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seine Sache. Man nahm seine Papiere in Beschlag; man fand Aufsätze über Veränderung der Heerverfassung, Tagebücher über Dienstverhältnisse, die alle nur dazu beitragen konnten, den Triumph seiner Gegner zu erhöhen. Die ganze Schmach, die über einen aus dem Bann seiner Dienstetikette herausgerissenen Krieger von den üblichen feudalen und kriegsrechtlichen Vorurteilen verhängt werden konnte, lag schwer auf dem unglücklichen mann, der nach der Befürchtung seiner Freunde leicht damit enden konnte, sich eine Kugel vor den Kopf zu brennen. Werdeck konnte sich nicht ganz verteidigen. Er war in der Tat Mitglied eines Bundes, über den er jede Auskunft verweigerte ...

Auch den Freunden drohte Gefahr. Ihre Verbindung mit Egon war für immer abgebrochen. Einmal noch hatte Egon, der Allmächtige, an Louis Armand im alten Tone geschrieben und ihn gebeten, zu einer bestimmten Stunde sich bei ihm einzufinden, sich mit ihm zu verständigen. Er hatte ihn gewarnt vor Verbindungen, die er nicht näher angeben wollte. Er hatte ihn nicht ohne Herzlichkeit bei der alten Freundschaft beschworen, zu ihm zurückzukehren und sich durch den Weg, den er als Staatsmann genommen, nicht beirren zu lassen. Louis Armand hatte ihm herzlich, aber ablehnend geantwortet.

Du hast, mein Egon, schrieb er ihm, den Traum deiner Jugend ausgelebt! Er war schön ... und heilig bleib' uns die Erinnerung! Deine Fusstapfen werde' ich einst in Frankreich wiederfinden und Tränen sollen sie benetzen. Ich denke mir, es ist nur der irdische Stoff, der unsre Seelen auseinander trieb. Unser Ideal ist vielleicht noch immer dasselbe, nur dass ich mit einer Handvoll Arbeiter und einigen unabhängigen Denkern philosophire, du aber mit einem mächtigen Tron, einer stattlichen Kirche, einem gerüsteten Heereich glaube wohl, dass die positive Welt ihre eignen Bedingungen hat. Du besitzest einen hohen Bildnergeist. Du willst schaffen und achtest des Materials nicht viel, wenn es nur die Spuren deiner Hand annimmt. Die find' ich reichlich in deiner Regierung und die Art, wie du willst, macht dir alle Ehre, wenn auch Das, was du willst, mich anweht, wie das kalte grässliche Wort: Wir haben uns furchtbar aneinander getäuscht! Ein Fürst, der die Laune hatte, Arkadien zu spielen, konnte in arkadischen zeiten ewig der Freund des armen Ziegenhirten bleiben, den er in den Bergen liebgewann. Jetzt aber, wo die Ziegenhirten, barfuss und in Lumpen, selber aus den Bergen hervorkriechen und die Anmassung besitzen, über die Welt, nicht bloss über eine Panflöte, eine Meinung zu haben, jetzt hält sich ein solches Arkadien nicht lange, seine Ölbäume hängen trauernd ihre Zweige und seine Gipfel sind in Schnee gehüllt ...

Egon hatte auf diese teilweise in Versen geschriebene Epistel immer noch warm und bittend geantwortet. Louis verstummte. Später schrieb ihm der Fürst noch einmal, er müsse ihn wegen seines Umgangs mit Leidenfrost, Dankmar, Werdeck, besonders aber wegen seiner Besuche in der Willing'schen Fabrik und seiner Einwirkungen auf die Arbeiter warnen, er schickte sogar Agenten und Vertraute zu ihm. Louis erklärte, er wäre sich keines Misbrauchs der ihm hier bewilligten Gastfreundschaft bewusst, ja er hätte Beziehungen seines Ursprungs entdeckt, die ihm Heimatsrechte gäben. tages darauf bekam er die Ausweisung aus der Stadt und der ganzen Monarchie. Es war dies dieselbe Zeit, wo Werdeck schon vor dem Kriegsgericht stand. Louis war zu stolz, Einspruch zu tun. Er nahm Abschied von Dankmar, Siegbert, Dystra, der sich den Freunden teilnehmend erhielt, wollte auch zu Leidenfrost, erfuhr aber, dass dieser, der schon seit seiner Rückkehr vom Ullagrunde seiner Grabesrede wegen unaufhörlich verfolgt und natürlich auch sogleich von der Excellenz von Harder aus seiner offiziellen Sphäre verbannt war, bereits gefangen sässe. So blieb ihm nur Zeit, noch die uns bekannten Zeilen an Franziska Heunisch zu schreiben, Jagellona Werdeck zu trösten, die heldenmütig jeden Trost ablehnte, von Murray Abschied zu nehmen, der absichtlich die wohnung der Louise Eisold behielt, sich unter seinem englischen Namen als Kupferstecher behauptete und über das Vorhandensein eines Paul Zeck unter dem Siegel der Verschwiegenheit an Louis überraschende Mitteilungen machte, seine geschäftlichen Angelegenheiten zu ordnen und eine Stadt zu verlassen, die er unter so völlig entgegengesetzten, Gemüt und Geist so völlig anders ergreifenden Verhältnissen begrüsst hatte. Er begab sich vorläufig nach Belgien mit einer Empfindung, an die sich unsre Zeitgenossen gewöhnen müssen. Es ist dies das plötzliche Entrücktwerden aus einer im vollen Gange begriffenen Lebenstätigkeit, mitten aus dem angefangenen Worte, mitten aus dem kaum sich selbst klar gewordenen Gedanken heraus, mitten aus der liebenden Einwurzelung und Verrankung in teuerste Herzen, in häusliches Glück.

Dankmar und Siegbert waren gefasst auf's Äusserste. Weichen wollten sie nicht. Sie lebten in ruhiger Pflichterfüllung eine Weile hin, wirkend zwar für den grossen Bundeszweck der Brüder und Ritter vom geist, wirkend und werbend für dessen immer grössre und in der Tat wunderbar wachsende Verbreitung, aber besonnen, emsig beschäftigt mit Kunst, Wissenschaft und der Aufgabe, nun noch den letzten Versuch zu machen, ob nicht vor dem Obertribunal, vor jenem geheimnissvollen Oberpriester des Rechts, dem uralten Greise von Tempelheide, jener Anspruch geltend gemacht werden konnte, an den sich Dankmar jetzt schon krampfhaft klammerte nicht als Anker für sich, sondern als Steuerruder für das Fahrzeug seines Ordens vom vierblättrigen Kleeblatt. Wie war's damit? Wie man auf die Wiese geht und sieht in den Millionen Kleeblättern gleichsam die eine, grosse, ganze Menschheit, so