzählen Sie! Das Mädchen ist die neue Clarisse Harlowe ...

Dystra fuhr fort, nach Rudhard's Mitteilungen zu berichten, dass Olga diesen Mann nur von Rom und dem haus der Gräfin d'Azimont gekannt hätte. Sie hätte mit Freuden von ihm vernommen, wie er immer gegen den Fürsten Egon gesprochen, wie er der damals noch von ihr verehrten Helene die Charakterlosigkeit dieses Treulosen unbarmherzig vorgehalten, bis Helene selbst "charakterlos" geworden. Damals schon hätte sie zu jenem gefälligen Hausfreund ihre Zuflucht nehmen, seinen Rat begehren wollen. Nun fand sie ihn in Venedig auf dem Balkon eines Hotels, wo sie schwermütig in den grossen Kanal blickte und ihn für einen Retter vor den Unarten zweier jungen modern erzogenen Söhne der schwachen Dame, mit der sie reiste, ansah ...

Sie kam aus dem Regen in die Traufe! unterbrach Drommeldei mit prosaischer Wahrheit einen Zustand, der in der auf den gefährlichsten Bahnen wandelnden Olga tragisch genug zum Bewusstsein gekommen schien. Dieser gefährliche Mensch! Ich lernte ihn bei Helene d'Azimont kennen und wurde so mit der Beschleunigung des Wiedersehens zwischen ihr und dem damals fieberkranken Prinzen Hohenberg gedrängt, dass ich, um diese Krisis minder gefährlich zu machen, zur List und Verschlagenheit greifen musste. Noch ist mir ein Rätsel, welche Rolle jener Faun in diesem Verhältnisse spielen wollte.

Und diesen Mann, sagte Dystra, hab' ich von bedeutenden Notabilitäten der Residenz rühmen hören, habe Rochus vom Westen entrüstet gesehen, als es hiess: Ein Jesuit ist ausgewiesen. Auf dem Wege nach Wien, wohin ihn wohl geheime Aufträge führten, muss er seiner ganzen natur die Zügel haben schiessen lassen. Das arglose Mädchen wollte sich von den Nadelstichen kindischer Huldigungen befreien und verfiel in eine Gefahr, die Sie ermessen können, wenn Sie Rudhard's geständnis hören, das ungefähr in der Tatsache besteht: Er kam nach Wien, fand Olga nicht in dem Gastofe, wo die aus Rom rückkehrende Familie hatte absteigen wollen. Diese Familie traf endlich ein. Olga blieb aus. Wie bebte sein Herz, als er den Namen Rafflard nennen hörte! Der alte Pädagog, ewig geneckt von den Extremen der Zeit! Sein Zögling in solcher Gefahr! Die Taube in den Krallen des Geiers! Was sollte er tun? Bleiben, reisen? Er suchte den Beistand der Regierung. Er bot Alles auf, zu einer genauen Kenntniss der Route zu kommen, die Sylvester Rafflard mit Olga genommen hatte. Oft wär's ihm, dem besonnenen, kalten mann gewesen, als hätt' er mit der Stirn gegen die Wand rennen müssen! Endlich hätte er erfahren, dass ein älterer Herr mit einem jungen Mädchen von Triest über Udine nach Steiermark gereist wäre. Aus spätern fragmentarischen Berichten ergab sich, dass Rafflard die katolische Schwärmerei Olga's zu irgend einem Lebensplane nutzte, ihr eine Rundreise durch Klöster und Abteien als eine romantische Verschönerung ihres nächsten Reisezweckes vorhielt und gradezu auf eine Eroberung nicht nur für die Kirche, sondern vielleicht gar für die Heiligengeschichte zusteuerte.

Drommeldei blickte fragend auf ...

In der Tat, Doktor! sagte Dystra. Es ist schaudervoll, wie weit die mittelalterlichen Rückfälle gehen. Man wird mit ihnen grade wieder bei Tümmel's Reisen ankommen. Rafflard hatte in Rom die leidenschaft Olga's für die katolische Kirche bemerkt. Der Kriticismus ihres Erziehers hatte ihr keine Waffen in die Hand gegeben gegen den verführerischen Reiz der Musik und des entzündeten Weihrauchs. Da findet er in Venedig dies Kind wieder, das sich ihm mit seinem ganzen schwärmerischen Unbedacht in die hände liefert. Weit entfernt, sich ihr durch seine schlimme natur verdächtig zu machen, legt es Rafflard darauf an, Olga's Überspannung bis zum Visionären zu steigern und sich in der hierarchischen Sphäre, wie man das jetzt sehr gut durch Extreme kann, einen Namen zu machen. Er spricht bei Geistlichen mit ihr vor, die die sehnsucht des Mädchens nach diesem Extremen steigern. Hier und da eine aus den höheren Ständen in