harmlos, oberflächlich, einig, gleichbedeutend war den Uneingeweihten der Anblick des Lebens. Dankmar aber und sein Bund sah in den Millionen Dreiblättern die heimlichen Vierblätter der Verständigung, diese verkörperten Heurekas der Liebe, diese idealen Gefundenen, denen hier und dort, ohne dass sie von ihm geworben waren, zu begegnen, ihn oft mit Bewunderungsschauern vor der Macht einer idee erfüllte. Der Tempelstein im Westen trat in
Du erinnerst mich darin, sagte sie noch heute wieder, an die schöne Melanie, die jetzige Fürstin von Hohenberg! Diese von vielen Frauen verabscheute, aber nicht so schlimme gefeierte Schönheit war ohne stimme, ohne musikalisches Gefühl, aber sie nahm Anteil an unsern Übungen und nützte durch ihr vortreffliches Pausiren. Sie, die ein Recht hatte, die Zerstreuteste von Allen zu sein, zählte am besten.
Olga hätte nun gelegenheit gehabt, lebendig zu werden. Jene Melanie wurde erwähnt, die sie selbst in ihren Briefen als letzte Zuflucht jenes von ihr in so grellen Farben geschilderten Egon bezeichnet hatte. Sie hätte doch ausrufen müssen: Also wirklich ist Melanie die Fürstin von Hohenberg? Wie kam Das? Wie war Das möglich? Um Melanie diese Bewegung hier auf der Landstrasse? Um sie diese trappelnden Pferde, diese rollenden Reisewägen, dies Detachement Dragoner, das sich auf der Strasse bis Hohenberg vereinzelt zu postiren scheint?
Um Melanie dieser Staub, der glücklicherweise uns hier unter dem Pavillon nicht erreicht? Nichts von alle Dem. Sie hörte nur, wickelte an der Zwirnrolle, las eine Weile im buch, hörte den Verhandlungen Anna's mit der zuweilen Rats erholenden Dienerschaft zu, folgte alle Dem, was sie da vernehmen konnte, aber selbst schwieg sie. Sie schwieg zur lauten Erörterung manches Billets, das von der Stadt kam. Frau von Dahlen entschuldigte ihr Ausbleiben bei der Akademie. Frau Gräfin Mäuseburg im Gegenteil versprach nächstens eine junge Diakonissin, die eben erst vom Rheine gekommen war, mitzubringen und sie für die Akademie vorzuschlagen. Aktien, Loose, Unterschriften wurden angeboten oder von Anna gewünscht, wie Das im Leben eines mildtätigen Wesens den ganzen Tag nicht abreisst. Schriftchen wurden geschickt von Geistlichen, von Vereinen, sogar zwanzig-, dreissigfach kleine Traktätchen, die Anna befördern, verbreiten sollte. Eine Gesindebelohnungsanstalt schickte Rechnungsabschlüsse. Und dann das Klingeln am grossen Hoftor, wenn der Aktenwagen vom Obertribunal kam und für die greise, in der Stadt befindliche Excellenz die Akten repositorienhoch hereinfuhr und diese Ballen abgeladen wurden in der grossen Aktensammlung rechter Hand beim Eintritt in das zweistöckige Wohnhaus! Und wieviel kleine Mietswägen fuhren nicht vor und brachten nichts, als von jungen angehenden Rechtspraktikanten, neubeförderten Unter- und Hülfsarbeitern, jungen beim Obertribunal zugelassenen Advokaten Visitenkarten, um sich dem Chef der Landesjustiz zu empfehlen! Dazu dann der ewig bewegte Verkehr mit dem lebendigen hof, seinen Ställen und kleinen Käfigen! Auch heute musste Anna lachen, wie sie schon von der Strasse her einen Mann mit einem Tragkorbe auf dem rücken erkannte, einen Türingischen Vogelhändler, der regelmässig des Jahres einmal bei ihnen vorsprach und dem alten Herrn seine neuesten Gesangskünstler aus dem Harze vorführte. Der Mann schwang schon in der Ferne die Mütze und grüsste mit seinem Vogelgesichte. Er hatte selbst die Physiognomie seiner Vögel angenommen, war zum Tiere herabgestiegen, während bei ihm die Tiere emporstiegen. Dem altbekannten Papageno aus Türingen ging Anna selbst entgegen, empfing ihn im Vorhofe, hob die Decke von seinem Vogelkasten, in dem es hinund her zwitscherte und lustig auf- und niederhüpfte, liess ihm von dem ältesten Bedienten, der in jungen Jahren selbst ein gelernter Jäger war und über diesen Gruss aus dem wald seine innigste Freude hatte, – war er doch die rechte Hand des Präsidenten bei seinen Lieblingsexperimenten – ein vollständiges Frühstück vorsetzen und vertröstete ihn, seinen vieljährigen gönner, der ihm immer abkaufte und noch lieber sich mit ihm unterhielt und von seinen Beobachtungen in der Vogelwelt sich erzählen liess, nach zwei Uhr sprechen zu dürfen ...
Der Vogelhändler stellte seinen Kasten in die Hausflur, dicht neben ein grosses Drahtgitter, hinter dem es unten von Kaninchen, im zweiten Stockwerke von Dohlen und Raben, im dritten von kleinen Singvögeln lustig genug wimmelte. Biche und Alkmene, zwei hohe wie die schönsten englischen Misses schlanke Windspiele, umhüpften den Wohlbekannten freudig. Die drei Hauskatzen, Isis, Osiris und der grosse augenfunkelnde Bafomet, ein Kater, wie ihn die Egyptier mochten verehrt haben, schlugen mit ihren langen Schweifen hoch auf voll Gelüst und Erregung über die appetitliche gefiederte Zufuhr des Käfigs. Aber sie bezähmten sich, da der alte Diener sorge trug, ihnen grade im erwachenden Gelüst ihre Mittagsration vorzusetzen. Der Vogelhändler bekam auf einem Tisch in der steingepflasterten Hausflur seinen Imbiss ...
Es schlug eben ein Uhr; eben wollte Anna die Begleitung der Musikstücke, die heute in diesem wilden Bereich, fast wie Amphion tat vor den Tieren, die er durch die Leier zähmte, aufgeführt werden sollten, noch einmal durchspielen, eben trieb der alte Diener eine kleine Schildkröte, die seit Jahr und Tag im haus frei herumlief und von Musik wie die Spinnen nahe gelockt wurde, zum saal hinaus – die Akademie hatte die Bedingung jeder Sicherheit vor etwaigen tierischen Überfällen in der Luft oder wohl gar vor kriechendem Auditorium auf der Erde – als zwei rasch daher fahrende Wägen Anna's Aufmerksamkeit fesselten, sie sich erheben und dem Sanitätsrat Drommeldei und Otto von Dystra, die eben zusammen durch das von den beiden herabgesprungenen Mohren schon geöffnete Hoftor eintraten, entgegen gehen musste.
Zweites Capitel
Die natur