1850_Gutzkow_030_783.txt

und das Wunder

Anna von Harder empfing ihren Besuch im Musiksaale, einem geräumigen Eckzimmer, das trotz seiner vier Fenster etwas Düstres hatte, denn das Glas der Scheiben war nicht das weisseste, die Fensterrahmen, wie am ganzen Landhause, waren grün angestrichen.

Dystra und Drommeldei hatten sich erst auf der Chaussée getroffen. Seit Drommeldei die Vermutung des baron, man könnte mit Olga vielleicht eine magnetische Kur beginnen, entschieden abgelehnt hatte, war zwischen ihnen die Erörterung ihres offenbar krankhaften Zustandes nicht mehr zur Sprache gekommen ...

Dystra, der Anna einen grossen Strauss der ausgezeichnetsten Blumen überreichtedie Gärtnerei wurde in Tempelheide vernachlässigterklärte sogleich, er wisse, dass Drommeldei irgend etwas Geheimnissvolles mit der Frau Landrätin von Harder zu verhandeln hätte. Er wäre heute gekommen, um auf längere Zeit sich zu einem Ausfluge nach dem Tempelstein, zu einem Besuche der Fürstin in Brüssel zu empfehlen. Wo Olga wäre? Er müsse sie doch wenigstens zum Abschied sehen.

Und Drommeldei bestätigte zum Schrecken Anna's, die etwas Unglückliches erwartete und auch von Abschieden immer sehr bewegt war, wie vielmehr an diesem Tage, den sie so hoch erhob, eine geheime Absicht. Sie wusste kaum, was sie erwiderte, als sie sagte, Herr von Dystra würde Olga unterm Pavillon finden ...

Der Baron, im schwarzem Schnurrock, weissem Kastor, die citronengelb gantirten hände in die mächtige Brust steckend, wandte sich dem Pavillon zu, um einen Versuch zu machen, mehr als jenes halbdutzend Worte von Olga herauszubekommen, das er bis jetzt erst aus ihrem mund gehört hatte. Während wir ihn seinem guten Glück überlassen, sah sich Drommeldei, als er allein mit Anna von Harder war, lächelnd in dem Zimmer um, betrachtete mit satyrischem Wohlgefallen die aufgeschlagenen Notenblätter und sagte mit einer fast verschmitzten Vertraulichkeit:

Gnädige Frau, nicht wahr, Sie haben heute Akademie?

Pergolese, Bach und ein Hallelujah von Händel.

Sehr gut! Rüsten Sie sich auf Besuch!

Besuch? Wir schliessen jeden Besuch aus, Sanitätsrat! Es sind unsre Statuten

Es gibt Personen, die über Ihre Statuten erhaben sind!

Sanitätsrat!

Liebe Landrätin, ich kann Ihnen nicht verschweigenum drei Uhr beginnt Ihre Akademiegegen halb vier Uhr werden gewisse Herrschaften vorüberfahrenman wird die Klänge von Pergolese, Bach und Händel hörendiese Herrschaften werden aussteigenrüsten Sie sich, von Ihren Statuten eine Ausnahme zu machen!

Anna von Harder war fast auf einen Sessel zurückgesunken. Ihren gereizten Nerven bot diese Nachricht zuviel. Was jede Andre mit jubel, mit freudestrahlendem Entusiasmus aufgenommen hätte, warf sie nieder; sie konnte nur vorwurfsvoll, fast bittend zu dem arzt, dem Seelen-Diplomaten des Hofes, emporblikken, als wollte sie sagen: Drommeldei, wie konnten Sie mir Das tun!

Sie sind selbst Schuld an diesem Überfall, sagte das kleine magere Männchen, rückte an seiner weissen Halsbinde und wischte sich von dem Jabot einige Reste der letzten Prise, die er unterwegs Jemandem, vielleicht Schlurck, abgenommenDrommeldei trug selbst keine Dose, weil er Fälle hatte, dass ihm nervenschwache Damen bei seiner ihn nun genug folternden Liebe zum Schnupfen die Praxis gekündigt hattenSie sind selbst Schuld daran, liebe Frau Landrätin! Sie wissen, wie Sie der Hof verehrt! Sie wissen, wie oft man es Ihnen nahe gelegt hat, Sie sollten der Königin die Freude einer näheren Beziehung gönnen! Sie glauben nicht, wie sehr man in dieser Sphäre nach Gründen sucht, warum sich der Mensch täglich zwei, drei Stunden der notwendigkeit, über Toilette sprechen, Kleider an- und auszuziehen, Proben mit neuen Mustern machen zu müssen, auszusetzen hat! Alle Tage drei Mal umkleiden, das erfordert ein bedeutendes geistiges Gegengewicht! Seit Frau von Altenwyl am hof im vorigen Jahre von der Mauerschwalbe, von Shakespeare, von Ihrem Tempelheide, der Tierseele, Pergolese, Bach und Händel erzählte, wuchs die sehnsucht, Sie kennen zu lernen, bis zur Ungeduld. Der schlimme Winter, die politische Gährung dieses Frühjahrs, die mancherlei herbe bittre Erfahrung auf und an dem Trone trotz seiner erhöhten Sicherheit kam störend dazwischen. Nun aber ist der Wunsch dieser respektablen Menschen auf's Neue rege geworden. Entziehen Sie sich ihm nicht ...

Was kann ich ... was soll diese schwache Musik ... und der alte Herr ... unsre stillen Gewohnheiten ... diese Unordnung ...

Lassen Sie das Alles gut sein, meine Beste! sagte Drommeldei. Ich kann Ihnen, ohne Sie erröten zu machen, den Reiz nicht analysiren, den Sie auf die Herrschaften ausüben! Es liegt Das sehr tief und geht bis in die magnetischen Strömungen. Wenn ich bei meinem alten Freunde, dem Justizrat Schlurck wäre und er nicht seit dem glänzenden Avancement seiner schönen Tochter einen Hang zur Schwermut bekommen hätte, so würden wir über diese magnetischen Strömungen, ihren Zusammenhang mit dem Zeitgeiste, über Hofromantik und die christliche Staatsteorie sehr viel humoristische Knallbonbons wie beim Dessert eines guten Diners gegenseitig aufziehen. Allein Ihnen selbst gegenüber, die Sie diesen Zauber ausüben, Ihnen kann ich nur als Arzt sagen, dass Sie mir einen Gefallen tun, wenn Sie geduldig abwarten, was dieser Nachmittag über Sie verhängen wirdDas war das rechte Wort! sagte Anna von Harder und seufzte tief auf und sprach die Worte aus der Bibel, die Johannes der Täufer zu den Neugierigen sagte: Was seid ihr in die Wüste gekommen, um einen Mann zu sehen, der